Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Equador: Lena Klein, WiSe 2014/2015

…immer fleißig am Üben!
Timbales-Unterricht auf der sonnigen Dachterrasse der Musikschule
Blick von der Terrasse der Musikschule, der Guasmo von oben
Sonnenuntergang, jeden Abend ein absolutes Erlebnis!
Als wir mit 20 Personen des Projekts einen Ausflug ans Meer gemacht haben, um mit Kindern Recycling-Instrumente zu bauen, war dies die Bühne für unser Abschlusskonzert

Nach dem Bachelorstudium der Musiktherapie war ich bereits für eine Zeit in Lateinamerika zum Reisen. Dort hat es mir damals so gut gefallen, dass ich unbedingt wieder hinfliegen wollte. Das nächste Mal allerdings, wollte ich in einem sozialen Projekt mitarbeiten.  Ich habe dann erstmal einige Jahre Gitarrenunterricht gegeben, weil die Arbeitschancen für MusiktherapeutInnen leider sehr schlecht sind. Da mir das Unterrichten nie richtig gut gefallen hat als endgültige Perspektive, habe ich mich im Sommer 2013 für den Master „Netzwerke in der Heilpädagogik“ an der Katholischen Hochschule in Münster beworben. Dort habe ich mich dann dafür eingesetzt, dass ich das letzte Semester in Ecuador verbringen kann, um dort mein Studium der Musiktherapie und das der Heilpädagogik inhaltlich zu verknüpfen. Dies wollte ich über das Projekt „Musiker ohne Grenzen e.V.“ aus Hamburg tun.

Ich habe Musiker ohne Grenzen bei einer ausgiebigen Internetrecherche entdeckt und direkt Kontakt aufgenommen. Dieser Verein hat in Ecuador einige Musikschulen aufgebaut, in denen Freiwilligendienste geleistet werden können. Musikunterricht geben in einer anderen Kultur und auf einer anderen Sprache, das stellte ich mir als Erfahrung unglaublich spannend vor. Ich habe also Seminare des Masterstudiengangs inhaltlich vorgearbeitet, um Teilnahmescheine zu erwerben, welche ich durch meine Abwesenheit in den Seminaren nicht bekommen konnte. Zusätzlich habe ich einen Förderantrag bei der Andreas-Tobias-Kind-Stiftung in Norderstedt gestellt. Diese Stiftung fördert musiktherapeutische und heilpädagogische Projekte – für mich eine perfekte Kombination!

Mein Antrag wurde bewilligt, sodass ich mir um die Finanzierung der Flugkosten erst einmal keine Sorgen machen musste. Zusätzlich habe ich mich dann noch für das PROMOS-Stipendium beworben, welches ebenfalls bewilligt wurde. Um meine schon vorhanden Spanisch-Kenntnisse aufzufrischen, habe ich – ebenfalls von die Katholische Hochschule gefördert – einen Spanisch-Konversationskurs an der VHS Münster belegt.

Zur inhaltlichen Vorbereitung habe ich ein Seminar besucht, welches von Musiker ohne Grenzen im November 2014 in der Nähe von Hamburg angeboten wurde. Dort konnte ich die Mitwirkenden persönlich kennen lernen und schon einmal etwas über das Projekt in Ecuador erfahren. Anfang 2015 habe ich dann einen Brief für meine Gastfamilie in Guayaquil geschrieben. Die Koordinatoren der Musikschule „Clave de Sur“ haben eine Gastfamilie für mich gesucht und im Februar hatte ich dann ein sehr nettes Foto von der Familie „Falcones Alcívar“ in meinem E-Mail-Postfach – Vater Teodoro, Mutter Martha und die drei Söhne Aldo (12), Anthony (17) und Adrián (23). Damit konnte es also am 9. März 2015 losgehen in Ecuadors größte Stadt Guayaquil!

Angekommen bin ich am 9. März abends gegen 20 Uhr und ich wurde mit dem Auto am Flughafen abgeholt von einem der Koordinatoren. Wir sind ca. 45 Minuten durch die riesigen mehrspurigen Straßen gefahren, bis wir im Viertel Guasmo Sur angekommen sind. Guasmo Sur ist ein sozialer Brennpunkt, in welchem ca. 500 000 Menschen auf engem Raum zusammen leben. Bis vor einigen Jahren war es noch sehr gefährlich, das Haus zu verlassen, da es Bandenkriege gab. Seit ungefähr 2 Jahren allerdings, ist es sehr ruhig geworden. Die Häuser sind einfach - aus Ziegelsteinen und Zement und mit Wellblech bedeckt. Meine Gastfamilie lebt in einem Haus mit zwei großen Räumen – in dem einen Raum war die offene Küche und der Ess- und Wohnbereich. Im anderen Raum standen 4 Betten und der Fernseher – ein in Ecuador sehr wichtiges Utensil!

Das Bett, welches für mich gedacht war, war im vorderen Teil des Raums – mit Moskitonetz und Blick auf den Fernseher. Anfangs war dies für mich befremdlich, so komplett auf die Privatsphäre zu verzichten, welche wir hier in Deutschland alle so gewohnt sind. Ich habe mich aber wirklich sehr schnell daran gewöhnt und es später sehr genossen, immer mit meiner Familie zusammen zu sein, denn so kannte ich das aus Deutschland überhaupt nicht. Vor allem, da ich schon seit 9 Jahren nicht mehr zu Hause lebe.

Nachdem ich am nächsten Tag aufwacht war (aufgrund der Zeitverschiebung von 7 Stunden sehr sehr früh!), habe ich erst realisiert, dass ich wieder in Südamerika bin! Das Gewöhnen an die Hitze war wirklich besonders. Guayaquil liegt an einem Flussdelta des Río Guayas, im Süden von Ecuador. Es herrscht das ganze Jahr über tropisches Klima mit ca. 35° täglich und ganzjährig. Ich bin in der Regenzeit angekommen, was bedeutet, dass es meistens nachts sehr stark geregnet hat (manchmal hat es auf dem Wellblechdach so laut getrommelt, dass mir das Schlafen schwer fiel…). Tagsüber war es dann sehr schwül heiß und sonnig. Mosquito-Schutz ist unabdingbar!

Da gerade eine Woche vor meiner Ankunft das Ferienprogramm angefangen war, gab es eine Menge neuer Anmeldungen für den Unterricht und bereits nach dem zweiten Tag war mein Stundenplan schon voll. Ich durfte Gitarre, Klavier und Gesang unterrichten. Die Schüler kommen zweimal in der Woche für jeweils eine Stunde. Insgesamt hatte ich 10 SchülerInnen im Alter zwischen 7 und 25 Jahren. Die meisten haben sich für Gesang- und Gitarrenunterricht angemeldet und einzelne auch für Klavier. Die Unterrichtszeiten waren immer morgens von 10-12 Uhr und nachmittags von 15-21 Uhr. Da auch gerade 2 Monate Schulferien waren (März und April) und die Kinder und Jugendlichen vormittags Zeit hatten, waren meine Vormittage immer voll mit Unterricht. Immer voll… so ganz stimmt das auch nicht. Denn in Ecuador gibt es die sogenannte „hora ecuatoriana“, was bedeutet, dass man grundsätzlich nicht pünktlich mit etwas anfängt… Das heißt, der Koordinator mit den Schlüsseln für die Musikschule schließt auf keinen Fall pünktlich um 10 Uhr die Räume auf ? Da musste ich mich mit meiner deutschen Pünktlichkeit erst einmal dran gewöhnen bzw. war dann halt immer zu früh da. Angefangen wurde dann meistens gegen 10.20 Uhr. Und auch einige SchülerInnen sind nicht immer pünktlich gekommen und manchmal auch gar nicht. Es hat sich dadurch schnell herausgestellt, wer ernsthaftes Interesse und Motivation für den Musikunterricht hat.

Anfangs wurde ich immer von meinem kleinen Gastbruder zur Musikschule gebracht, weil ich den Weg noch nicht so gut kannte, aber auch weil es für AusländerInnen sehr gefährlich ist, im Guasmo alleine unterwegs zu sein. Die Gefahr, überfallen zu werden ist groß. Im Dunkeln war es für uns Freiwillige nie möglich, alleine aus dem Haus zu gehen, deshalb sind wir immer mit der großen Gruppe der Musikschule gegangen und wurden nach Hause begleitet. Dies war anfangs eine ziemlich große Einschränkung für mich, aus Deutschland kannte ich so etwas gar nicht. Und manchmal wäre ich auch gerne mal früher nach Hause gegangen abends, aber ich musste dann immer auf jemanden warten, der mich begleitet.

Das „Team“ der Musikschule besteht ca. aus 20 Personen, die regelmäßig zur Musikschule kommen. Da es die Musikschule schon seit 10 Jahren gibt (großes Jubiläum wird im August gefeiert!), gibt es mittlerweile auch viele Kinder und Jugendliche, die selber ihre Kenntnisse am Instrument weiter geben können. Ich war wirklich beeindruckt, was für Talente in Clave de Sur zu finden sind. Ein 17-jähriger junger Mann, der ca. 10 verschiedene Instrumente spielt (Gitarre, Klavier, Schlagzeug, Timbales, Percussion, Gesang, Trompete, Saxofon, Bass, Akkordeon…) und ein 14-Jähriger mit perfektem Gehör, der mit seinen Soli an Klavier und Gitarre unglaublich ist!

Und dann gibt es diese wunderbare Salsaband, die mich bereits am ersten Abend mit „Corazon espinado“ von Santana begrüßt hat. Ich habe auch selber Unterrichtsstunden in Timbales (Salsa-Schlagzeug) genommen und konnte mich so super an die Musik heran tasten.

Mit meiner französischen Freundin Marine, die vorher schon als Freiwillige für Musiker ohne Grenzen in Hamburg gearbeitet hat, habe ich zusammen einen Chor aufgebaut, mit welchem wir „Happy“ von Pharell Williams als Acapella-Stück einstudiert haben. Das war aber fast das einzige Stück, welches ich auf Englisch eingeübt habe. Musik auf Englisch kommt in Ecuador nicht sehr häufig vor. Überall in Guasmo ist zu jeder Tages- und Nachtzeit laute Musik zu hören. Meistens ist es Salsa, Cumbia, Reggaeton oder Bachata. Es ist niemals leise. Auch dies war etwas, woran ich mich sehr schnell gewöhnt habe und was ich jetzt in Deutschland sehr vermisse!

Nach zwei Monaten (Ende April) fand dann das große Abschlusskonzert statt. Dafür haben wir uns vormittags mit der Gruppe getroffen und die ganze Musikschule gesäubert. Alle Musikfans haben Besen, Eimer und Putzmittel mitgebracht und wir haben das ganze Gebäude von oben bis unten geputzt. Solche Aktionen fanden regelmäßig statt (ca. einmal im Monat, herrlich, um mit der Gruppe Zeit zu verbringen und so das Gruppengefühl zu stärken. Zudem bot sich auch regelmäßig eine Wasserschlacht zur Abkühlung an!). Im „auditorio“, dem größten Raum der Musikschule wurde anschließend eine unglaublich große Bühne und die Technik aufgebaut. Alles vom feinsten, so einen guten Sound habe ich auf einer Bühne schon lange nicht mehr erlebt!

Das Konzert hat dann fast drei Stunden gedauert und war toll. Ganz viele Schüler haben gezeigt, was sie in den zwei Monaten gelernt haben, und dies war eine Menge! Ich habe ungefähr nach 6 Wochen eine Inspiration gehabt und ein Lied auf Spanisch geschrieben. Für mich war dies die Art, meine Gefühle zu fassen und auszudrücken, die in der ganzen Zeit unglaublich intensiv waren. Das Lied kam richtig gut an – ich habe es mit einem tollen Gitarristen und mit Marine zusammen gespielt – und wirkt immer noch nach. Es wurde direkt am nächsten Tag auf Youtube gestellt und wahrscheinlich wird es auch beim Jubiläum im August gespielt werden; so schade, dass ich dann nicht dabei sein kann!

In meiner Freizeit an den Wochenenden bin ich häufig mit meiner Freundin und einigen Leuten der Musikschule ins Stadtzentrum gefahren, um die Stadt kennen zu lernen. Das war immer recht aufwändig, denn man war mit dem Bus ca. eine Stunde lang unterwegs, Guayaquil hat ca. 3 Millionen Einwohner und das Busnetz ist wirklich nicht einfach zu verstehen! Erst am Ende der 3 Monate habe ich mich in der Lage gefühlt, auch einmal alleine mit dem Bus loszufahren. Leider hatte ich dann keine Gelegenheit mehr, dies auszuprobieren. Beim nächsten Mal!

Nach dem Abschlusskonzert haben wir uns Zeit genommen, die anderen Projekte in Ecuador zu besuchen und kennen zu lernen. Es war sehr interessant die Unterschiede zu sehen. Im Projekt in Playas (Südpazifikküste) sind die Freiwilligen total selbstständig und können sich auch alleine bewegen, allerdings funktioniert die Musikschule auch ohne Freiwillige (noch) nicht so gut. In Zhagal (im Innland, südlich von Guayaquil) funktioniert die Musikschule ohne Freiwillige überhaupt nicht, da es sie erst seit ca. 2 Jahren gibt und noch keine SchülerInnen selbst unterrichten können.  Das Thema Nachhaltigkeit (Was passiert, wenn die Freiwilligen wieder gehen?) ist deshalb in allen Projekten sehr groß.

Text und Bilder: Lena Klein

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2014