Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Franca Moewes

„Was machen Sie beruflich?“  

„Seit Anfang 2014 arbeite ich bei der Caritas in einer Fachambulanz für Suchtkranke in München und bin hauptsächlich für den Bereich des Betreuten Einzelwohnens zuständig. Es ist ein sehr niedrigschwelliges und aufsuchendes Beratungsangebot und soll Suchtmittelabhängige und psychisch Mehrfacherkrankte dabei unterstützen, langfristig selbstständig und möglichst unabhängig und sozial integriert zu leben.  Zuvor und während des Masterstududiums habe ich in einer Rehakinik für Drogenabhängige als Einzel- und Gruppentherapeutin gearbeitet.“

„Welche Ausbildung haben Sie bzw. was haben Sie studiert?“

„Nach der Fachhochschulreife habe ich von 2004 bis 2008 an der Fachhochschule Münster „Soziale Arbeit“ studiert und dort noch das sogenannte „Doppeldiplom“ erworben, also Dipl.- Sozialpädagogin/Dipl.-Sozialarbeiterin. Der inhaltliche Schwerpunkt im Hauptstudium war bei mir dann auch der Bereich Jugendkriminalität, Drogenhilfe und Sozialmedizin. In meiner Diplomarbeit habe ich mich sehr kritisch mit dem Betäubungsmittelgesetz auseinandergesetzt.
Nach zwei Jahren Berufeinstieg und ersten Praxiserfahrungen in der Jugendhilfe habe ich dann von 2011 bis 2013 den Master of Science in Suchthilfe und Suchttherapie an der KatHO in Köln in Angriff genommen.“

„Warum haben Sie sich für den Weiterbildungsstudiengang an der KatHO entschieden?“

„Das hatte verschiedene Gründe. Zum einen hatte ich schon nach dem Diplom den Gedanken im Kopf, irgendwann noch einen Master „draufzusetzen“ und mich in der sozialen Arbeit zu spezialisieren, wusste aber damals einfach noch nicht so genau, in welchem Bereich. Die Dozenten in Münster hatten uns Studierenden zudem zu einem Masterstudium geraten, da sie die Befürchtung hatten, dass mit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System, das Diplom auf lange Sicht an Wert verliere; vor allem hinsichtlich der Gehaltseinstufung.
Während meines ersten Jahres als Berufsanfängerin in einer Mutter-Kind-Einrichtung der stationären Jugendhilfe habe ich dann immer wieder gemerkt, dass ich in Gesprächen mit den jungen Müttern unsicher war und mir mehr „therapeutisches Wissen“ und mehr Sicherheit in der Gesprächsführung gewünscht habe. Da entstand dann der Wunsch, irgendwann noch eine therapeutische Ausbildung zu machen. In der Arbeit mit jungen Menschen ist natürlich auch immer wieder das Thema Drogenkonsum aufgetaucht und aufgrund meines Schwerpunkts im Diplomstudium bin ich darauf auch sofort angesprungen und habe mich weiterhin dafür interessiert.
Ich habe mich dann nach zwei Jahren aus der Jugendhilfe wegbeworben und gezielt nach Stellen in der Suchthilfe gesucht und hatte dann das Glück, dass ich die Stelle in der Fachklinik für Drogenabhängige gefunden und bekommen habe. Für die Stelle als Einzel- und Gruppentherapeutin war die Ausbildung zur Suchttherapeutin eine Voraussetzung und so habe ich mich nach Weiterbildungsmöglichkeiten umgeschaut.
Von dem „Suchthilfemaster“ hatte ich schon während des Diplomstudiums gehört und als ich dann festgestellt habe, dass die Weiterbildung zur Suchttherapeutin in das Masterstudium integriert ist, war die Entscheidung schnell gefallen. Mit dem Suchthilfemaster konnte ich schließlich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.“

„Können Sie in Ihren Worten beschreiben, was in dem Studiengang lernen/gelernt haben?“

„Viel. Und zwar in beiden Schwerpunkten; einerseits im Master of Science und andererseits in der Ausbildung zur Suchttherapeutin in Verhaltenstherapie. Im Master war es vor allem theoretisches Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Forschung: Wie entstehen psychische Erkrankungen wie die Sucht; und damit ist nicht nur die Abhängigkeit von Suchtmitteln gemeint, sondern auch Verhaltenssüchte und andere psychische Erkrankungen, die häufig mit einer Abhängigkeit einhergehen, wie Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, und so weiter. Was passiert bei einer Abhängigkeit aus psychologischer Sicht, also zum Beispiel der Entwicklungspsychologie, Verhaltenspsychologie und vielen weiteren psychologischen Theorien und verschiedenen therapeutischen Ansätzen? Welchen Einfluss hat die Neurobiologie auf die Erkrankung einerseits und auf die Behandlung der Erkrankung andererseits? Was passiert im Gehirn, wenn Menschen süchtig sind? Was sind die sozialen Aspekte der Suchterkrankung? Wie verhält es sich mit den sozialen Netzwerken von Betroffenen, wie werden sie in der Gesellschaft integriert oder stigmatisiert?
Natürlich war einer der Schwerpunkte im Master of Science auch das wissenschaftliche Arbeiten und die Masterthesis als Forschungsarbeit. Da in meinem Diplomstudiengang die Forschung eher nachrangig war, habe ich hier auch nochmal einiges Neues an wissenschaftlichen Methoden und Herangehensweisen gelernt.
Im Rahmen der therapeutischen Ausbildung zur Suchttherapeutin habe ich vor allem viel über mich selbst gelernt. In den „Modulen“ Supervision und berufliche Selbstreflexion waren die Schwerpunkte vor allem auf der Selbsterfahrung und der Möglichkeit, Unsicherheiten, Fragen und Erfahrungen aus der täglichen Praxis, bei mir aus der Rehaklinik, anzusprechen und gemeinsam mit dem Supervisor und der Gruppe, zu reflektieren, Lösungen zu erarbeiten und in die Rolle als Therapeutin hineinzuwachsen.
Im Nachhinein profitiere ich von vielen Inhalten des Studiums, sei es das theoretische Wissen oder die therapeutische Ausbildung, wobei ich letzteres als absolutes „Herzstück“ des Suchthilfemasters ansehe. Dort habe ich sehr wertvolle Erfahrungen gesammelt und Dinge über meine Arbeit und mich selbst gelernt, die man nirgendwo mal so eben nachlesen kann.“

„Was ist das Besondere an dem Studiengang?“

„Für mich sind es vier Aspekte, die den Studiengang besonders machen. Zum ersten ist er nebenberuflich angelegt und somit gibt es einen sehr engen Theorie-Praxis-Transfer, der mir beim Diplomstudium damals oft gefehlt hatte. Vieles, was ich in den Seminaren gehört und gelernt habe, konnte ich direkt in meinem Arbeitsalltag für mich überprüfen, beobachten, ausprobieren und wieder als Frage in das Studium einbeziehen.
Der zweite Aspekt ist der Masterabschluss an sich. Mit dem Masterabschluss habe ich als Sozialpädagogin die Möglichkeit, in einer Hochschule als Dozentin oder wissenschaftliche Mitarbeiterin zu arbeiten und sogar zu promovieren, wenn ich das anstrebe. Im Sinne einer Professionalisierung der Sozialen Arbeit ist der Master of Science auch eine Chance für unseren Berufsstand und die Ausbildung zum Sozialarbeiter, zur Sozialarbeiterin. In meinem Diplomstudium gab es vielleicht zwei  Lehrende, die Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen waren. Alle anderen kamen aus anderen Professionen, oft ohne Praxisbezug in der Sozialen Arbeit.  Daher habe ich damals schon mit dem Gedanken gespielt, irgendwann einmal im Studiengang „Soziale Arbeit“ zu dozieren, weil ich es selbst als Studierende sehr positiv bewertet habe, wenn Dozenten einen Praxisbezug aus der Sozialen Arbeit mitbrachten. Das ist mir nun mit dem Masterabschluss möglich.
Der dritte Punkt ist die Spezialisierung im Bereich Suchthilfe und Suchttherapie. Ich habe mich nach „dem kurzen Ausflug“ in die Jugendhilfe für die Arbeit in der Suchthilfe und ihrer herausfordernden Klientel entschieden und bin froh, dass es die Möglichkeit gibt, sich auch in diesem besonderen Bereich weiterzubilden.
Last but not least ist es die anerkannte therapeutische Zusatzausbildung, die - wie schon erwähnt -, das absolute Herzstück und die Krönung dieses Studiengangs darstellt.
Wenn ich jetzt nach über einem Jahr zurückblicke und mich frage, ob ich etwas aus den 5 Semestern Masterstudium vermisse, dann sind es ganz klar die Runden und Gespräche in der Supervision und der beruflichen Selbstreflexion, der Austausch mit den Kommilitonen und unserem Supervisor.
Die therapeutische Ausbildung und die Ausbildungsgruppe hat mich durch das gesamte Studium getragen und mich immer wieder aufgefangen, wenn ich mir mal gedacht habe: „Wieso tue ich mir den Stress neben der Arbeit eigentlich an?“  Die soziale Unterstützung, der hohe Erfahrungsgewinn und die Wertschätzung untereinander in der therapeutischen Ausbildung macht den Studiengang für mich besonders.“

„Wie studiert es sich an der KatHO?“

„Ich kann ja jetzt lediglich von den fünf Semestern im Masterstudium berichten und war ja zumeist an den Wochenenden dort und habe somit wenig vom regulären Hochschulbetrieb mitbekommen. Für den Master gab es festgelegte Zuständigkeiten vom Prüfungsamt, Sekretariat und auch an Dozenten. Bei organisatorischen Fragen konnte ich mich immer an das Sekretariat wenden und bei inhaltlichen Fragen oder bei den Modulprüfungen und Hausarbeiten, gab es die Möglichkeit, Kontakt zu den Dozenten und Dozentinnen aufzunehmen, meist per Email, aber auch telefonisch. Die meisten Lehrenden waren engagiert und haben sich gut vorbereitet. Wie es immer so ist gab es natürlich didaktische Schwankungen und auch Themenschwerpunkte, die weniger interessant waren als andere. Im Masterstudium gab es  einige festangestellte Dozenten und Professoren von der KatHO, aber auch viele Dozierende aus anderen Hochschulen und vor allem aus der Suchthilfe-Praxis, also zum Beispiel Leiter von Fachkliniken und Fachambulanzen. So wurden einerseits viel Abwechslung und viele Eindrücke aus verschiedenen Arbeitsfeldern geboten, die ich als sehr positiv wahrgenommen habe. Andererseits kam es dadurch nicht selten zu inhaltlichen Wiederholungen, da die Dozenten untereinander nicht wussten und ja auch nicht wissen konnten, was ein anderer Dozent oder Dozentin bereits inhaltlich in das Studium eingebracht hatte. Das war dann zum einen für die Dozenten schwierig und führte zu Frust und Unmut bei uns Studierenden, wenn wir im fortgeschrittenen Studium zum wiederholten Male „Grundlagen-Modelle“ erklärt bekommen haben.
Bei einem nebenberuflichen Studium wie dem Suchthilfemaster kommt natürlich als erschwerender Aspekt die Organisation und Semesterplanung hinzu. Die Vorlesungszeiten am Wochenende beschnitten ja immer auch die eigene Freizeit und wertvolle Erholungszeit vom Arbeitsalltag. Für mich als Studierende war es dann natürlich ärgerlich, wenn Seminare ausgefallen sind oder wenn die Vorlesungszeiten an ein Wochenende mit Feiertag gelegt wurden, was zum Glück selten vorkam.
Ich ziehe aber auch heute noch meinen Hut vor der engagierten Arbeit im Sekretariat und der Schwierigkeit, die verschiedenen Interessen zu koordinieren. Ganz grundsätzlich betrachtet war ich alles in allem mehr zufrieden als unzufrieden mit dem Studium an der KatHO.“

„Wie haben Sie den Spagat zwischen Beruf und Studium gemeistert?“

„Das frage ich mich jetzt im Nachhinein auch noch oft. (lacht) Es war wirklich sehr anstrengend und zeitintensiv und für mich bedeutete es auch viele organisatorische Herausforderungen. Ich habe während des Masterstudiums in Karlsruhe gewohnt und auch dort in der Fachklinik in Teilzeit gearbeitet, meist so 25 bis 30 Stunden pro Woche, ohne Überstunden. In der Klinik war es so geregelt, dass die Psychotherapeuten, zu denen ich mich zählen durfte, freitags in der Regel frei hatten, um die Wochenenddienste auszugleichen. So konnte ich während der Vorlesungszeiten circa alle zwei Wochen am Freitag die 300 Kilometer nach Köln antreten, ohne dass es Schwierigkeiten oder Engpässe in der Arbeit gegeben hat. Ich war dann von Freitag  9 Uhr früh  bis Samstag abend 21 Uhr unterwegs. Entweder bin ich mit einer Kommiltonin mit dem Auto gependelt und wir haben uns abgewechselt beim Fahren oder ich bin mit der Bahn gereist. Kaum kam ich mittags in Köln an, ging es direkt mit den Seminaren los bis abends um 20 Uhr. Meist konnte ich bei einer Kommilitonin vor Ort übernachten, ansonsten habe ich mir vorab ein Hotel suchen müssen. Samstags war dann von 9 Uhr bis 16:30 Uhr Blockunterricht und danach brummte oft der Schädel, wenn man wieder die Heimfahrt antrat. Den Sonntag habe ich dann gebraucht, um einerseits den stressigen Arbeitsalltag in der Klinik, aber auch die Anstrengungen der beiden Blocktage auszugleichen. Und natürlich für ein kleines Maß an Privatleben, das in den drei Jahren wirklich oft zu kurz kam.
Im dritten Semester, also zur Halbzeit, war bei mir dann ein absoluter motivationaler Tiefpunkt erreicht und ich habe mich oft gefragt, wieso und wofür ich mir den ganzen zusätzlichen Stress eigentlich antue. Also, ich bin in dem Studium auch wirklich an meine Belastungsgrenze gestoßen und habe insbesondere zu dieser Zeit die Supervision und berufliche Selbstreflexion für mich genutzt und letztlich dann doch auch sehr aus dieser Phase für mein weiteres Berufsleben profitiert.
Ab dem vierten Semester war dann ja das „ersehnte Ende“ der Präsenzzeit und der Abschluss so langsam in Sicht und es galt „nur noch“ die große Herausforderung der Masterthesis zu bewältigen.
Ich kann im Nachhinein wirklich nicht mehr rekonstruieren, wie und wann ich diese doch sehr umfangreiche Forschungsarbeit geschrieben habe. Vielleicht war es die Vorfreude auf die Zeit nach dem Abschluss, auf die freien Wochenenden, - die ich auch heute noch mehr als je zuvor zu schätzen weiß!! - , so dass ich die viele Zeit und Anstrengung für das Studium und die Masterarbeit am Ende doch gerne investiert habe.“

„Mit welchen Argumenten würden Sie KollegInnen das Studium empfehlen?“

„Viele Argumente habe ich bereits bei den anderen Fragen genannt, zum Beispiel bei der Frage nach den Besonderheiten des Studiums. Das Studium bietet – wie anfangs gesagt- grundsätzlich die Möglichkeit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Vor allem für die Bachelorgeneration ist es glaube ich, ein großer Anreiz, falls man sich für die Arbeit in der Suchthilfe als beruflichen Schwerpunkt entschieden hat.
Ich empfehle das Masterstudium gerne den Kollegen und Kolleginnen oder auch Studierenden, die nicht nur die therapeutische Zusatzausbildung machen wollen, sondern – so wie ich – noch eine berufliche Perspektive in der Forschung und Hochschullehre sehen. Wenn jemand nur die suchttherapeutische Zusatzausbildung anstrebt und nicht auf den Masterabschluss angewiesen ist, würde ich ihm von dem Suchthilfemaster abraten, weil der wissenschaftliche und theoretische Schwerpunkt auf jeden Fall überwiegt und das -  leider ! -  zu Lasten der therapeutischen Ausbildung.
Zudem empfehle ich jedem, der das Studium anstrebt, sich vorab sehr bewusst zu machen, was er oder sie an zusätzlicher Zeit und Arbeit für das Studium investieren müsste und auch möchte.“

„Wie sieht Ihre berufliche Zukunft aus?“

„Ich habe über das Masterstudium Kontakte zur Universtät Eichstätt geknüpft und dieses Jahr bereits erste Erfahrungen als Dozentin sammeln dürfen. Ab Januar 2015 werde ich dort mit einer halben Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig werden, mit dem längerfristigen Ziel einer Promotion in der Sozialen Arbeit. Die Hochschullere und -forschung möchte ich mir einfach gerne als zweites berufliches Standbein auf- und ausbauen.
Mein erstes Standbein ist und bleibt jedoch die sozialtherapeutische Arbeit in der Suchthilfe mit den Klienten im betreuten Einzelwohnen, der ambulanten Beratung und Therapie.“

Interview: Julia Uehren

 

 

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