Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

KatHO NRW stellt Forschungen auf Jahrestagung des Kompetenzzentrums "Soziale Interventionsforschung" vor (17.11.2020, KatHO NRW)

 

Mit gleich drei Vorträgen war die KatHO auf der Jahrestagung des Kompetenzzentrums Soziale Interventionsforschung (KomSI) am 05. und 06. November 2020 vertreten. Unter dem Motto „Der Komplexität sozialer Fragen kontrovers begegnen. Soziale Interventionsforschung im Diskurs“ wurden empirische Befunde zur Interventionsforschung in der Sozialen Arbeit sichtbar gemacht und Fragen der Methodik und Theoriebildung verhandelt.

 

Judith Haase (Münster) stellte am 05.11. im Panel „Gewaltschutz und-prävention“ ihre Forschung zu Vulnerabilitätspotentialen und Bedingungen kindlicher Akteurschaft in Kinderschutzverfahren vor. Vor dem Hintergrund einer qualitativ-rekonstruktiv angelegten Analyse von Fallakten über diagnostische Kinderschutzprozesse zeigte sie, dass in Kinderschutzverfahren der Generierung eines möglichst umfassenden Wissens über die erfahrene Gewalt der Kinder hohe Priorität beigemessen wird. Nur wenn umfassende Informationen vorliegen, können entsprechende Hilfe- und Schutzkonzepte entwickelt werden, so die Idee der Fachkräfte. Dies führt dazu, dass die Interessen und Wünsche der Kinder der Notwendigkeit der Datenerhebung untergeordnet werden. Statt die individuellen Ansprüche der Kinder und ihre spezifischen Lebenssituationen in den Vordergrund zu stellen und den Kindern umfassende Autonomie zu ermöglichen, werden sie in den diagnostischen Prozessen in der Folge dadurch viktimisiert, dass die Erwachsenen über ihre Köpfe hinweg handeln und entscheiden. Auf der Basis der Forschungsergebnisse konzeptioniert Judith Haase damit einen Begriff von Intervention zum einen als Eingriff und Krisenintervention und zum anderen als paternalistischem Zugriff auf Kinder.

 

Am 06.11. standen im Panel „Methoden der Interventionsforschung“ die in den präsentierten Studien angewandten Methoden und ihre Eignung für die Interventionsforschung im Vordergrund. Gemeinsam mit Dr. Vanessa Schnorr (Katholische Hochschule Mainz) berichtete Judith Haase (Münster) aus dem Forschungsprojekt „Kinderschutzkarrieren“ (2017–2020), welches von der DFG gefördert und in Kooperation mit der Universität Koblenz Landau durchgeführt wird. Die Studie gliedert sich in drei empirische Module mit jeweils quantitativen und qualitativen Zugängen, in denen auf der Grundlage verschiedener Datenbasen unterschiedlichen Fragestellungen nachgegangen wird. Das Ziel ist die Rekonstruktion der organisationalen Herstellung von Kinderschutzverläufen, der Beschreibung von Fallverläufen, Hilfekarrieren und biographischen Verläufen und der Analyse der Auswirkungen von Schutzmaßnahmen auf Kinder und Jugendliche. Die Geeignetheit für die Interventionsforschung sehen die Referentinnen in der Triangulation dieser Zugänge hinsichtlich Methoden, Material und Theorien. Das Interventionsverständnis der Studie basiert zunächst normativ auf dem Programmsatz des SGB VIII, dessen spezifisches Ziel es ist, junge Menschen zu fördern, aber auch sie vor Gefahren für ihr Wohl zu schützen. Insofern werden entsprechende Interventionen in der Studie als Kriseninterventionen in Form von Kinderschutzmaßnahmen in den Blick genommen. Vor diesem Hintergrund werden Interventionen mit einem multiperspektivischen Ansatz analysiert, als mehrdimensional hinsichtlich Personen, Organisationen und auch Interventionen verstanden und (Krisen-)Interventionen als Kooperationsleistung von vielen Akteur_innen untersucht. Von diesem Begriff ausgehend nähert sich das Projekt empirisch den Wahrnehmungen und Deutungen dessen, was Fachkräfte wie auch Adressat_innen als Interventionen verstehen. Die Ergebnisse der Studie legen offen, dass Kinderschutzhandeln Antinomien unterliegt: Kinderschutzerfahrung wird einerseits als Bezugs- und konkreter Wendepunkt im Leben der Biographieträger_innen der gewürdigt, andererseits aber auch als nur (erneute) kurzzeitige Stabilisation wahrgenommen – die nachhaltig aber instabil ist, zur Fortführung bisheriger Strukturen beiträgt und in ihrem Erfolg sodann kritisch hinterfragt wird. Zudem ermöglicht Kinderschutzhandeln Erfahrungen von ‚exklusiven Beziehungen‘, Selbstwirksamkeit und Möglichkeiten der Aus- oder zumindest Mitgestaltung der eigenen Biographie, kann zugleich aber auch als Fortführung bisheriger krisenhafter Verlaufskurven verstanden werden, die im Wesentlichen geprägt sind durch Fremdbestimmung und durch die Erfahrung, dass niemand beständig zu verstehen und helfen versucht.

 

Ebenfalls im Panel „Methoden der Interventionsforschung“ gab Johannes Mertens, Transferreferent und Lehrbeauftragter (Aachen), Einblicke in theoretische und methodologische Bezüge des partizipativen Transferforschungsprojekts „Versorgungsbrücken statt Versorgungslücken“.

Das Pilotprojekt des Transfernetzwerks Soziale Innovation – s_inn läuft zurzeit (2019–2022) mit insgesamt drei Transferinitiativen an den Standorten Aachen (Leitung Prof. Dr. Krockauer) und Paderborn (Leitung Prof. Feeser-Lichterfeld). Die ‚Transferinitiative Aachen‘ besteht aus einem interdisziplinären Team der Abteilung Aachen und des Caritasverbandes für das Bistum Aachen. In sechs Organisationen der Sorgearbeit am Lebensende, in ambulanten und (teil-) stationären Alten- und Pflegeeinrichtungen, Hospizen sowie Einrichtungen der Eingliederungshilfe, werden organisationsinterne Teilprojekte partizipativ entwickelt und mit übergreifenden Keyholder-Treffen und Workshops, öffentlichen Kolloquien sowie einer im Januar 2021 startenden Interviewstudie mit dem Titel „Spiritualität zu Corona Zeiten“, miteinander verbunden. Dieser partizipative Transferlernprozess versucht als wohltemperierte Innovation in der Mitte der jeweiligen Organisation anzusetzen und aus dieser Mitte heraus eine nachhaltige Selbstorganisation zu begünstigen. Idealerweise geschieht dies als Kultivierung einer Störung der 2. Ordnung, die es den Organisationen ermöglicht, sowohl über ihre Identität als auch Varietät nachzudenken.

Mit dem Vortragstitel „Spiritualität und Transferlernen in Care-Laboren als organisationale Heterotopien“ skizzierte Mertens einen Zugang zu den Themenfeldern Transferlernen, soziale Innovationen und Spiritualität. Mertens orientierte sich dabei an den in den bisherigen Initial- und Entwicklungsphasen des Projekts entstandenen Prototypen organisationaler Transferlernformate, die unter dem Neologismus „Care-Labore“ zusammengeführt werden. Entlang des Begriffstableaus um Michel Foucaults Arbeiten der Pastoralmacht, Gouvernementalität sowie der transformativen Ethik, stieg Mertens in seinen Zugängen zu den zentralen Themen im partizipativen Trialog zwischen Forschenden, Praxisorganisationen und -teams sowie Betroffenen ein. Neben der Operationalisierung einer offenen, demokratischen Begrifflichkeit klinischer Spiritualität, wurde die Verbindung zum Thema des Transferlernens über ein systemtheoretisches Verständnis hergeleitet. Hier sei generell, so Mertens, zunächst recht nüchtern zu verzeichnen, dass sich (Transfer)Lernen für Organisationen häufig nicht lohne und soziale Innovationen entweder kleinschrittig oder sehr selten ablaufen. Das Bestreben der Care-Labore im Projekt ist also eine praktische Bewährung der angestoßenen Selbstorganisationen, damit sie langfristig einen Unterschied machen. In den je nach Organisation unterschiedlich gestalteten Care-Laboren sind wir Teil eines Prozesses, den wir während der Intervention – als experimentelle und partizipative Auftragsstellung und Lösungsfindung – miterstellen, so Mertens.

 

Trotz massiver Auswirkungen der gesellschaftlichen Pandemie und entsprechenden Herausforderungen und Veränderungen im Handlungsfeld, gibt es im Projekt keine Abbrüche, sondern vielmehr responsive Umbrüche und Neujustierungen zu verzeichnen –  und das anhand einer nochmals mehr ins Zentrum gerückten Grundthematik.

 

Mit ihren Präsentationen ihrer empirischen Befunde konnten Frau Haase (Münster) und Herr Mertens (Aachen) dazu beitragen, Fragen der Methodik und Theoriebildung zu verhandeln, Konturen Sozialer Interventionsforschung zu schärfen und Perspektiven für eine zukünftige Soziale Interventionsforschung zu entwickeln.

 

 

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2020