Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

"Exkursion ins Erinnern" (24.01.2020, Köln)

Das NS Dokumentationszentrum in Köln feierte 2019 sein 40-jähriges Jubiläum. Auch einige Studierende des Fachbereichs Gesundheitswesen konnten von dem Archiv dieser Erinnerungsstätte, sowie von der Museumsarbeit zur NS Geschichte, profitieren. Die Museumspädagogin Frau Kirschbaum und der Historiker Dr. Thulin, gingen mit einer Gruppe Studierender der Pflegepädagogik auf Spurensuche zur Pflege -und Hebammengeschichte zur Zeit des NS in Köln. Wenn es um die Aufarbeitung der Historie des Gesundheitswesens geht, wird Üblicherweise eher die Medizingeschichte erzählt - die Geschichte der Pflege und der Hebammen ist dagegen öffentlich weitgehend unbekannt. So auch der Befund der Gedenkstättenmitarbeiter_innen. Die Mitarbeiter des „El de Hauses“ kamen daher der Anfrage der Studierendengruppe mit diesem speziellen Fokus gerne nach, sichteten vorliegende historische Quellen und stellten Material aus dem Archiv vor. Tatsächlich wurde zur Beteiligung an den radikalen Menschenrechtsverletzungen und Morden über Pflege- Hebammen und Sozialarbeit allgemein erst ab den 1980er Jahren intensiver geforscht und veröffentlicht. Es besteht, neben erheblichen Forschungslücken, weiterhin auch kaum berufsbezogenes Geschichtsbewusstsein in der eigenen Berufsgruppe, stellten die Studierenden fest, die als Pflegepädagogen bald selbst das Wissen in den Ausbildungen prägen. Mit großem Einsatz hatte sich die Gruppe deswegen mit der Berufsausübung der Hebammen und der professionell Pflegenden im NS auseinandergesetzt. Teilweise besuchten sie weitere Gedenkstätten oder rekonstruierten sogar die Geschichte in den eigenen Einrichtungen während der NS. Man sei selbst erschreckt über die eigenen „Erinnerungslücken“ und so sei es nun an der Zeit, und zudem aktuell besonders wichtig, lauten Aussagen zur hohen Motivation der Beteiligten. Sie beschreiben, wie in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und Massenvernichtung unterschiedlichen Formen von Macht und Zwang im Gesundheitswesen zutage traten. Sie fanden diese in Biographien von Täter_innen, Wiederständler_innen oder in alltäglichen beruflichen Praktiken. Das (Selbst)Bild der überwiegend unbeteiligten bzw. neutralen Gesundheitsberufe erfährt in solchen Lehreinheiten etwas Beschädigtes und erfordert berufliche Selbstreflexion. „Nicht in der Beklemmung stecken bleiben“, rät Frau Kirschbaum „wenn wir die ganze Zeit nur betroffen sind, kommen wir nicht ins Handeln“. Aus ihrer langjährigen pädagogischen Arbeit in der Gedenkstätte hat sie die Erfahrung mitgenommen, dass man trotz allem begründetem Entsetzen durchaus mit Freude am Entdecken, erforschen kann warum, was, wie genau gewesen ist. Davon profitiert die Gegenwart.

Sozialarbeiter, Hebammen und Pflegefachleute sind integraler Bestandteil der Gesellschaft - und das Gesundheitswesen spielt in Ideologien immer eine zentrale Rolle. Gedenkstätten wie das „El De Haus“ in Köln sind besondere Lernorte. Während die Besucher an die Gegenwart gebunden sind, begehen sie dort reale Überreste aus der Vergangenheit und bewegen sich mit Hilfe der Erinnerungen von Zeitzeugen, Bildern und Texten durch die Zeit. Pädagogisch gut begleitet, ermutigen diese Orte dazu persönliches Wissen und das Verhältnis zur damaligen Zeit zu reflektieren. Studierende der Pflegepädagogik prüfen darüber auch die Beziehung zum eigenen Bildungsmaterial und tauschen Erkenntnisse im Rahmen des Studiums aus. Gerade jetzt scheint es wieder besonders wichtig eine „Unterweisung ins Erinnern“ (Brumlik, Micha,1995) zu lehren. Ein kritisches Berufsverständnis über ein Studium zu gewinnen gilt als hohes Ziel. Historisch fundierte Kenntnisse der Vergangenheit sind Grundlagen um Situationen und Entwicklungen in der Gegenwart zu verstehen. Wir danken dem NS Dok für die gute Zusammenarbeit mit der Studierendengruppe und bleiben im Kontakt.

Text und Fotos: Dorothee Lebeda, Dipl.-Pflegewissenschaftlerin, Fachbereich Gesundheitswesen

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2020