Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Familienarmut – Schwerpunkthema des 28. Kontaktseminars „Option für die Armen“ an der KatHO Münster (27.02.2018, Münster)

„Den Kindern fehlt die Zuwendung ihrer Eltern“. Claudia Gawrich von RENOVABIS mit Bernd Mülbrecht von der „Europa.Brücke.Münster“

Die Problematik der „Eurowaisen“ im „Fish-Bowl“: die Positionen unterschiedlicher Entscheidungsträger müssen ausgehandelt werden.

P. Bernd Heisterkamp OSFS: „Ich habe Respekt vor den Eltern, die sagen ‚Wir kriegen es alleine nicht mehr hin‘.“

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Kontaktseminar Option für die Armen 2018

Nachdenkliches zu Kinderarmut und Familiennachzug: Dr. Stefan Nacke, Vorsitzender des Kolpingwerkes NRW und Landtagsabgeordneter, mit Professorin Andrea Tafferner.

Anregende Gespräche im Haus der Familie Münster: Marie-Louise Haschke, pädagogische Mitarbeiterin, Sr. Dietmara Ahlmann und Studentin Carolin Farwick (v.l.n.r.)

Familien, die in Armut leben, sind vielen Belastungen ausgesetzt. Umso wichtiger ist für sie der familiäre Zusammenhalt. Doch genau der wird häufig zur harten Belastungsprobe.

„Eurowaisen“ werden mittlerweile die Kinder in Mittel- und Osteuropa genannt, die bei Großeltern, älteren Geschwistern oder Nachbarn zurückgelassen werden, während die Eltern oder ein Elternteil Arbeit in Westeuropa suchen. Die Lebenssituationen dieser durch Armut zerrissenen Familien standen im Mittelpunkt des diesjährigen Kontaktseminars „Option für die Armen“ an der KatHO Münster.

50 Ordensleute und Sozialarbeiter/innen aus dem ganzen Bundesgebiet sowie Studierende der Sozialen Arbeit und Heilpädagogik haben in der Woche vom 19.-23. Februar 2018 spezifische Fragestellungen zur Lebenssituation von Familien in Deutschland sowie in Mittel- und Osteuropa in den Blick genommen. Mehrere Gastreferenten ermöglichten eine intensive Auseinandersetzung darüber, wie Familien nachhaltig unterstützt werden können.

Claudia Gawrich, Referentin bei Renovabis, dem Osteuropa-Hilfswerk der Katholischen Kirche in Deutschland, berichtete von einem Projekt im nördlichen Albanien. Dort, wo der Staat sich komplett zurückzieht und Soziale Arbeit tatsächlich nicht existiert, ist die Kirche eine der wenigen Institutionen, die für die Menschen da ist. Mit Projektpartnern vor Ort wird in Bildung und Landwirtschaft investiert.

Lukas Brinker, Sozialarbeiter in der Beratungsstelle „Europa.Brücke.Münster“, schilderte Möglichkeiten, wie durch eine gute Netzwerkarbeit Hilfen für nicht-leistungsberechtigte EU-Bürger/innen organisiert werden. In den Räumen der „Europa. Brücke. Münster“ arbeiten auch Tom Heßler und Judith Schmidt, die sich einer besonderen Aufgabe widmen: als „Wohnlotsen“ coachen sie Familien bei der Wohnungssuche und beim Umzug von einer Notunterkunft in eine eigene Wohnung.

Gastreferent P. Bernd Heisterkamp OSFS ist Leiter des Jugendhauses Salesianum in Paderborn. Er erläuterte das Konzept seiner Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung. Im „Skills-Training“ lernen die Kinder und Jugendlichen, wie sie Angst- und Stresssituationen besser regulieren können. Durch die pädagogische Arbeit des Jugendhauses werden die Eltern entlastet und können wieder Zuversicht und Sicherheit in ihrer erzieherischen Aufgabe finden.

Maik Hempen arbeitet als Sozialarbeiter im Kettelerhaus in Münster. Er befasste sich mit der Frage: Was heißt „Familie“ für unbegleitet minderjährige Flüchtlinge, deren Familienangehörige (noch) im Heimatland oder in einem Flüchtlingslager leben, als vermisst gelten oder im Krieg bzw. auf der Flucht gestorben sind? An die Stelle der Familie ist zwar ein Hilfesystem getreten, doch ersetzen kann es die Familie natürlich nicht.

So war der Familiennachzug für Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz auch Thema im Gespräch mit dem Landtagsabgeordneten Dr. Stefan Nacke von der CDU. Er zitierte den früheren Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm, der im Namen der christlichen Soziallehre für den Familiennachzug eintritt. Der Politiker befasste sich u.a. auch mit einer generellen „Kindergrundsicherung“.

Neben den eingeladenen Referenten berichteten auch mehrere Teilnehmerinnen von den Erfahrungen in ihren Arbeitsfeldern: Benediktinerin Sr. Johanna Wiese leitet die Martinsscheune im Kloster Dinklage, eine Herberge für Menschen in Not. Die Dominikanerin Sr. Klarissa Watermann ist als Sozialarbeiterin bei der Bahnhofsmission in Frankfurt/Main tätig und verfügt über eine langjährige Erfahrung in den Bethanien-Kinderdörfern. Schwester Monika Plank, Mitglied der Gemeinschaft Caritas socialis, berührte alle mit der Schilderung ihrer Erlebnisse in der Wohnungslosenhilfe in St. Bonifaz in München.

Der „Besuch vor Ort“ führte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diesmal in das „Haus der Familie Münster“, einer Familienbildungsstätte in katholischer Trägerschaft. Dort berichteten die pädagogischen Mitarbeiterinnen Gaby Gerigk-Kues, Marie-Louise Haschke und Barbara Lipperheide von den Angeboten, die speziell für sozial benachteiligte Mütter, Väter und Kinder konzipiert wurden wie beispielsweise die Babyspielstunde „Sure Start“ oder die „Bildungspiloten“.

Die Moderatoren des fünftägigen Seminars, Sozialarbeiter Bernd Mülbrecht und Professorin Andrea Tafferner, bedankten sich bei allen, die zum Gelingen dieser sowohl informativen als auch  begegnungsreichen und spirituellen Weiterbildung  beigetragen haben. Familie – im Evangelium ist sie nicht nur der Ort, wo unterschiedliche Generationen Verantwortung füreinander übernehmen, sondern eine neue Form von Gemeinschaft: „Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk 3,35)

 

Text und weiterführende Informationen: Prof. Dr. Andrea Tafferner

Fotos: Theresa Frye, Marion Nettels, Andrea Tafferner

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