„Man versteht den Missbrauch nicht, wenn man nicht die Mechanismen der Vertuschung versteht“ (07.06.2021, Münster)

Filmregisseur Christoph Röhl und Prof.'in Dr. Ursula Tölle

Großer Andrang beim digitalen Forum an der Piusallee mit Christoph Röhl

Als die hauptamtlich Lehrenden der katho in Münster im Dezember 2018 darüber nachdachten, wie sie als Kollegium einen Beitrag zur Thematisierung von Macht und Missbrauch in der katholischen Kirche leisten könnten, wussten sie noch nicht, dass sie ihre Suche nach einem entsprechenden Impulsgeber zu Christoph Röhl führen würde. Dass der britisch-deutsche Filmregisseur nun am 1. Juni zu Gast im digitalen „Forum an der Piusallee“ war, ist vor allem der Initiative von Ursula Tölle, Professorin für die Fachwissenschaft Soziale Arbeit in Münster, zu verdanken.

In dem Spielfilm „Die Auserwählten“ (2014) und der Dokumentation „Verteidiger des Glaubens“ (2019) beschäftigte sich Röhl gleich zweimal intensiv mit der Frage, welche systemischen Bedingungen langjährigen (sexualisierten) Missbrauch von Minderjährigen in unterschiedlichen Institutionen erst möglich machen.

„Das Thema lässt mich auch nach 11 Jahren Beschäftigung immer noch nicht los“, bekannte Röhl, der im Alter von 21 Jahren selbst für zwei Jahre als Englisch-Tutor an der Odenwaldschule tätig war und dem schon früh das Gefühl beschlich, dass hier „irgendetwas nicht stimmte“. Es war ein diffuses Gefühl, welches durch die späteren Aufdeckungen über systematischen Missbrauch und sexualisierte Gewalt eine dramatische Begründung erhielt.
Anhand von jeweils zwei mehrminütigen Szenen aus den beiden filmischen Werken zeichnete Röhl den knapp 200 zugeschalteten Teilnehmer_innen eindrucksvoll nach, welche Mechanismen dazu führen, dass Zustände wie eben an der Odenwaldschule über Jahrzehnte institutionell tabuisiert, vertuscht oder auch einfach hingenommen wurden. Genauso wie in der von Marcial Maciel (1920-2008) begründeten „Legion Christi“, die im Rahmen der Dokumentation Röhls „Verteidiger des Glaubens“ über den Lebensweg von Joseph Ratzinger als Beispiel thematisiert wurde, wie gerade Einrichtungen, die ein „Mythos des Elitären“ umgibt, besonders anfällig für die Entwicklung von Strukturen sind, die sexualisierte Gewalt und Missbrauch Schutzbefohlener ermöglichen.

Ob Odenwaldschule (die lange Zeit als Paradebeispiel einer progressiv-liberalen reformpädagogischen Bildungseinrichtung galt) oder katholische Kirche (welche – im Gegensatz dazu – sicherlich als konservativ-orthodox charakterisiert werden darf): Für Röhl sind es vor allem die Mechanismen der Vertuschung, die systematischen Missbrauch in solch geschlossenen Systemen überhaupt erst möglich machen: „Man versteht den Missbrauch nicht, wenn man nicht die Mechanismen der Vertuschung versteht“.
Viele der Anwesenden – von Studierenden über Lehrenden, bis hin zu Vertreter_innen aus Kirche, Politik und Presse – trieb die Frage um, welche Zukunft die katholische Kirche noch hat – in Anbetracht des dramatischen Vertrauensverlustes und angesichts immer höherer Austrittswellen. Auch hierzu äußerte sich der Filmemacher sehr konkret: Die Frage nach der Zukunft der Kirche werde sich daran entscheiden, ob sie bereit sei, die Frage zu beantworten, wie die angesprochene, jahrzehntelang andauernde Vertuschung, möglich gewesen sei.

Im Rahmen der Videokonferenz konnten sich die Zuhörer_innen auch mit eigenen Fragen und Beiträgen zu Wort melden, wovon auch vielfach und produktiv Gebrauch gemacht wurde.

Zum Ende der gut zweieinhalbstündigen Veranstaltung nannte Röhl auch Beispiele, wie eine Aufarbeitung gelingen könnte: Der ehemalige Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, der Jesuit Klaus Mertes, ging – nachdem ihm einzelne Fälle an seiner Einrichtung bekannt wurden - aktiv auf ehemalige Schüler zu und bat sie, sich zu melden. Mit dieser Aktion machte er viele Aufdeckungen erst möglich und handelte, um das Vertuschen zu beenden.
In der gleichen Tonlage resümierte Ursula Tölle als Gastgeberin schließlich: „Reden reicht nicht mehr, es muss jetzt auch gehandelt werden. Das wäre der notwendige nächste Schritt in allen Institutionen.“

Im Anschluss an die Veranstaltung gab es vielfach positive Reaktionen seitens der Teilnehmer_innen, welche die katho darin bestärken, auch weiterhin offen, aber auch selbstkritisch, mit systematischen Tragödien von Macht und Missbrauch in institutionellen Kontexten umzugehen.

Text: Prof. Dr. Johannes Nathschläger

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2021