Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

 

„Das Evangelium, Europa und die Welt“ – wie lässt sich ein solch weites Thema für ein Seminar aufbereiten? (16.02.2017, Münster)

Geografie: Wo liegen Ceuta und Mellila?

Politik und konkrete Unterstützung: Lukas Brinker, Bernhard Mülbrecht, Till Meinelt und Stefanie Beckmann von „Europa.Brücke.Münster“, Claudius Voigt von der GGUA, Prof. Andrea Tafferner von der KatHO Münster (v.l.n.r.)

Freundschaft mit den Armen: Dr. Svenja Burger und Ursula Kalb von der Gemeinschaft Sant’Egidio (v.l.n.r.)

Gemeinsam für Pluralität und Diversität: Dr. Sylvester Ihuoma, Dr. Miled Abboud (v.l.n.r.)

Nicht nur, aber auch ein intergenerationelles Seminar: Die Teilnehmer/innen am Kontaktseminar Option für die Armen 2017

Beim 27. Kontaktseminar Option für die Armen an der KatHO Münster stellten sich rund 50 Ordensleute und Sozialarbeiter/innen aus dem ganzen Bundesgebiet sowie Studierende der KatHO NRW diesem großen Thema. Aus ihrem sozialarbeiterischen Alltag wissen sie, dass die Armutsproblematik mit gesamteuropäischen und globalen Fragestellungen verwoben ist. Sozialarbeiter Bernd Mülbrecht und Prof. Dr. Andrea Tafferner von der KatHO Münster hatten das Programm mit Elementen aus Fortbildung, Begegnung und Spiritualität für die Woche vom 6.-10.2.2017 zusammengestellt.

Geografie und Geschichte kennen
Es sind nicht zuletzt die Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kommen, die ein neues Nachdenken über Europa ausgelöst haben. Wissen wir, wo genau die Außengrenzen der EU verlaufen? Kennen wir die Länder an der Südküste des Mittelmeeres? Sind uns zentrale geschichtliche Ereignisse der europäischen Geschichte bekannt - vom Imperium Romanum bis zum Untergang des Osmanischen Reiches und der Kolonialgeschichte? Am ersten Tag des Seminars wurde mit Landkarten gearbeitet, an eigene Reiseerinnerungen angeknüpft, Geografiewissen getestet.  „Ich war erschrocken, dass ich mir bei den mittel- und osteuropäischen Mitgliedsstaaten der EU so unsicher war. Das hätte ich nicht gedacht“, so eine Teilnehmerin.

Mut zu kreativen Lösungen
Was erwartet die Migrant/innen in Deutschland? Für Claudius Voigt von der gemeinnützigen Gesellschaft zu Unterstützung Asylsuchender (GGUA e.V.) gibt es nach wie vor zahlreiche Willkommens-Initiativen. Aber zugleich gebe es seit Oktober 2015 einen „Wettlauf an Gesetzesverschärfungen“, so Voigt. Dazu zählen die Einschränkung des Familiennachzugs, die Wohnsitzauflage auch für anerkannte Flüchtlinge, die Verschärfung der Abschiebepraxis. Wer mit Geflüchteten arbeitet, weiß, welch groteske und unmenschliche Situationen durch solche Bestimmungen entstehen können.
Für die Gruppe der Migrant/innen aus armen EU-Ländern wie Bulgarien und Rumänien ist die Situation am schwierigsten. Das gesamte Team von „Europa. Brücke. Münster“, einer Beratungsstelle der Bischof-Hermann-Stiftung für neu zugewanderte EU-Bürger/innen in prekären Lebenslagen, war am zweiten Tag zum Seminar gekommen. Während es für Geflüchtete ein Mindestmaß an Unterstützung gebe, sind EU-Migrant/innen vom sozialen Sicherungssystem ausgeschlossen. Der Zugang zu einer Arbeitsstelle sei daher der Schlüssel für weitere Hilfen. Außerdem müssten die Kommunen daran erinnert werden, dass auch für Menschen ohne Leistungsanspruch eine Unterbringungsverpflichtung besteht. Für Bernhard Mülbrecht hat die Ankunft von Geflüchteten bei den Kommunen einen großen Innovationsschub ausgelöst. „In kurzer Zeit wurde Erstaunliches geleistet. Unterbringungskapazitäten mit gutem Standard wurden geschaffen“, so Mülbrecht. Diese Fähigkeit zur kreativen Lösung von Problemen müsste nun auch für die Unionsbürger/innen eingefordert werden.

Eine Kultur des Zusammenlebens aus dem Geist des Evangeliums
Der dritte Seminartag war der Gemeinschaft Sant’Egidio gewidmet, die für ihr klares Bekenntnis zu einer Kultur der Freundschaft und des Friedens bekannt ist. Ursula Kalb aus München, Mitbegründerin von Sant‘Egidio in Deutschland Anfang der 80er Jahre, und Dr. Svenja Burger aus Köln stellten die Gemeinschaft vor. „Friede beginnt damit, zu den Armen zu gehen“, so ihre Botschaft. Den Armen, wer auch immer sie sind, als Freunden zu begegnen, heißt allererst ihnen zuzuhören. Das Hören steht auch im Zentrum des täglichen Gebets von Sant‘Egidio. Das Evangelium hören und von Jesus zu lernen, ist das Fundament der Gemeinschaft. Einander zuhören ist auch der Schlüssel für den Dialog der Religionen, dem das jährlich stattfindende „Weltfriedenstreffen“ dient. Dieses von Sant’Egidio organisierte internationale Friedenstreffen wird 2017 erstmalig in Münster und Osnabrück stattfinden (10.-12.9.2017). Ermutigend erlebten die Seminarteilnehmer/innen den Bericht über die „Humanitären Korridore“. Auf der Grundlage eines Abkommens mit dem italienischen Staat hat die Gemeinschaft Sant'Egidio gemeinsam mit der Union der Evangelischen Kirchen Italiens (FCEI) und der Waldensertafel bislang 540 Flüchtlinge aus Kriegsgebieten mittels „humanitärer Visa“ auf sicherem Weg nach Italien geholt. Ob solche Abkommen auch mit Deutschland möglich sind? „Ja, wir versuchen es auch hier, gerade im Vorfeld des Weltfriedenstreffens“, versicherte Ursula Kalb.

Europa in den Augen arabischer und afrikanischer Christen
- so war der vierte Tag überschrieben. Es sind ja keineswegs nur engagierte Bürger/innen der Aufnahmegesellschaft, die für eine europäische Kultur der Offenheit und Pluralität tätig sind. Vielmehr sind es die Zuwanderer selbst, die hier eine wichtige Rolle spielen. Dr. Miled Abboud, maronitischer Priester aus dem Libanon, leitet die Gemeinde der arabisch sprechenden Christen im Bistum Münster. Viele Christen aus Syrien und dem Irak gehören zu seiner Gemeinde. Für Pfarrer Abboud hat die arabisch sprechende Gemeinde eine Mission für die deutsche Gesellschaft und Kirche. „Unsere Identität hilft Deutschland, die multikulturelle Gesellschaft zu leben“, so Abboud. Warum? Im Libanon, in Syrien und im Irak gehört der Islam zur Identität der Christen. „Wir wollen auch in Deutschland mit Muslimen zusammenleben. Und auch die Muslime brauchen uns.“ Zudem setzen die Christen des Orients auch innerhalb der katholischen Kirche ein wichtiges Signal. Denn Katholiken aus dem Orient kennen eine große Vielfalt an unterschiedlichen Riten, um Gottesdienst zu feiern und ihren Glauben zu leben. Die Katholiken in Deutschland dagegen kennen in der Regel nur den lateinischen Ritus. „Für uns ist Katholizismus heterogen, nicht homogen“, so Pfarrer Abboud.
Der Beitrag von Dr. Sylvester Ihuoma, Pfarrer der afrikanischen Christen in Münster und Sprecher der afrikanischen Gemeinden in Deutschland, setzte weitere Akzente. Sklavenhandel und Kolonialismus haben auf dem ganzen afrikanischen Kontinent tiefe Auswirkungen bis heute hinterlassen. Für eine gemeinsame Zukunft von Afrika und Europa wären eine offizielle Anerkennung aller Versäumnisse und die Übernahme von Verantwortung für die Gewalt, die Afrikanern angetan wurde, nötig. Zudem würde in der derzeitigen europäischen Flüchtlingspolitik die Frage nach den Fluchtursachen viel zu kurz kommen. „Fluchtursachen werden produziert“, mahnte Ihuoma. Im Bild der Familie gesprochen könnte seiner Meinung nach Europa so etwas wie ein „älterer Bruder“ sein, der Sorge trägt für kleinere Geschwister und den Zusammenhalt der Familie garantiert. „Ergreift Europa Partei für den Frieden? Sorgt Europa für eine Hoffnung für Afrika? Sorgt Europa für einen fairen Handel? - Wir bauen auf euch!“

Besuche vor Ort
Einen Nachmittag standen „Besuche vor Ort“ auf dem Programm. Der Besuch des Friedenssaals im Rathaus erinnerte an den Westfälischen Frieden von 1648 als Teil der europäischen Identität. Eine kleine Gruppe war Gast im Klarissenkloster am Dom, um im Gespräch mit Sr. Conrada „Spuren europäischen Denkens bei Klara und Franz von Assisi“ nachzugehen. Der Großteil der Seminarteilnehmer/innen informierte sich über Angebote der Wohnungslosenhilfe: Vom gelungenen Wohnprojekt „Wohnen 60 Plus“ in der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche, über den zentral in der Innenstadt befindlichen „Treffpunkt an der Clemenskirche“ bis zu den erschreckend notdürftigen Wohncontainern der „Winternothilfe“ am Albersloher Weg.
„Die Rede von ‚Freundschaft‘ und von ‚Freunden‘ statt von Klientinnen und Klienten – das war sehr befremdlich für mich und wird mich noch am meisten beschäftigen“, meinte am Ende der Woche Maike Koenen, Studentin der Sozialen Arbeit. „Ich habe einen ganz anderen Blick auf Wohnungslosigkeit in Münster erhalten“, war das Fazit einer anderen. Und im Blick auf die Notwendigkeit, nie aufzugeben, sondern immer nach kreativen Lösungen zu suchen, resümierte Sr. Leelamma aus München: „Es geht vieles, es muss nur jemand da sein, der kämpft und schiebt.“

Text und weiterführende Informationen:
Prof. Dr. Andrea Tafferner, a.tafferner@katho-nrw.de

Fotos:
Sina Ullrich, Marion Nettels, Sr. Dietmara Ahlmann

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