Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Besuch von Frau Prof'in Dr. Barbara Duden

Studiengangsleitung Frau Prof'in Dr. Sabine Dörpinghaus (links im Bild) mit Frau Prof'in Dr. Barbara Duden

Frau Prof‘in Dr. Barbara Duden eröffnete Hebammenstudentinnen einen vielseitigen Blick auf die Wissenschaft im Hebammenwesen.

Um die Perspektiven der Studierenden des Kölner Studiengangs „Hebammenkunde (Midwifery)“ zu erweitern lädt die Studiengangsleitung, Frau Prof‘in Dr. Dörpinghaus, gerne externe Expertinnen und Experten ein. Vor diesem Hintergrund konnte am Donnerstag, den 19. September 2013, im Rahmen der Themenwoche des Hebammenstudiengangs, die bekannte Soziologin Frau Prof‘in Barbara Duden begrüßt werden. In dem Seminar  Was bedeutet Wissenschaft für Hebammen? beleuchtete Frau Prof‘in Dr. Duden in einem bemerkenswerten Reigen  das Dilemma von Wissen – Wissenschaft  und Hebammenkunde. Anwesend waren, neben den Studentinnen der Hebammenkunde, auch Studierende und Professor/innen aus den angrenzenden Disziplinen,  welche die unterschiedlichsten Sichtweisen in den wissenschaftlichen Diskurs einbrachten.

In ihren Begrüßungsworten wies die Studiengangsleitung, Frau Prof’in Dr. Dörpinghaus darauf hin, dass in der Literatur bezüglich der renommierten Referentin Frau Prof’in Dr. Duden sich immer wieder die Bezeichnungen Historikerin, Soziologin und Medizinkritikerin finden. Frau Prof’in Dr. Dörpinghaus fragte, ob sich Frau Prof’in Dr. Duden mit der Titulierung Medizinkritikerin identifizieren könne. Sogleich war Frau Prof‘in Dr. Duden in ihrem Element: „Schauen Sie, ich lehne diese Kategorisierung ab“ erklärte sie. „Als junge Frau fasste ich bereits den Vorsatz eine Fachfrau für historische Somatologie zu werden.“

Im Anschluss an eine lebendige Einführung in die Thematik diskutierte Frau Prof‘in Dr. Duden mit dem interdisziplinär zusammengesetzten Plenum die derzeitigen Entwicklungen im Hebammenwesen. Dabei reflektierte sie kritisch die Rolle von Forschung und Wissenschaft für den Hebammenberuf, legte Widersprüche offen und lud mit interessanten Thesen zur Diskussion ein. Es wurden Themen diskutiert, wie: Was ist mit der Eigenzeit in der Zeit? oder Worin liegt die Zukunft für den Berufsstand?

Frau Prof‘in Dr. Duden betonte, dass gerade unter der Geburt offensichtlich wird, dass der Beschleunigungsprozess eines Produkts in der Geburtshilfe nicht greift, indem beispielsweise die Plazenta eine ganz besondere und vor allem eigenwillige Eigenzeit habe. Diese Ausführungen konnten die Studentinnen, die alle über jahrelange berufspraktische Erfahrung verfügen, nur bestätigen und mit Beispielen ergänzen. Die Referentin diskutierte mit den Teilnehmer/innen weiterhin, was eine Wissenschaft im Hebammenwesen zu leisten habe. Das Erlebte könne im geburtshilflichen Bereich niemals in messbaren Merkmalen aufgehen. Gegenüber einer dogmatischen Wissenschaft, welche „die Dichtigkeit der Wirklichkeit zu mathematisieren versuche“ müsse individuell über „dieses Kind“ und über „den vorliegenden Rhythmus“ nachgedacht werden. Sie betonte mit einem Zwinkern: „Statistiken gebären nicht!“ Frau Prof’in Dr. Duden verdeutlichte, wie bedeutsam der Berufsstand  der Hebammen sei und ermutigte die Anwesenden sich nochmals vor Augen zu führen, dass in ihrem Bereich die Kompetenz die vorliegenden „Zeichen“ zu lesen bedeutsamer sei als die der statistischen Prognosen (als Modus des Irrealen). Im Rahmen von EBM (Evidence based Medicine/Midwifery) führte sie aus, dass die Zukunftsgewandtheit von Statistiken ihre Grenzen habe und das die ausschließliche Fokussierung auf EBM für das Hebammenwesen unzureichend sei. „Sie sind bereits Wissenschaftlerinnen“ gab sie den erstaunten Zuhörerinnen zu verstehen, denn „Sie haben das Vermögen eine Frau unter der Geburt zu begleiten.“ Und Weiterhin: „Sie sind eine exegetische Wissenschaft, denn Sie sind in der Geburtssituation in der Lage wahrzunehmen, was sich stellt.“ Die zukünftige Frage sei nun, was im Wissensgebäude Platz habe. Den einseitigen EBM Bestrebungen im Bereich der Geburtsmedizin stellte sie Ludwik Fleck und die von ihm dargelegte Denkstilbindung entgegen (Subjekt als blinder Fleck) und führte weiter aus, dass die historische Betrachtung der Medizin doch zeige, dass „die Behauptungen von heute – die Irrtümer von morgen seien.“ Ferner empfahl sie den Studierenden, entgegen dem Mythos des informed-decision-making, welcher das „aufgeschwatzte Risiko“ und die „Entscheidungsfalle“ im geburtshilflichen Kontext als soziale Technologie befördere, sich mit den Ausführungen zum kundigen Urteil vonSilja Samerski kritisch auseinanderzusetzen. Neben den vielfältigen Perspektiven, welche Frau Prof’in Dr. Duden aufzeigte konnten die Studierenden nicht nur einen lebhaften wissenschaftlichen Diskurs erleben, bei dem viel gemeinsam gelacht wurde, sondern sie erhielten auch zahlreiche interessante Literaturhinweise. Für die Studierenden war nicht nur das Seminarthema von großem Interesse sondern auch die mitreißende Art der historisch bewanderten Soziologin: kurzweilig, hochinformativ und mit gelungenen Praxisbeispielen. Frau Prof’in Dr. Dörpinghaus freute sich über die erfolgreicheAuftaktveranstaltung und meinte: „Schöner und gelungener hätte der Semesterstart nicht aussehen können – herzlichen Dank hierfür.“

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2014