Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Pflegepreisträgerin Gertrud Hundenborn: „Die Arbeit ist nicht getan, sondern sie fängt jetzt an“ (20.11.2020, Köln)

Professorin Gertrud Hundenborn auf der Verleihung des Deutschen Pflegepreises 2020 im November in Berlin.

Seit 25 Jahren kämpft die Pflegepädagogin Professorin Gertrud Hundenborn für eine Aufwertung des Berufsbilds und eine zeitgemäße Pflegeausbildung in Deutschland. Mit der Umsetzung des Pflegeberufegesetzes ist sie ihrem Ziel nähergekommen, aber es bleibt noch viel zu tun für die Verantwortlichen.


Sie haben im Auftrag der Bundesregierung Rahmenlehr- und Rahmenausbildungspläne für die neuen Pflegeausbildungen in Deutschland mit entwickelt. Deutschland war das letzte europäische Land, das die Pflegeausbildung umstellte. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Es gibt in Deutschland eine ausgeprägte politische Lobbyarbeit und auch Verlustängste, wenn die Pflegeausbildung verändert wird. Das heißt, Pflegekräfte, die auf einer breiteren Ausbildungsgrundlage ausgebildet sind, haben die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und die Versorgungsbereiche flexibel zu wechseln. Flexibilität und Mobilität haben etwas mit der Breite der Pflegeausbildung zu tun. Wenn sie schmalspuriger wird, sind Menschen an die Versorgungsbereiche gebunden, in denen sie die Ausbildung gemacht haben und tun sich schwerer zu wechseln.

Mit dem neuen Gesetz für die Pflege werden die bisher lebensphasenbezogenen Ausbildungen in der Gesundheits- und Krankenpflege, in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und in der Altenpflege abgelöst von der sogenannten generalistischen Pflegeausbildung, die in den meisten europäischen Ländern bereits seit vielen Jahren umgesetzt ist. Das heißt, in der Ausbildung sollen die allgemeinen Kompetenzen vermittelt werden, die für die Pflege von Menschen über die gesamte Lebensspanne erforderlich sind, während alle Spezialisierungen der späteren beruflichen Fort- und Weiterbildung vorbehalten bleiben. Bereits im Jahr 1978 wurde auf einer WHO-Konferenz in Alma-Ata die Bedeutung der Pflege für die primäre Gesundheitsversorgung der Bevölkerung hervorgehoben und die Pflegeausbildung auf eine breitere Grundlage gestellt.


Nun kommt es darauf an, dass alle Ausbildungsverantwortlichen die neuen Rahmenpläne in der Pflege entsprechend umsetzen. Liegt die eigentliche Arbeit noch vor uns?

Ja, die Arbeit ist nicht getan, sondern sie fängt jetzt an. Die neuen Rahmenpläne sollen von Ausbildungsverantwortlichen umgesetzt werden, die anders beruflich sozialisiert und anders ausgebildet worden sind. Da passiert es ganz schnell, dass unwillentlich und unwissentlich ein Rückfall in tradierte Orientierungen passiert und sich alte Muster ganz schnell wieder durchsetzen – vor allem dann, wenn Menschen in ihren Entscheidungen und in ihrem Handeln unter Entscheidungs- und Zeitdruck stehen. Deswegen braucht die Implementierung neuer Konzepte immer auch eine frühzeitige vorbereitende Begleitung und eine Unterstützung im Prozess selbst.


In Deutschland herrscht ein deutliches Defizit an gut ausgebildetem und verfügbarem Pflegepersonal – und leider auch an Pflegelehrerinnen und -lehrern. Wie konnte es dazu kommen?

In den letzten Jahren gab es vor allem drei Gründe, die den Mangel erklären: der Wechsel des Systems von der traditionellen Weiterbildung ins Studium, also von den Weiterbildungsinstituten an die Hochschulen, der Generationenwechsel bei den Pflegelehrerinnen und -lehrern und der Ausbau der Ausbildungsplatzkapazitäten. Das Krankenpflegegesetz von 2003 legte fest, dass angehende Pflegelehrerinnen und -lehrern ein Studium absolvieren müssen und eine traditionelle Weiterbildung nicht mehr ausreicht. Innerhalb weniger Jahre waren die Hochschulen allein für die Ausbildung von Pflegelehrerinnen und -lehrern zuständig. Die Studienplatzkapazitäten für Pflegepädagoginnen und -pädagogen reichten und reichen jedoch bei weitem nicht aus, um den Gesamtbedarf zu decken.

Hinzukommt, dass ein großer Anteil der Pflegelehrerinnen und -lehrern in den nächsten fünf bis zehn Jahren in den Ruhestand gehen wird. Auch der hierdurch entstehende Bedarf wird durch die Absolventinnen und Absolventen pflegepädagogischer Studiengänge nicht hinreichend aufgefangen. Schließlich sind in den letzten Jahren viele Initiativen zur Ausbildungsplatzförderung ergriffen und die Ausbildungsplatzkapazitäten in allen Bundesländern beträchtlich ausgeweitet worden. Doch ein lehrerbildendes Studium, das sich meist an eine vorausgegangene Pflegeausbildung anschließt, dauert im Schnitt fünf bis sechs Jahre. Das heißt, wenn man sukzessive oder innerhalb kurzer Zeit die Anzahl der Ausbildungsplätze erhöht, erhöht sich die Kapazität lehrerbildender Studienplätze nicht automisch mit. Salopp gesagt: Lehrende wachsen nicht auf Bäumen und man kann sie nicht abpflücken zu dem Zeitpunkt, zu dem sie gebraucht werden.


Der Pflegenotstand in Deutschland führt Krankenhaus- und Pflegepersonal an die Grenzen ihrer Belastbarkeit – auch schon vor der Corona-Pandemie. Wie können Pflegelehrer und -lehrerinnen ihre Schüler motivieren, weiter am Pflegeberuf dranzubleiben?

Aus meiner Sicht sind die Lehrenden gut beraten, wenn sie den Auszubildenden die gesellschaftlichen Bedingungen verdeutlichen, unter sie ihre Pflegeleistung erbringen. Auszubildende müssen das notwendige Kontextwissen haben, um zu verstehen, warum die Arbeitsbedingungen die Ausübung von Pflege nach den Vorstellungen der Profession längst nicht immer ermöglichen, sondern erschweren. Das heißt, Lehrende müssen mit einem systemischen Blick und Verständnis auf die Ausbildung schauen und dies auch den Auszubildenden vermitteln.

Tunlichst vermeiden sollten sie, die Auszubildenden als Change Agents, also als Betreiber des Wandels zu verstehen. Veränderungen im System können nicht allein über die Ausbildung und die Auszubildenden bewirkt werden, sondern über Systemveränderungen auf institutioneller und gesellschaftlich-politischer Ebene selbst. Deswegen gehört auch die Befähigung zum berufspolitischen beziehungsweise politischen Handeln zur Ausbildung, genauso ein historisches Bewusstsein für die Quellen und Grundlagen des eigenen Berufes. Die neue Ausbildung ist genauso konzipiert. Die von der Fachkommission entwickelten Rahmenpläne sind durch eine solche systemische Sicht gekennzeichnet: sie fördern das Verständnis für Kontextbedingungen des Pflegehandelns und eröffnen Möglichkeiten der Beteiligung an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen.


Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie sehr die Menschen auf gut ausgebildetes Krankenhaus- und Pflegepersonal angewiesen sind. Glauben Sie, dass die Gesellschaft den medizinischen Berufen auch auf Dauer, also wenn Corona vielleicht vorbei ist, Respekt und Wertschätzung zollen wird? Und müsste man den Hebel nicht auch an der schlechten Bezahlung ansetzen?

Das ist sehr stark davon abhängig, wie vergesslich die Menschen sind oder wie sehr sie die Krise als Chance nutzen, grundsätzlich anders über das Leben nachzudenken. Der Applaus von den Balkonen war ein schönes Signal, greift aber nicht die Probleme der Pflegeberufe auf. Der Personalmangel ist nicht neu und ich befürchte, dass alles so bestehen bleibt, wenn jetzt nicht die Chance genutzt wird, etwas zu ändern. Eine einmalige Zulage ist eine Anerkennung, aber das verändert nicht eine Situation, die multifaktoriell begründet ist und auch multifaktoriell gelöst werden muss. Allerdings werden seit 2019 in der Konzertierten Aktion Pflege eine Reihe von Vereinbarungen getroffen und es sind bereits Maßnahmen auf den Weg gebracht worden, die sowohl auf eine Erhöhung der Personalkapazitäten und auf eine bessere Bezahlung als auch auf ein Mehr an Eigenverantwortung ausgerichtet sind, womit auch eine Wertschätzung der Expertise von Pflegefachpersonen zum Ausdruck gebracht wird.


Welche drei Gründe sprechen dafür, dass Pflege trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen in Deutschland ein erstrebenswertes Berufsbild ist?

Die Pflege von Menschen ist ein gesellschaftlicher Auftrag. Pflegehandeln setzt unmittelbar an den Lebenszusammenhängen und Lebenswelten der Menschen an und ist von daher eine Aufgabe, mit der sich alle Mitglieder unserer Gesellschaft auseinandersetzen sollten. Der Pflegeberuf ist ein dem Menschen zugewandter Beruf, der auf die Begleitung von Menschen in Situationen existentieller Erfahrungen ausgerichtet ist. Diese Zuwendung zum Menschen braucht immer auch die Selbstreflexion, sie erfordert, dass Pflegende sich selbst in die Beziehung einbringen. Ich bin überzeugt, dass der Pflegeberuf vielfältige Sinndimensionen des Menschseins erschließen kann.


Gertrud Hundenborn hat seit 1997 eine Professur für Pflegepädagogik und Pflegefachdidaktik an der KatHO NRW im Fachbereich Gesundheitswesen inne. Sie leitet am Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (DIP) die Pflegebildungsforschung und ist Mitglied des geschäftsführenden Vorstands. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Lehrerbildung in der Pflege, die Modellversuchsforschung, Fallorientierte Bildungsprozesse und Kompetenzorientierte Prüfungen. Die wissenschaftliche Arbeit hat Hundenborn auch mit berufspolitischen Aktivitäten verknüpft, um diese in die Öffentlichkeit zu tragen – nicht zuletzt im neuen Pflegeberufegesetz, an deren Entwicklung und Implementierung sie maßgeblich mitgewirkt hat.


Zur Lehrenden-Seite:

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Interview: Katja Brittig

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