Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Forschungsprojekt Organisation von Prävention: Institutionelle Schutzkonzepte in der Erziehungshilfe (2014-2017)

Forschungsprojekt Institutionelle Schutzkonzepte in der Erziehungshilfe

Projektbeschreibung

Forschungsfeld: Erziehungshilfe  I  Soziales Phänomen: Gewalt, Grenzverletzungen in Institutionen

Das soziale Phänomen von Gewalt gegen junge Menschen in Institutionen und die sich daraus ergebende Fragen nach den Ursachen und Wegen der Verbesserung des institutionellen und fachlichen Umgangs mit Gewalt und Grenzverletzungen hat im Anschluss an Berichte und Selbstzeugnisse Betroffener und der öffentlichen Aufarbeitung im Rahmen runder Tische eine wichtige Rolle für die Neuregelungen des  Bundeskinderschutzgesetzes und die Entwicklung institutioneller Präventionsrichtlinien in dessen weiterem Nachgang gespielt.

 

Im Mittelpunkt des Forschungsprojektes (Start: 9/2014, Erhebung/Ausw. 3-12/15, Transf./Publ. 4/16-3/17) stand das Risiko der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in professionellen sozialpädagogischen Betreuungsverhältnissen, die sich durch die strukturelle und alltagsförmige Abhängigkeit der Adressat/innen auszeichnen. Abseits grundlegender Diskussionsbeiträge (systematisierend: Willems/Ferring 2014), erster emp. Bestandsaufnahmen (DJI 2011, UBSKM 2013) und einschlägiger kriminologischer und soziologischer Forschung (statt vieler: Stadler et al. 2012, Wetzels et al. 2001, Sutterlüty 2002) bestand ein Forschungsdesiderat dahingehend, welche Strategien und Konzepte in der ‚Tiefe‘ organisationaler Praxis Sozialer Arbeit (hier: Erziehungshilfe) Verwendung finden und welche Erfahrungen in bisheriger Umsetzungspraxis gewonnen wurden.


Forschungsdesign: Qualitative explorative Studie I Forschungsansatz: Organisationskultur,  Zuverlässigkeit


In einer qualitativen Studie wurde die Praxis institutioneller Schutzkonzepte von freien Trägern der Hilfen zur Erziehung  (HzE) in den Blick genommen, die vollstationäre, teilstationäre und ambulante Erziehungshilfen leisten. Explorativ ausgerichtet, wurden Erfahrungswerte in der ‚Tiefe‘ des Feldes sichtbar gemacht, um Anregungen für die Praxis der Erziehungshilfen geben zu können und die (zumindest) für den deutschsprachigen Raum erkennbare Forschungslücke zu schließen.

 

Dabei wurde angeschlossen an neure sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zu Organisationen, von denen seitens ihrer Umwelt ein hohes Maß an Zuverlässigkeit erwartet wird, obwohl sie mit schwer vorhersehbaren und unklaren Fallkonstellationen konfrontiert sind (vgl. Weick/Sutcliffe 2010, Müller 2009 u. 2012, Böwer 2012). Parallel andernorts begründeter Fokussierung der Adressat/innen-Perspektive (vgl. Forschungsverbund Ulm/Landshut/ Hildesheim 2014), interessierte der Fokus von Fach- und Führungskräften auf eigene Erfahrungen und Erkenntnisse im Erziehungshilfealltag und in der praktischen Umsetzung (primär-) präventiver Konzepte. Untersucht wurde, welche fachlichen Akzente, Prämissen und Betrachtungen hinsichtlich lokaler Praxen auch in ihren Bewährungsproben und Hindernissen im Hinblick auf eine achtsame Organisationskultur (vgl. Weick/Sutcliffe 2010, Böwer 2012) gesetzt werden. Anschließend an Vorgängerstudien zur Kinderschutzpraxis in bundesdeutschen Jugendämtern (vgl. Böwer 2012, 2013) wurde davon ausgegangen, dass professionale, organisationale bzw. organisationskulturelle Praxen sich in subjektiver Perspektive des Handelns unter Bedingungen loser Kopplung in Prozessen des Organisierens im Expert/innenwissen ablichten lassen und daher sinnvoll dort versammelt zu erheben sind (vgl. Wolff 1981, Weick 1985, Strauss/Corbin 1996).

Verlauf I  Forschungsmethodologie

Basierend auf einer Vorstudie in Form eines Expert/innenhearings auf dem 10. Kinderschutzforum an der Universität zu Köln (Sept. 2014) und der Sichtung vorliegender Konzepte und Diskurse wurden basierend auf der dokumentarischen Methode n. Bohnsack erste wiss. Erkenntnisse zum Diskurs von Schutzkonzepten und der Anwendung in Praxis erzielt (Publikation der Befunde: Böwer et al. 2015).
Hier wurde deutlich, dass Akteure des Feldes über keine in sich abgeschlossenen 'fertigen' Einschätzungen zu ihren professionalen Praxen des Schutzes vor Grenzverletzungen verfügen, sodern
sich diese in kollektiv geteilten 'Erfahrungsräumen' konstruieren und demzufolge dort hinsichtlich Sinnmustern zu rekonstruieren sind (vgl. Böwer et al. 2015, so anschl. an Bohnsack et al. 2010).

In einer leitfadengestützten Interviewstudie in Einrichtungen der Erziehungshilfe (Erhebung: 4/2015 - 12/2015) wurden diese Befunde hinsichtlich örtlicher Praxen, Hindernisse und Lösungsstrategien näher betrachtet - auch im Hinblick darauf, welche Handlungsempfehlungen daraus für die Praxis und Organisation von Prävention in der Erziehungshilfe gegeben werden können. Befragt wurden auf Basis einer Typenbildung stationärer Jugendhilfesettings im Schneeballprinzip eines Grounded Theory-basierten Forschungsstils durch Leitfadeninterviews insgesamt 20 (Präventions-)Fach- und Führungskräfte in 14 vollstationären Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen aus sechs Bundesländern (Schleswig-Holstein, Hamburg, Berlin, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern). Berücksichtigt wurden sowohl klassische Schichtdienstgruppen, Kleinstheime, intensivpädagogische Einrichtungen für Mädchen und Jungen, Inobhutnahmestellen und geschlossene Unterbringung; ferner weltanschaulich gebundene und nicht gebundene Träger und Einrichtungen; zwei der befragten Einrichtungen waren Mitglied des dachverbandlichen Netzwerks der Kooperationspartner Die Kinderschutz-Zentren/DKSB. (Zwischen-) Ergebnisse der Studie wurden prallel zur Erhebung in 2015 und 2016 im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen und Fachtagungen der Kooperationspartner systematisch mit dem Feld rückgekoppelt (siehe Publikationsübersicht).

 

Kooperationspartner

Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren, Köln
LWL Landesjugendamt Westfalen-Lippe, Münster
DKSB LV Schleswig-Holstein, Kiel

 

Finanzierung

Mittel der Senatskommission für Forschungs- und Entwicklungsaufgaben, Kath. Hochschule NRW.

 

Veröffentlichungen zum Projekt

 

Böwer, Michael: Schutz und Sicherheit im Zeichen der ...!? Der Blick auf Organisationen in der Debatte um 'Institutionelle Schutzkonzepte'. In: KJug, 62 Jg., H. 2/2017 S. 49-55

 

 

Böwer, M. (2016): "Wo man sich ja auch nichts vormachen muss: Das ist auf Papier, ne?' Schutzkonzepte für Kinder und Jugendliche in Institutionen. In: Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung Schleswig Holstein/DKSB LV Schleswig-Holstein (Hrsg.): Sichere Orte schaffen! Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch. Dokumentation der Regionaltagungen von 2014 bis 2016. S. 12-22. 

Böwer, M. (2015): Forschungsnotiz. Erste Befunde des Forschungsprojekts "Institutionelle Schutzkonzepte in Einrichtungen der Erziehungshilfe (ISkE)". In: Forum Erziehungshilfen. H. 3. S. 165-167

Böwer, M./Heinrichs, B./Naß, Mareike (2015): Institutionelle Schutzkonzepte in Einrichtungen der Erziehungshilfe. Befunde einer Forschungswerkstatt im Rahmen des Forschungsprojektes >ISkE<. In: Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V. (Hrsg.): Kindgerecht. Verändertes Aufwachsen in einer modernen Gesellschaft. Köln: Eigenverlag. S. 141-152

Böwer, M./Heinrichs, B./Naß (2015): "Wo man sich ja auch nichts vormachen muss: das ist auf Papier, ne?!" Ansatzpunkte und erste Befunde des Forschungsprojektes "Institutionelle Schutzkonzepte in Einrichtungen der Erziehungshilfe". In: Sozialmagazin. Heft 5I6. S. 44-53

Publikationen i.V.:
Böwer, M.: Sexualisierte Gewalt und Organisation. In: Retkowski/Treibel/Tuider (Hg.): Handbuch sexualiserte Gewalt und pädagogische Kontexte. (Beltz Juventa, erscheint am 21.8.2017)
Böwer, M.: Wenn Zivilgesellschaft High Reliability stiftet. Institutionelle Schutzkonzepte in Einrichtungen der Erziehungshilfe (ISkE) - eine empirische Studie zur Gewaltprävention in pädagogischen Kontexten. In: Schröer, A. et. al.: Organisation und ZIvilgesellschaft. (Springer VS. 2017)

Projektleitung
Prof. Dr. Michael Böwer

Dipl. Päd., Dipl. Soz.Arb./Soz.Päd.
Kath. Hochschule Nordrhein-Westfalen
Abteilung Paderborn, Fachbereich Sozialwesen
Leostraße 19, 33098 Paderborn
m.boewer[at]katho-nrw.de

Wissenschaftliche Hilfskräfte
Britt Heinrichs, B.A. Soz.Arb.
Mareike Naß, B.A. Soz.Arb.

Sarah Schmitz, B.A. Soz.Arb.

 

 

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