Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

„Wo wohnst du?“ (Joh 1,38) – Das Kontaktseminar Option für die Armen forciert quartiersbezogene Wohnkonzepte (26.02.2019, Münster)

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Kontaktseminar Option für die Armen 2019

Das Bielefelder Modell, vorgestellt von Oliver Klingelberg, BGW Bielefeld

Sie treiben die Quartiersorientierung in Politik und Praxis voran (v.l.n.r.): Harald Wölter (Bündnis 90/Die Grünen), Birgit Edler (Ambulante Dienste e.V.) und Bernd Mülbrecht (Förderverein für Wohnhilfen e.V., Europa.Brücke.Münster)

Sr. Hilmtrud Wendorff im Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Hülshoff

„Und was soll ich nun in Illyrien machen?“ Markus von Hagen rezitiert Shakespeares „Was Ihr wollt“

Kann man im Gefängnis wohnen? Kann man unter einer Brücke wohnen? Was meinen wir, wenn wir von „wohnen“ sprechen? Mit dem Phänomen des Wohnens, mit prekären Wohnsituationen, Wohnungslosigkeit und neuen Wohnkonzepten befassten sich 40 Ordensleute, Sozialarbeiter_innen und Studierende der KatHO NRW beim diesjährigen Kontaktseminar Option für die Armen vom 11. – 15. Februar 2019 in Münster.

Die anderen Orte der Armen
Andrea Tafferner, Professorin an der KatHO NRW, eröffnete das Thema aus anthropologischer und sozialethischer Perspektive. Wohnen ist unsere „dritte Haut“, ein „umfriedeter Gefühlsraum“ (J. Hasse) und ein Menschenrecht (vgl. Art. 25,1 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte). Anknüpfend an den „Spatial turn“ in den Sozialwissenschaften und an Michel Foucaults Rede von den Heterotopien wurden der alltagsweltliche Raum des Wohnens und die „anderen Orte“ der Armen und Marginalisierten in den Blick genommen. Welche „anderen Orte“ haben wohl die beiden Johannes-Jünger gesehen, als sie Jesus fragten „Rabbi, wo wohnst du?“, und dieser ihnen antwortete: „Kommt, und ihr werdet sehen“ (Joh 1,38)?

Wohnen im vertrauten Quartier
Wie eine sichere und sozial verantwortbare Wohnungsversorgung und Stadtentwicklung aussehen kann, erläuterte Oliver Klingelberg von der Bielefelder Gesellschaft für Wohnen und Immobiliendienstleistungen (BGW). Das „Bielefelder Modell“ steht für Wohnen im vertrauten Quartier mit umfassender Versorgungssicherheit. „Wir wollen nicht auf grüner Wiese etwas Neues bauen, sondern im Quartier eine tragende soziale Infrastruktur aufbauen“, so Klingelberg.
„Selbstbestimmt leben in vertrauter Umgebung“ ist auch das Ziel, das Harald Wölter und Birgit Edler verfolgen. In einem Parforceritt führte Harald Wölter, Mitglied im Rat der Stadt Münster und Wissenschaftlicher Mitarbeiter der NRW-Landtagsfraktion der Grünen, den Seminarteilnehmer_innen die politische Arbeit und parlamentarische Initiativen im Bereich Wohnen/Stadtentwicklung vor Augen. „Wir wollen dazu kommen, dass wir Konzeptausschreibungen machen.“ So könnten Kommunen Aufträge an Investoren vergeben, die bestimmte Kriterien von Quartiersentwicklung erfüllen. Dazu brauche es aber u.a. eine Verbesserung der Refinanzierung von Wohn- und Hausgemeinschaften, eine ressortübergreifende Planung in den Kommunen und inklusive Beteiligungsformen. Birgit Edler von den Ambulanten Diensten e.V. konnte den Gewinn von Quartiersarbeit an drei Quartiersstützpunkten in Münster aufzeigen. „Es muss sehr viel mehr barrierefreier Wohnraum für Jung und Alt in den Wohnquartieren zur Verfügung stehen“, so eine ihrer Forderungen.
Sozialarbeiter Bernd Mülbrecht berichtete von der Arbeit des Fördervereins für Wohnhilfen e.V. und zwei seiner erfolgreichen Wohnprojekte: Unter dem Titel „Wohnen 60plus“ wurden 2013 in der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche und gerade eben im Januar 2019 in den sogenannten York-Höfen Apartments für ehemals Wohnungslose geschaffen. Zum Konzept dieser Wohnungen gehören das „Gruppenwohnen“ und die „Mantelsorge“. So wurden bei der architektonischen Planung neben barrierefreien Apartments auch Gemeinschaftsräume eingeplant. Der in den Niederlanden vertraute Begriff der „Mantelsorge“ bezeichnet „das Drumherum, das nicht einzeln abrechenbar ist“, wie z.B. Hauswirtschaftshilfen, Alltagsbegleitung und sozialarbeiterische Unterstützung.
Bei den „Besuchen vor Ort“ konnte die eine Hälfte des Seminars die Apartments in den York-Höfen kennen lernen. Die andere Hälfte machte einen Rundgang durch das Bahnhofsquartier. Lukas Brinker, Sozialarbeiter im Haus der Wohnungslosenhilfe, führte durch das Viertel mit seinen aktuellen Baustellen, die eine Vertreibung der Drogenszene befürchten lassen. Gemeinsam mit Krankenschwester Cordula Leusmann hieß Lukas Brinker anschließend die Gruppe im Haus der Wohnungslosenhilfe willkommen.

Machtmissbrauch in der katholischen Kirche
Weitere Themen prägten die Seminarwoche: Markus von Hagen lud zu einem kultur- und literaturgeschichtlichen Nachdenken über „Improvisation als Not(lösung) und als Lebenskunst“ ein. Thomas Hülshoff, soeben emeritierter Professor an der KatHO NRW, erläuterte, warum sich helfende Berufe mit Burnout-Prophylaxe befassen müssen. Er referierte zentrale medizinische Erkenntnisse und wichtige Schutzmechanismen wie die gegenseitige Unterstützung und Beratung („Never work alone!“).
Darüber hinaus waren der sexuelle und spirituelle Missbrauch in der katholischen Kirche das Thema, das sich durch die ganze Woche hindurch zog.  Die Zusammensetzung des Seminars aus Ordensleuten und Studierenden ermöglichte einen intensiven Austausch über den Missbrauch von Macht, über das Verständnis der evangelischen Räte Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam und vor allem darüber, wie wir lernen können, Missbrauchs-Opfern zuzuhören.

Das Kontaktseminar Option für die Armen findet seit 1991 jedes Jahr im Februar an der KatHO NRW Abteilung Münster statt. Unter der Leitung von Sozialarbeiter Bernd Mülbrecht und Professorin Andrea Tafferner dient es dem Austausch und der Fortbildung von Ordensleuten, Studierenden und Fachkräften sozialer Dienste, die auf der Grundlage des Evangeliums die Option für die Armen leben wollen.


Text und weiterführende Informationen: Prof. Dr. Andrea Tafferner, a.tafferner(at)katho-nrw.de
Fotos: Theresa Frye, Anja Mai, Andrea Tafferner

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