Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Studierende und Lehrende der Bethlehem University zu Gast an der KatHO NRW, Abteilung Köln (05.08.2019, Köln)

Gruppenfoto

Studierende im Seminarraum an einem Gruppentisch

Prof. Dr. Schönig mit Studierenden vor dem Kölner Dom

Student der KatHO erläutert die Ergebnisse seiner Tischgruppe, die sich mit der Bedeutung von Iden-tität für die Soziale Arbeit beschäftigt hat

Eine Studentin aus Palästina erläutert die Ergebnisse ihrer Tischgruppe zum Thema „Solidarität"

In der Zeit vom 03. Juni bis 10. Juni 2019 waren 15 Studierende und 2 Lehrende der Bethlehem Universität in Köln zu Gast.

Seit dem Jahr 2001 besteht eine Hochschulpartnerschaft zwischen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (KatHO NRW), Abt. Köln und der Universität Bethlehem in Palästina. In diesem Rahmen organisieren der Fachbereich Sozialwesen in Köln und das Department of Social Sciences der Bethlehem University regelmäßige Begegnungen von Studierenden und Lehrenden zu verschiedenen Themen der Sozialen Arbeit.

Diese Begegnungen sind von unschätzbarem Wert – in fachlicher, akademischer und vor allem auch in menschlicher Hinsicht! Verschiedene Lebenserfahrungen, Identitäten und Kontexte kennenzulernen und sie in Beziehung zu setzen, fachwissenschaftliche Perspektiven und das eigene professionelle Handeln im internationalen Raum zu reflektieren und zu hinterfragen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken, das sind nur einige Punkte, zu denen wir als Partner_innen voneinander lernen können.

Für die Hochschulpartnerschaft war über viele Jahre Prof. Dr. Josef Freise verantwortlich, bis er in den Ruhestand ging. Im Juni dieses Jahres wurde die Partnerschaft unter der Leitung von Prof.‘in Dr. Annette Müller – nach einer kurzen Unterbrechung – erneut mit Leben gefüllt und so nahmen 17 Studierende aus Köln und 15 Studierende aus Bethlehem im Juni an einer Begegnungswoche in Köln teil. Die Leitung des Austausches übernahmen von palästinensischer Seite Dr.‘in Ferdoos Al-Issa sowie Nabila N. Daqqaq von der Bethlehem Universität. Vonseiten der KatHO waren Prof.‘in Dr. Angelika Schmidt-Koddenberg, Prof. Dr. Werner Schönig und Prof. Dr. Heinz Theisen an der Umsetzung beteiligt.

Empowerment, Identität und Solidarität im Fokus

Ziel der Begegnung war es, Soziale Arbeit international vergleichend in den Blick zu nehmen. Hierfür wurde als thematischer Schwerpunkt die Bedeutung von Empowerment, Identität und Solidarität in der Sozialen Arbeit gewählt und in Theorie und Praxis reflektiert.

Welche theoretischen Fachdiskurse liegen diesen Begriffen zugrunde? Was bedeuten Empowerment, Identität und Solidarität für Jede_n persönlich? Und welche Relevanz haben sie in der Praxis der Sozialen Arbeit? Diese und weitere Fragen wurden in seminaristischen Einheiten lebhaft diskutiert. Es wurden Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede deutlich. So war im Themenfeld Empowerment sowohl vonseiten der palästinensischen als auch vonseiten der deutschen Studierenden das Thema Geschlechtergerechtigkeit unmittelbar ‚auf dem Tisch‘. Im Hinblick auf die Entwicklung von Identität wurden Unterschiede deutlich. Während man in Deutschland Identität als einen Prozess versteht, der eher individualistisch konturiert ist, ist er in Palästina eher kollektivistisch ausgerichtet. Die Rolle der Familie und die Loyalität zu ihr spielt eine besondere Rolle. Auch der politische Kontext wurde hier bedeutsam. Während für die palästinensischen Studierenden der Nahostkonflikt einen zentralen Bestandteil ihrer Sozialisation darstellt und ihre Identität mit prägt, leben die Studierenden in Deutschland in politischer Hinsicht unter friedlichen Bedingungen.

Gäste im laufenden Lehrbetrieb

Neben dem intensiven Austausch zu diesen Themen erhielten unsere Gäste aus Palästina auch die Möglichkeit, am regulären Seminarbetrieb der KatHO teilzunehmen.  Hier gilt ein besonderer Dank den Kolleginnen Gisela Keil (M.A.), Ingrid Sitzenstuhl (M.A.) und Prof.‘in Dr. Nicola Großheinrich, welche ihre Seminare in Modul 8 zu den Grundlagen konzeptionellen Handelns in der Sozialen Arbeit für die Gäste öffneten. „Es war interessant Gäste aus einem anderen Land bei uns im Seminar zu haben. Da ist der Austausch doch ein ganz anderer“, berichtete im Nachgang eine Teilnehmerin des Seminars.


Auf in die Praxis …!

Die Besichtigung von Praxisstellen war ebenfalls ein Teil des Programms. „It´s wonderful to have you here. We are very happy to show you our institution”, begrüßte eine Praxisvertreterin die Gäste. Die Studierenden sollten so einen Einblick in die Praxis der Sozialen Arbeit erhalten und reflektierten hier auch ganz konkret die Bedeutung von Empowerment, Identität und Solidarität.

Besucht wurden in drei parallel stattfindenden Gruppen zunächst verschiedene Einrichtungen rund um den Kölner Hauptbahnhof. So wurde die Radstation, ein Projekt zur Beschäftigungsförderung für Erwerbslose, die Bahnhofsmission, eine Anlaufstelle für Menschen in Notlagen und Krisensituationen sowie das Cafe MäcUp, eine Anlaufstelle für wohnungslose und suchtmittelabhängige Mädchen und Frauen, besucht.

Weitere Einrichtungen, die den Blick auf verschiedene Adressat_pöinnengruppen lenken, wurden am darauf folgenden Tag besucht. Hier öffneten das Anyway, ein Jugendtreff für lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Jugendliche, das Teresa-von-Avila-Haus, ein internationales Jugendwohnheim für Mädchen und junge Frauen sowie das Städtische Seniorenzentrum Köln-Riehl ihre Türen.

An einem dritten Tag wurde der Blick auf die Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft gerichtet. Hier wurde Coach e.V. besucht. Coach e.V. berät, begleitet und fördert junge Menschen sowie Familien mit Zuwanderungsgeschichte in den Bereichen Bildung und Integration. Die Freunde des Interkulturellen Zentrums e.V. gaben Einblick in ihr Interkulturelles Zentrum und der Rom e.V., der eine Vereinigung für die Verständigung von Menschen mit und ohne Roma- und Sintihintergrund ist, gab den Studierenden ebenfalls Einblicke in ihre Arbeit.


Festlicher Empfang

Ein besonderes Ereignis war der öffentliche, festliche Empfang an der KatHO NRW, Abteilung Köln. An diesem nahmen – neben den Studierenden und Lehrenden – auch ehemalige Studierende, Mitglieder der Partnerschaftsvereine Bethlehem (Köln) und Beit Jala (Bergisch Gladbach) sowie weitere Interessierte teil. Zahlreiche Redebeiträge regten zum Nachdenken und anschließendem Austausch an.

So sprach Dekan Prof. Dr. Ziemons unter dem Titel „Embassadors of Peace” über die langjährige Freundschaft zwischen der Universität Bethlehem und der KatHO in Köln. Auch die Projektleiterin von palästinensischer Seite, Dr.‘in Ferdoos Al-Issa, Universität Bethlehem, hatte ihrerseits einiges zu berichten. Über die Bedeutung der Internationalisierung der KatHO NRW und die Herausforderungen in einer sich zunehmend globalisierenden Welt sprach die Leiterin des International Office, Helene Hofmann.

Prof. Dr. Josef Freise bot weitere vertiefte Einblicke in seine Erfahrungen und fachlichen Standpunkte, die er in seiner fast 20 jährigen Tätigkeit als Projektleiter der Hochschulpartnerschaft gesammelt und entwickelt hat. Hier hatten auch erheiternde Anekdoten ihren gebührenden Platz. Unter der Überschrift „Intercultural Learning and the Coexistence of Civilizations“ sprach Prof. Dr. Heinz Theisen. Michael Kellner, der sich als Vorsitzender des Partnerschaftsvereins Köln-Bethlehem engagiert, gab einige Einblicke in die gelebte Städtepartnerschaft.

Zwischen den Redebeiträgen musizierte ein kurdisch-arabisch-europäisches Ensemble mit traditionellen Instrumenten und einer Querflöte. Sie spielten u.a. Stücke, die den palästinensischen Gästen bekannt waren und sie dazu einlud, spontan mit einzustimmen.

Der Empfang fand einen lyrischen Abschluss in arabischer und deutscher Sprache. So trug Mahdi Alaoui eines seiner Gedichte vor. Es trug den Titel إخْـــتِــلَافْ – Gegensatz, aus dem sich letztendlich ein gemeinschaftlicher Sinn ergibt.

Im Anschluss bestand Zeit für weitere Begegnungen an einem Buffet, das die Inititative reFOODgees aus Köln zubereitet hatte. Bei gemütlicher Atmosphäre, Getränken und veganem Eis klang der Abend aus.


Köln ist mehr

Auch kulturelle Aspekte durften bei dem Austausch nicht fehlen. So bot Professor Dr. Werner Schönig eine Stadtführung an verschiedene zentrale und historische Orte Kölns an. Im Rahmen eines Ausflugs zum Haus der Geschichte in Bonn konnten die Studierenden ihr Wissen über die deutsche Geschichte vertiefen und durch die – teilweise sehr beeindruckenden – Exponate hautnah erleben.

Bei einem Treffen im Historischen Rathaus wurden unsere Gäste aus Bethlehem von der Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes begrüßt. Claudia Maria Burger und Michael Kellner berichteten zusätzlich über die Städtepartnerschaft der Stadt Köln mit der Stadt Bethlehem.

Ein Highlight war der Besuch des inklusiven Sommerblutfestivals. Hier beeindruckte eine Performance mit dem Titel „Youtopia. Eine ÜberLebensPerformance“. In dieser Performance traten junge Menschen unterschiedlicher Herkunft, Weltanschauung und mit unterschiedlichen körperlichen und geistigen Voraussetzungen auf. In szenischen, teilweise tänzerischen Darbietungen und Installationen an verschiedenen Spielorten stellten sie ihre utopischen Vorstellungen einer möglichen Zukunft vor. Thematisiert wurden globale Veränderungen, weltweite Umweltsünden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und moralische Verwerfungen. In der unmittelbaren Nachbesprechung am Vorführort mit dem Ensemble wurde deutlich, wie bewegend diese Darbietung für die Zuschauer_innen war. Dass die palästinensischen Gäste an dem Reflexionsgespräch teilnehmen konnten, wurde durch ein Mitglied des Ensembles ermöglicht, das sich angeboten hatte, alle Wortbeiträge ins Arabische bzw. Deutsche zu übersetzen.

Auch im Nachgang wurden die Performance und die Auseinandersetzung mit den hier thematisierten gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Veränderungen in der Gruppe der Studierenden besprochen. Die Methode „Performance“ wurde von den palästinensischen Teilnehmenden als innovative Möglichkeit wahrgenommen, auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. „A performance is a great opportunity to point out the problems of society“, reflektierte eine palästinensische Studentin und kündigte an, diese Idee in Palästina nochmals aufzugreifen.

Eine weitere Veranstaltung, die im Rahmen des inklusiven Sommerblutfestivals besucht wurde, war das Festival der Religion mit dem Titel „Faiths in Tune“ im Bürgerhaus Stollwerck. Im Zentrum des Festivals stand die Musik als universelles Medium des interreligiösen Dialogs.


Lernpartnerschaften

Ein zentrales Element der Begegnungswoche waren Eins-zu-Eins-Lernpartnerschaften zwischen Studierenden aus Köln und Bethlehem. Diese hatten für den Zeitraum der Begegnungswoche Bestand, ermöglichten einen persönlichen Austausch und die Reflexion von Lernprozessen. Darüber hinaus waren durch die Lernpartnerschaften den Studierenden aus Bethlehem verlässliche Ansprechpartnerinnen bzw. verlässliche Ansprechpartner zur Seite gestellt. In diesen Tandems wurde dann Köln erkundet. „Es ist schön, die Zeit gemeinsam in Köln zu verbringen. Wir haben neben intensiven Gesprächen auch sehr viel Spaß miteinander gehabt!“

Zum Ausklang des letzten Abends wurde im Hof der Abteilung Köln gegrillt und in gemütlicher Atmosphäre der Abschied gefeiert. Kleine Gastgeschenke aus Palästina erfreuten die deutschen Lernpartner*innen.


Abschied und Vorfreude

„Mir hat die Begegnungswoche sehr gut gefallen! Ich freue mich sehr darüber, neue Freundschaften geschlossen zu haben. Durch diese Woche sowie durch die Vorbereitungsseminare fühle ich mich sehr gut vorbereitet für unsere Reise nach Palästina nächstes Jahr.“

Dass es unseren Gästen bei uns gut gefallen hat und die Begegnung nachwirkt, wird unter anderem auch in Nachrichten deutlich, die uns im Nachgang erreichten. „I want to say thank you to each one of you for the efforts, love and care that you have given us. Being a part of this journey changed our views and thoughts toward many things, and we will be happy to share them with our beloved people. I am really happy, that I got to meet such wonderful people. I am looking forward the time you visit us in Palestine next year!”

Auch wir bedanken uns bei unseren Gästen für diese unvergessliche gemeinsame Woche. Ihre Ideen und Gedanken, ihre Erfahrungen und ihre Offenheit, sie mit uns zu teilen, verändern unser Denken und erweitern unseren Horizont.

 

Wir danken darüber hinaus allen Beteiligten, Praxisvertreter_innen, Dozierenden und Studierenden für ihr Engagement, das diesen Austausch zu einem Besonderen zu macht.

Ein besonderer Dank gilt Professorin Dr. Annette Müller, die diesen Austausch mit großem Engagement vorbereitet hat!

 

Weitere Informationen
Professorin Dr. Annette Müller

Text
Professorin Dr. Annette Müller

Fotos
Marah Kirresh (Bethlehem)

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2019