Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

"Die verdeckte geburtshilfliche Wirklichkeit" Vortrag zum 25-jährigen Jubiläum des Kölner Geburtshauses

 

Vortrag von Frau Professorin Sabine Dörpinghaus.

Eines der ältesten Geburtshäuser in Deutschland, das Kölner Geburtshaus feierte in diesen Tagen sein 25-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass fand am 30. August in Köln für die Familien, Freunde, Interessierte und Kolleginnen ein großes Fest statt. Seit seinen Anfängen in den späten 80er-Jahren haben die Hebammen des Kölner Geburtshauses inzwischen über 4000 Geburten betreut.

Genau diese Tätigkeit der Hebammen rückte Professorin Sabine Dörpinghaus, Studiengangsleitung Hebammenkunde am Fachbereich Gesundheitswesen an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Köln in den Fokus. Sie führte aus, dass gerade der fachliche Eindruck, den eine Hebamme unter der Geburt erhält in Kontrast steht zum derzeit favorisierten Festkörpermodell. Das physikalische Weltbild und das hiermit einhergehende Festkörpermodell und damit die Tatsache, dass das Ding, die Sache oder Substanz das weitverbreitete Leitbild der Ontologie sind – steht bezogen auf den geburtshilflichen Kontext im heftigen Widerstreit zur Aufgabe der Beziehungsarbeit von Hebammen. Die sich ausbreitende Haltung, die Person würde über ihre erhobenen Messwerte bestimmt, gilt es kritisch zu hinterfragen. Für den geburtshilflichen Bereich veranschaulichte sie, dass Beziehungsarbeit weder gegenständlich, abbildbar, noch darstellbar ist. Gerade Hebammen bewegen sich unaufhörlich in einer Welt der leiblichen Eindrücke, doch sie werden dazu verleitet sich durch kritisches Denken über sie hinweg zu erheben – sodass sie ihre Bedeutung für die Idee einer objektiven Wahrheit unterschlagen. Darüber hinaus verführe die derzeitige Gegenstandsdenke mit ihrem reduktionistischen Materialismus (Blutuntersuchungen, Muttermundbefunde, US) dazu, die Schwangere und Gebärende als Ding oder Produkt zu betrachten, welches über Parameter und Messwerte zu erfassen ist. Dabei stuft das technische Denken und Erfassen das Leben zu einem Herstellungsprodukt ab, da die Gebärende nicht mehr guter Hoffnung sein könne, im Sinne von Vertrauen dürfen, sondern von Machbarkeit, Kontrolle, Mechanisierbarkeit und einem Herstellungsprozess geleitet würde. Nicht selten würde die Medizin durch ihre Technikverklärung und Testhörigkeit diese Produktdenke befördern und das Wesen von Geburt wäre kein Geschehen mehr sondern der Herstellungsprozess eines Produktes. Auf der Strecke bleibe was Geburt benötige: Raum, Atmosphäre, Zuwendung, Geborgenheit. Die Grundsatzfrage, die sich hier stelle wäre mit Giovanni Maio: Leben als Gabe oder Instrument zur Zweckerreichung.

Professorin Dörpinghaus bedauerte, dass in der heutigen Geburtssituation die Frau all zu oft als körperliche Hülle gesehen würde. Dabei beraube ein rein geburtsmedizinischer Blickwinkel, mit seinem zergliedernd-technischen Zugang die Gebärende ihrer Lebendigkeit und schließe zudem aus, dass die Frau sich selbst als Expertin erfahre. Sie betonte, dass in existentiell bedeutsamen Situationen eine lebendige Beziehungsgestaltung konstitutiv sei. Geburtshäuser würden hier kleine Inseln bieten, die dem reduktionistischen und mechanistischen Denkgebäude etwas entgegen setzen und für Frauen, Paare und Kinder wider einem „Messfetischismus“ eine verdeckte Wirklichkeit aufscheinen lassen würden.

 

 

 

 

 

 

Die Katholische Hochschule NRW, Abteilung Köln hat zwei Jahre nach Aufnahme des Lehrbetriebs für berufserfahrene Hebammen nun erstmals auch dieser Berufsgruppe den akademischen Titel Bachelor of Science in der St. Agneskirche verliehen. In der ersten Graduiertenfeier am 2. Oktober 2014 wurden vierzehn Hebammen durch den  Dekan, Professor Dr. Guido Heuel und die Studiengangsleitung, Professorin Dr. Sabine Dörpinghaus geehrt. „Wir in Nordrhein Westfalen sind die erste und bislang einzige Hochschule an der berufserfahrene Hebammen ihren Bachelorabschluss in der eigenen Disziplin Hebammenkunde erwerben können“, hob der Dekan in der Feierstunde hervor.

Frau Professorin Dr. Sabine Dörpinghaus betonte insbesondere das Engagement des Fachbereichs Gesundheitswesen, der die Chance zur akademischen Bildung für den Berufsstand der Hebammen erst eröffnet habe. „Es war ein Wagnis, aber es hat sich als richtig herausgestellt, dieses Studienangebot für berufserfahrene Hebammen zu entwickeln. Rückblickend möchte ich hervorheben, dass ich sehr viel von den Studierenden gelernt habe, da vielfach die Paradoxien des Alltags in den Vorlesungen präsent waren. Ich erlebe auch, dass das Studium für berufserfahrene Hebammen eine Bereicherung darstellt, da wir uns ausgiebig den geburtshilflichen Wahrheitsfragen zuwenden – denn in der Geburtshilfe sind andere Kräfte als die des Machenwollens und Beherrschenwollens wesentlich. Die Studierenden stehen schon viele Jahre im Beruf und verfügen über einen reichhaltigen Grundstock an Erfahrung. Wir konnten diesen Wissensstand um das ein oder andere theoretische Fundament erweitern und die Studierenden in der Deutung von Situationen unterstützen. Das reichhaltige Wissen der Studentinnen und die anschaulichen Praxisbezüge sind es, die die Lehre hier lebendig werden lassen. Somit steht in unserem Studienkonzept nicht Aus-Bildung sondern in erster Linie Bildung im Zentrum“, so Professorin Dörpinghaus. 

Der Dekan überreichte den Studierenden neben den Urkunden einen Zwicker mit 1,5 Dioptrien und fügte hinzu: „Damit Sie weiter den Durchblick behalten.“ In den zahlreichen Gesprächen während der Feierstunde war das Fazit seitens der ersten Absolventinnen mehr als positiv. Eine Absolventin hob hervor, „dass sich durch das Studium der Hebammenkunde neue Erkenntnisse, Wissensbestände, Arbeitsweisen, Ideen, Wege und Begegnungen aufgetan haben“. Eine andere Absolventin berichtete: „Ich werde oft gefragt, ob die Kinder anders geboren werden, wenn ich einen akademischen Titel habe und wirklich ist es so, dass ich verschiedene Phänomene rund um das Geburtsgeschehen mit Hilfe der wissenschaftstheoretischen Ansätze, die ich im Studium kennengelernt habe, differenzierter wahrnehmen, benennen und meine daraus resultierenden Handlungen vertreten kann.“

Das Konzept zum Studiengang Bachelor of Science in Midwifery wurde im Jahr 2008 durch eine intensive Zusammenarbeit der nordrhein-westfälischen Hebammenschulen und zwei Berufsverbänden entwickelt und mündete in der „Kölner Erklärung“. Bereits im Jahr 2012 konnten die ersten Hebammen ihr Studium an der KatHO in Köln beginnen. Der Studiengang ist auf eine wissenschaftliche Fundierung des Handlungsfeldes von Hebammen ausgerichtet. Eine kritische Reflexion des Arbeitsfeldes zieht sich als übergeordnetes Ziel durch die Lehrveranstaltungen. Der Weiterentwicklung der eigenen Profession widmet sich das Modul Professionalisierung. Neben einem mehrdimensionalen wissenschaftlichen Ansatz ist der Hochschule die persönliche Weiterentwicklung der studierenden Hebammen ein großes Anliegen.

Für einige Studierende geht der wissenschaftliche Weg nach der Graduiertenfeier weiter. Zwei Studentinnen haben sich bereits zum Wintersemester 2014/2015 in den Masterstudiengang Pflegemanagement und fünf Studentinnen in den Masterstudiengang Lehrer/-innen Pflege und Gesundheit eingeschrieben.

Wenn der Studiengang Hebammenkunde ihr Interesse geweckt hat, so können sie sich für einen der 30 Studienplätze vom 1. Januar 2015 bis zum 30. Juni 2015 bewerben. Weitere Informationen unter: http://www.katho-nrw.de

 

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2014