Symposium zur Angewandten Theologie am 28.01./29.01.2021 – online und gut besucht (04.02.2021, Paderborn)

Aufbruch in ein neues Land

Zeit für eine erste Bestandsaufnahme? Genau das. Seit dem Wintersemester 2020/21 ist er auf dem Weg – der neue Bachelor-Studiengang eines „Angewandte Theologie“ im Fachbereich Theologie der katho NRW, Abteilung Paderborn. Neue Module, andere Fragestellungen, herausfordernde Inhalte. Nach dem ersten Semester tut es gut, für eine Tagungslänge innezuhalten und auf den Studiengang wie auf die ersten Erfahrungen in Lehre und Forschung zu schauen. Vor allem aber ist es notwendig, sich über die Gestalt und den Gehalt einer „Angewandten Theologie“ zu vergewissern. Die Tagung selber steht in der bewährten Tradition der „Paderborner Symposien“, die der Fachbereich Theologie am Ende des Wintersemesters  ausrichtet – mittlerweile Jahr um Jahr etablierter Treffpunkt von Lehrenden, Ausbildungsverantwortlichen, aktuell Studierenden wie auch Ehemaligen, die sich über den laufenden Stand der Dinge an ihrer „alten Hochschule“ informieren wollen.

Praxis und Praktik – eine Meta-Theorie wissenschaftlicher Theologie?

So fiel der Gruß unseres Dekans, Prof. Dr. Kai G. Sander, zu Beginn der Online-Tagung nicht von ungefähr sehr herzlich aus: Vor dem neuen Roll-Up mit ebenso neuem Hochschul-Logo begrüßte er an seinem PC nicht nur die 62 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposions, sondern auch dem Rektor unserer Hochschule, Prof. Dr. Hans Hobelsberger, der es sich nicht nehmen ließ, gleich in seinem Eingangswort sehr behutsam ein Bild von dem zu zeichnen, was sich gerade erst als „Angewandte Theologie“ in Umrissen zeigt. Dazu unterschied er den Begriff der „Praxis“ von dem der „Praktiken“, die quasi als Narrative menschliches Handeln in Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft bestimmen. Eine Angewandte Theologie habe das Zeug, so der Rektor, zu einer Praxistheorie der Theologie als Ganzer zu werden. Zugleich könne sie zu einer Resonanztheologie werden, durch die die gesellschaftlichen Erfahrungen von Berührung, Selbstwirksamkeit und Transformation (Hartmut Rosa) akademisch aufgearbeitet werden könne. Das Thema war gesetzt für die erste Session „Angewandte Theologie an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaft“. Thematischer Focus der ersten Tagungseinheit war die Fragestellung „Was will und kann Angewandte Theologie? Wissenschaftstheoretische Programmatik“. Prof. Dr. Ralf Gaus, KSH Benediktbeuern und langjähriger Sprecher der Konferenz der Katholisch-Theologischen Fachbereiche an den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, entwickelte mit dem Bild einer Ellipse, deren Brennpunkte Theorie und Praxis sind, die Perspektive einer Theologie, deren Bedeutsamkeit und Relevanz sich in ihrer Praxistauglichkeit, aber auch in ihrer Fähigkeit erweise, denen, die sich mit ihr beschäftigen, Lebenswirklichkeiten zu erschließen. Engagiert warb er für eine Theologie, die sich in der Kooperation mit den Humanwissenschaften der Wirklichkeit vergewissere und so ihrem soziokulturellen Kontext gerecht werde. Prof. Dr. Wilhelm Tolksdorf, Fachbereich Theologie NRW, katho NRW, Abteilung Paderborn, entwickelte in seinem Impulsvortrag den Gedanken einer „Angewandten Theologie“ vom Begriff einer Theologie her, die ihren Ort und ihre Deutekraft unmittelbar aus dem Volk Gottes empfängt, das sich als Konversions-, Handlungs- und Weggemeinschaft je neu im Licht des Evangeliums an und in der Welt orientiert und seinerseits Suchenden und Fragenden lebensrelevante Orientierung gibt. Eine Angewandte Theologie sucht dabei nach Orten und Gelegenheiten, an denen sich das Wort Gottes bezeugt. Ihr wird die gelebte Praxis des Volkes Gottes zum Maß und Gehalt ihrer akademischen Arbeit. Thema der Angewandten Theologie ist ein mündiges Christsein, das lern- und überraschungsfähig bleibt – in der Welt, in kirchlichem Haupt- und Ehrenamt: „Was ich vermag, das will ich thun.“ (F. Schiller, Wilhelm Tell). In Workshops (ein Lob der Technik und ihren Möglichkeiten!) wurden die Vorträge - unter der Gesprächsleitung der Kolleginnen und Kollegen des Fachbereichs Theologie - von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bedacht und ausführlich diskutiert.

Unter folgendem Link sehen Sie die Aufzeichnung der ersten Session: youtu.be/QM5kKY3mQvg

Studium und (Berufs-)Biographie

So war der Boden gut bereitet für die zweite Session „Angewandte Theologie in Beziehung zur universitären Theologie“. Hier ging es um den Fragefokus „Wo sind die Lebens- und Handlungskontexte einer Angewandten Theologie? Blickfeld-Erweiterungen“. Prof. Dr. Dr. Oliver Reis, Institut für Katholische Theologie, Universität Paderborn, skizzierte den formalthematischen Zuschnitt universitärer Lehre, die letztlich in ihren Lehrformaten die Interaktion der akademischen Fachdiskurse simuliere. Sodann zeichnete er Baustellen für die Lehre an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Als fordernde Problematik kennzeichnete er die Notwendigkeit der Stoffreduktion - um den Preis einer scheinbaren Verobjektivierung des zu vermittelnden Stoffes. Und auch diese Art der Verobjektivierung fordere nochmalig ihren sehr hohen Preis: Sie trenne die Theorie von den spezifischen Praxislogiken der Institutionen, in denen die Studierenden von heute schon morgen werden arbeiten müssen. Prof‘in Dr. Bergit Peters, Fachbereich Theologie, katho NRW, Abteilung Paderborn, stellte aus der Perspektive der Religionspädagogik das Bild vom Menschen vor, dem sich eine Angewandte Theologie zu verpflichten habe: Wissen, Kompetenz, eine innere, orientierende Haltung seien fruchtbare Potenziale, dank derer Menschen in ihrem Leben Aufgaben wahrnehmen und Zugehörigkeiten erleben dürfen. Sich in den Dienst dieser Fähigkeiten zu stellen, sei das Thema nicht nur der Religionspädagogik, sondern auch das der Angewandten Theologie. Wieder luden die Kolleginnen und Kollegen zu Workshops, die – wie man hört – gute Gespräche ermöglicht haben. So zog der Dekan am Ende des ersten Tages mit seinen beiden ersten Sessions zufrieden eine vorläufige Bilanz: Man habe heute, so Prof. Dr. Kai G. Sander, einen Horizont ausgeschritten, um für Situationen, die wir noch nicht kennen, Handlungsfähigkeiten zu ermitteln. Und dies – glückliche Fügung – an einem 28. Januar, dem Gedenktag des Heiligen Thomas von Aquin.

Unter folgendem Link sehen Sie die Aufzeichnung der zweiten Session: youtu.be/FNz57WPKG7c

Noch halb in der Frühe, Punkt 9.00 Uhr, versammelte sich sodann die Community der Symposionsteilnehmer_innen am folgenden Tag erneut vor den heimischen Bildschirmen. Die Session 3 des Symposions stand unter der Thematik „Angewandte Theologie im Studienangebot der KatHO NRW“. Die leitende Fragestellung dieser Session lautete denn auch folgerichtig: „Wie arbeitet Angewandte Theologie? – Methodische und methodologische Fragen und Anknüpfungspunkte.“ Nach der Begrüßung der morgendlichen Runde durch unseren Dekan erging das Wort an Prof. Dr. Rainer Krockauer, katho NRW, Fachbereich Sozialwesen, Abteilung Aachen. Er entfaltete den Begriff der Angewandten Theologie auf mehreren Ebenen. Eine „Angewandte Theologie“ zu betreiben, lebe aus vier Konstanten: einer exemplarischen Präsenz, einer andauernden Ortsgebundenheit, aus einer Kontextualisierung und erweise sich als kollektive Aufgabe all derer, für die sie gilt. Exemplarisch präsent ist eine solche Theologie dort, wo sie bei den Leidenden und Marginalisierten ist. Exemplarisch ist sie aber auch dort, wo sie vom Anderen zu lernen bereit ist. Darin ist sie ortsgebunden, ist sie im besten Sinne regional, weiß sie um die konkreten Bedingungen des konkreten Ortes, der ihr Hintergrundwissen beansprucht und ihre Reflexion einfordert. Konfessionell geprägtes Denken prägt sich hier erst sekundär ein. Eine solche Theologie muss allerdings auch zur Kontextualisierung befähigt sein: In Elementarisierung, Plausibilisierung und Tradierung erschafft sie in „living documents“ Wegmarken für eine Zeugenschaft, in der der Anspruch des Evangeliums zum Maß des politischen wie sozialen Handelns wird. Prof. Dr. Rainer Krockauer betonte, dass es bei einer Angewandten Theologie immer um den Gestus des Gebens gehen müsse – das „Eigene“ aus der Hand zu geben, damit „Andere“ es anwenden – so wird das Evangelium gleichermaßen kollektiv wie sozial. Im Anschluss daran erörterte Prof. Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld, katho NRW, Fachbereich Theologie, Abteilung Paderborn, die Frage nach dem Praxisbezug und der Praxisrelevanz einer akademischen Theologie. Missverstehen sei dabei nicht zu vermeiden: Gibt es eine „richtige Theologie“, in kirchlicher Tradition zumeist als Systematik identifiziert? Ist „Theologie“ die Rede von der Berufspraxis künftiger Hauptamtlicher? Steht die Universitätstheologie für Neues, Innovatives, die Theologie an der Hochschule dagegen für die Handhabbarmachung von theologischen Konzepten und Entwürfen? Für Prof. Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld ist die Theologie – und eine „Angewandte Theologie“ zumal – eine Transferdisziplin zwischen Theorie und Praxis. Sie ist darin doppelt gefordert: Es gilt, den Begriff der Praxis zu bedenken sowie im Horizont einer dynamischen, wandlungsfähigen Gesellschaft den notwendigen Praxisbezug je neu zu sichern. Exemplarisch ist dafür das Gespräch der Theologie mit den Humanwissenschaften, die der Theologie bei ihrem Vorhaben, die menschliche Existenz aus der Perspektive Jesu zu „entdecken“ (R. Feiter), im Sinne konvergierender Optionen zu Geschwistern werden können. Eine Angewandte Theologie, die explorativ und experimentell zu arbeiten habe, müsse das Bild vom Menschen im Heilsraum Gottes leiten. Prof. Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld verweist hier auf die Potenziale einer praktisch-theologischen Ethnologie, er betont die inspirative Kraft, die der Wechsel der Lernorte für Studierende habe: Das Praktikum als generativer Ort der Theologie. Darin Studierende zu begleiten, sei ein starker, motivierender Auftrag für eine Angewandte Theologie. Zum Ende von Session drei sammeln sich, wiederum von Dekan Sander digital kompetent begleitet, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Workshops. Engagiert wird diskutiert, wird der Berufsalltag und die Berufspraxis von hauptamtlich in der Seelsorge Tätigen zum Thema. Das Zueinander von Theologie und Praxis, auch von Theologie und Sozialer Arbeit, findet in den einzelnen Gruppen ein engagiertes Forum des Dialogs.

 

Unter folgendem Link sehen Sie die Aufzeichnung der dritten Session: youtu.be/ahvaREZFgLQ

Studium und berufliche Praxis

Kurz ist die Pause, dann geht auch schon in die vierte und letzte Session: „Angewandte Theologie als akademische Basis für Handlungsfelder in Pastoral und Bildung in einer Umbruchszeit“. Der Focus der Session liegt auf der Frage: „Wann hat Angewandte Theologie ihr Ziel erreicht? – Blick auf Qualifizierungs- und Professionalisierungsprozesse“. Der Vorsitzende des Verwaltungsrates der katho NRW, Domkapitular Hans-Bernd Köppen, Bistum Münster, setzt hier eigene, innovative Akzente. In seinem Vortrag skizziert er den Wandel der Inhalte, aber auch die veränderten gesellschaftlichen wie kirchlichen Rahmenbedingungen eines Theologiestudiums. Eine sich erneuernde Pastoral fordere inhaltlich neue Themen, aber auch neue Wege der Aus- und der Fortbildung. Zusatzqualifikationen seien gefragt, die die künftigen Hauptamtlichen zu einem Dienst nicht nur in den größer gewordenen seelsorglichen Territorien von Gemeinde und Pfarrei, sondern auch zur Erfüllung von Sonderaufgaben – etwa in der kirchlichen Verwaltung – befähigen. Wichtig sei dabei eine gute spirituelle Fundierung des in der Theorie Vermittelten. Gefragt seien Männer und Frauen, die im Glauben auskunftsfähig sind und deren Theologie im Volk Gottes selbst ihren Ort habe. Im letzten Vortrag der Session 4 und des Symposions entwickelt Prodekan Prof. Dr. Werner Wertgen, katho NRW, Fachbereich Theologie, Abteilung Paderborn, eine philosophisch grundierte Sicht auf den Begriff einer Angewandten Theologie. Sein Vortrag nimmt das Auditorium in das Mitfragen und eigenständige Mitdenken. So geht es zunächst um Begriffsklärungen zu den Bedeutungsgehalten von Wissenschaft, Angewandter Wissenschaft, Theologie und Angewandter Theologie. „Wissenschaft“ wird dabei als methodengeleiteter Erkenntnisgewinn beschrieben, die „Angewandte Theologie“ kann in diesem Sinne als Erweiterung der Theorie auf die Phänomene einer kirchlichen Praxis verstanden werden. Prof. Dr. Werner Wertgen sieht als wesentlichen Beitrag einer Angewandten Theologie deren Tauglichkeit zur Professionalisierung von Studierenden für das vor ihnen liegende Berufsleben. Dazu benennt sie Aufgaben, Arbeitsfelder und das potentielle Selbstverständnis derer, die auf einen kirchlichen Dienst zugehen.

Wiederum ist das Gespräch in den anschließenden Workshops, kundig begleitet und moderiert von den Kolleginnen und Kollegen des Fachbereichs Theologie, lebhaft und sehr engagiert. Es zeigt sich, wie wichtig und schön es ist, sind unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Symposions auch „Ehemalige“, die aus ihrer Berufserfahrung auf ihr Studium an unserem Fachbereich blicken und so eine Expertise ganz eigener Art auf die Qualität des seinerzeit vermittelten und künftig zu vermittelnden Lehrangebotes geben. Aus dem Auditorium kommen denn auch wichtige Hinweise: Wie steht es um die Reduktion der inhaltlichen Komplexität in den neuen Modulen? Gibt es Orte der Rückmeldungen an unseren Fachbereich, in denen sich praktisch-theologische Fragen und Erfahrungen sammeln und dem Kollegium der Dozierenden zur Anregung und Aufgabe werden? Das IbiP, das Institut für pastorale Praxisforschung und bibelorientierte Praxisbegleitung, könnte, so die Überlegung, ein solcher Ort der methodisch-epistemischen Vernetzung von Praxis und Theologie sein. Auch die derzeitige Gestalt des „Orientierungspraktikums“ und des „Erprobungspraktikums Pastoral und Bildung“ werden vom Auditorium als innovativer Ort der Begegnung von Theorie und Praxis wahrgenommen. Und eines ist ebenfalls klar: Der Fachbereich Theologie wird auch künftig den engen Kontakt zu denen suchen, die vor Ort, in den Bistümern, für den Bereich der Aus- und Fortbildung unserer Absolventinnen und Absolventen Verantwortung tragen.

Unter folgendem Link sehen Sie die Aufzeichnung der vierten Session: youtu.be/bU0estJB-XU

Unbekanntes Land und neue Perspektiven

Dekan Prof. Dr. Kai G. Sander sieht denn auch am Ende des Symposions mehr als gut gefüllte Auftragsbücher für die Weiterentwicklung des Studienganges der Angewandten Theologie. Der Dekan benennt mit dem Hinweis auf den Fachbereichsrat und die Dozierendenkonferenz Orte, an denen mit den auf dem Symposion gewonnenen Einsichten zeitnah weitergearbeitet werden wird. Prof. Sander dankt den Referentinnen und Referenten, er dankt den Kolleginnen und Kollegen, die einen Workshop begleitet haben. Der Dank geht auch an Herrn Bastian Herera Bayo von der IT-Abteilung der katho NRW dessen Mithilfe und Rat den virtuellen Rahmen des Symposions möglich gemacht haben (an dieser Stelle unseren Dank auch an den Dekan, der sich um die digitale Realisation des Symposions - und dies sehr erfolgreich - gemüht hat!). Und überdies sei Frau Andrea Balsmeier, die Dekanatsreferentin des Fachbereichs Theologie, katho NRW, Abteilung Paderborn, keinesfalls vergessen: Umsichtig, kompetent und sehr engagiert hat sie für den organisatorischen Rahmen des Symposions gesorgt.

Abschließend verweist der Dekan darauf, dass die Beiträge der Referentinnen und Referenten, aber auch Auszüge aus den Debatten bald auch auf der Homepage des Fachbereichs zu hören und zu sehen sind.

Freitagmittag, 13.45 Uhr. Das Symposium ist beendet. Der Applaus aus dem Auditorium, der zwar nicht zu hören ist, der sich aber über die vielen applaudierenden Hände der Teilnehmerinnen und Teilnehmern in den Videokacheln ahnen lässt, zeigt: Nach dem Symposium ist vor dem Symposium. Wir freuen uns auf „das nächste Mal“ im Jahr 2022. Und: Wir sind bereit, uns mit dem neuen Studiengang der Angewandten Theologie auf neues Land zu wagen!

 

Prof. Dr. Wilhelm Tolksdorf 

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2021