Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Welche Heimat braucht der Glaube? (16.06.2016, KatHO NRW)

Moderator: Professor Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld

Professor Dr. Hans Hobelsberger

von links: Professorin Dr. Christiane Koch, Professor Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld und Studierende des Fachbereichs Theologie

2. Fachkolloquium des Instituts für pastorale Praxisforschung und bibelorientierte Praxisbegleitung (IbiP)

„Für mich hat heute der Begriff ‚Zerstreuung‘ eine viel positivere Bedeutung bekommen.“ – Diesem Feedback einer Teilnehmerin konnten am Ende viele Besucherinnen und Besucher des zweiten Fachkolloquiums zustimmen, welches das im vergangenen Jahr gegründete Institut für pastorale Praxisforschung und bibelorientierte Praxisbegleitung (IbiP) am 7. Juni 2016 in Paderborn veranstaltete. Interessierte aus ganz unterschiedlichen kirchlichen Kontexten, darunter auch erfreulich viele Studierende des Studiengangs Religionspädagogik, folgten der Einladung und fragten, welche Heimat der Glaube angesichts vieler gegenwärtiger Infragestellungen heute braucht.

Immer wieder, das wurde an dem von Prof. Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld moderierten Nachmittag deutlich, drohen die im Zuge der in allen Diözesen sich weitenden Pastoralen Räume und Seelsorgebereiche Orts- und Heimatlosigkeit. Der Rektor der KatHO und Pastoraltheologe Prof. Dr. Hobelsberger wies in seinem Vortrag auf die Sehnsucht der Menschen hin, angesichts der allgegenwärtigen und nach steter Optimierung strebenden Steigerungsspiele (Gerhard Schulze) sowie der permanenten Beschleunigung des sozialen Lebens (Hartmut Rosa) auch immer wieder Situationen des Ankommens und Verweilens erfahren zu dürfen. In postmodernen Zeiten kann diese Sehnsucht allerdings keine vorgegebene oder fixe Heimat stillen, sondern verlangt nach punktueller und auch wieder vorübergehender Wahl-Beheimatung. Will die Kirche diesem Verlangen genügen, gilt es Chancen zur Sammlung zu eröffnen – ohne dabei wie in der Hochkonjunktur der Gemeindepastoral der Versuchung zu erliegen, Menschen in kirchlicher Gemeinschaft dauerhaft binden zu wollen. Communio, so Hobelsberger, sei nicht die Eintrittskarte der Pastoral, sondern bestenfalls ihr Ergebnis. Von daher gehöre das Handeln der Christinnen und Christen nicht allein in die Ekklesia, also die Versammlung der Gleichgesinnten, sondern auch auf die Agora, den Marktplatz, und in die Paroikie, d.h. in die Fremde.

Professorin Dr. Christiane Koch griff diesen pastoraltheologischen Impuls auf und beleuchtete die Begriffe Heimat, Zerstreuung und Sammlung aus bibelwissenschaftlicher Perspektive. In Vortrag und Gruppenarbeit wurden hierfür verschiedene alt- und neutestamentliche Passagen herangezogen. Wichtig war Koch dabei, dass wir uns den Erfahrungsraum des jeweiligen Textes vergegenwärtigen und versuchen zu verstehen, auf welche Fragen die biblischen Worte ursprünglich antworten wollten. Auf diese Weise konnte deutlich werden, wie sehr die sog. Priesterschrift von einer bereits etablierten Diaspora geprägt ist und hierin Gott als denjenigen vorstellt, der sich von den Menschen, die ihn mit ganzem Herzen suchen, an neuen und unerwarteten Orten finden lässt. Mehr noch: Gott sammelt sein Volk, so Koch, in dem er sich an die Orte der Menschen, in die Wüste und Diaspora zerstreut. „Heimat“ ist vor diesem Hintergrund dann eher so etwas wie eine gemeinsame Erinnerung, der man voll Sehnsucht treu ist, als ein bestimmter Ort wie das für Juden so bedeutsame Jerusalem.

Die Auseinandersetzung mit den Schrifttexten gab Anlass dazu, im Hinblick auf die pastorale Gegenwartsituation neue Perspektiven zu gewinnen, Chancen zu erkennen und Denkanstöße zu erhalten. So konnten am Ende des Fachkolloquiums tatsächlich manche Vorbehalte gegenüber einer „Zerstreuung“, wie sie für die kirchliche Situation nach dem Ende vertrauter Selbstverständlichkeiten prägend ist, ein Stück weit überwunden werden. Und die Frage steht neu im Raum: Wo finden wir Heimat im Glauben?

Redaktion:
Prof. Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld, Eva Tadday

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Hans Hobelsberger
Tel.: +49 (0)221/ 7757-605
www.ibip-institut.de

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