Zum Tode von Wolfgang Jantzen (1941-2020) (04.01.2021, Münster)

Die Dozent_innen der Heilpädagogik der KatHO NRW, Abteilung Münster erinnern mit diesem Nachruf an den geschätzten Fachkollegen Prof. Dr. Wolfgang Jantzen, der im November 2020 verstorben ist.

Er war und ist einer der bedeutendsten Vertreter unserer pädagogischen Disziplin, ein unermüdlicher Streiter für die Rechte von Menschen in benachteiligenden und isolierenden Lebenslagen. Sein umfassendes Lebenswerk verortet sich in der Tradition einer kritischen Theorie, die auf eine veränderte gesellschaftliche Praxis, auf die Überwindung sozialer Ausgrenzung und auf ein vertieftes theoretisches Begreifen der sozialen Konstruktion von Behinderung zielt. Er rät in seinem vermutlich letzten Buch „Geschichte, Pädagogik und Psychologie der geistigen Behinderung“ (Berlin 2020) zur „ideologischen Entschlüsselung“ eines Denkens, das Behinderung als naturhaft gegeben betrachtet. Solche ideologische Entschlüsselung erfordert permanente Selbstreflexion und permanente Selbstkritik. Sie bedeutet, „vor allem unsere Teilhabe an diesem Prozess wahrzunehmen, indem wir, wie immer wir auch handeln, zugleich Teil der herrschenden Verhältnisse sind. Diese Reflexion verdeutlicht uns, dass wir unseren fachlichen und moralischen Auftrag der Rehistorisierung, der Deinstitutionalisierung und Integration und vor allem der Assistenz nur wahrnehmen können, indem wir zugleich in Verhältnissen arbeiten, die permanent jene Unterdrückung produzieren, die wir aufzuheben angetreten sind.“ (S. 201).

Dieses Denken in Widersprüchen hat uns in unterschiedlicher Weise nachhaltig geprägt und seine Idee einer synthetischen Humanwissenschaft und einer allgemeinen Pädagogik ohne Ausschluss bleiben uns in unserer Lehre, unserer Forschung und unserer gelebten Praxis Auftrag und Herausforderung zugleich.

Text: HP-Team der Abt. Münster

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2021