Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Neben der Spur!? – Zum gesellschaftlichen Umgang mit an Psychose Erkrankten (24.01.2019, Köln)

Christiane Wirtz liest aus ihrem Buch „Neben der Spur: Wenn die Psychose die soziale Existenz vernichtet.“

Dekan Prof. Dr. Ziemons bei seiner Begüßung

Christiane Wirtz (l.) und Prof.´in Dr. Tanja Hoff

Talkrunde - v.l.n.r. Christiane Wirtz, Prof. Dr. med. Karsten Heekeren, Prof.´in Dr. Angelika Schmidt-Koddenberg

Talkrunde - v.l.n.r. Prof.´in Dr. Tanja Hoff, Klaus Jansen-Kayser, Christiane Wirtz

Prof.´in Dr. Angelika Schmidt-Koddenberg bei der Moderation des Abends

Vor einem bis zum letzten Platz voll besetzten Audimax fand am 15.01.2019 die öffentliche Lesungs- und Podiumsveranstaltung „Neben der Spur!? – Zum gesellschaftlichen Umgang mit an Psychose Erkrankten“ statt. Geleitet von den Fachvertreterinnen Prof. Dr. Angelika Schmidt-Koddenberg und Prof. Dr. Tanja Hoff des Fachbereichs Sozialwesen der Abt. Köln, widmete sich die Veranstaltung den Erfahrungen im Umgang mit und der Bewältigung von Psychosen aus Sicht von Betroffenen und Expert_innen aus Praxis und Lehre.

Die Journalistin und Autorin Christiane Wirtz las gleichermaßen mit Witz und Ernsthaftigkeit aus ihrem Bestseller „Neben der Spur: Wenn die Psychose die soziale Existenz vernichtet.“ vor, in dem sie ihre eigenen Erfahrungen mit ihrer Psychose-Erkrankung beschreibt.
Eingeordnet wurde das Thema vorab von Prof. Dr. Tanja Hoff, die eine Kurzeinführung über Psychosen und die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen gab.
Im Anschluss an die Lesung fand eine Gesprächsrunde statt mit:

  • der Autorin und Betroffenen Christiane Wirtz
  • Prof. Dr. med. Karsten Heekeren, Stellvertretender Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Abteilung Allgemeine Psychiatrie I an der LVR-Klinik Köln-Merheim
  • Klaus Jansen-Kayser, Leiter des „NetzWerk psychischer Gesundheit Köln“
  • Prof. Dr. Tanja Hoff als Vertreterin für Psychosoziale Prävention, Intervention und Beratung im Kölner Fachbereich Sozialwesen der KatHO NRW und
  • Prof. Dr. Angelika Schmidt-Koddenberg als soziologische Vertreterin des Fachbereichs und Moderatorin der Gesprächsrunde.

Einführend beschrieb Prof. Dr. Heekeren die Erkrankung. Er halte u.a. die gängige Diagnose des ICD-10 „Schizophrenie“ für eine ungenaue Bezeichnung, da Schizophrenie nicht mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu erklären sei. Er wies darauf hin, dass psychische Erkrankungen dimensionale Symptombelastungen von „gar nicht“ bis „schwer betroffen“ seien und im Grunde alle Menschen auch von psychotischen Erleben erfasst werden könnten; z.B. würden alle Menschen unter längerem Schlafentzug an psychotischem Erleben leiden. Sehr anschaulich berichtete er von seinen Erfahrungen, wenn er Betroffenen die Diagnose übermitteln muss, die die Betroffenheit, Unsicherheiten und Ängste der Patient_innen und ihrer Angehörigen u.a. auch vor Stigmatisierung und sozialer Exklusion verdeutlichten.

Frau Wirtz thematisierte u.a. eine geringe Solidarität nicht nur seitens der Gesellschaft, sondern auch unter Betroffenen selbst: Sie wünsche sich, dass die Betroffenen – und zwar vor allem diejenigen, die trotz der Erkrankung ein sehr selbstbestimmtes und erfolgreiches Leben führen – ihre Erkrankung nicht verheimlichten. Gleichzeitig verstehe sie die Ängste der Betroffenen vor Stigmatisierung.

Prof. Dr. Hoff sieht Auswirkungen der Stigmatisierung Betroffener u.a. auch bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz, wobei Psychotherapie gerade bei der Überwindung der Negativsymptomatik (z.B. Symptome wie Apathie, Antriebsstörungen, Aufmerksamkeitsstörung, depressive Stimmungen und sozialer Rückzug) erfolgreich zur Krankheitsbewältigung beitragen kann: Patient_innen, die an Psychosen erkrankt sind, seien oft Patient_innen mit einem höheren Therapiebedarf, mehr psychischen und psychosozialen Belastungen und z.T. ambivalenter Therapiemotivation und bekämen u.a. dadurch schwieriger einen Therapieplatz, auch wenn sie diesen dringender nötig hätten.

Herr Jansen-Kayser thematisierte u.a. Versorgungslücken, z.B. dass nach erfolgter stationärer Behandlung nicht systematisch und zu wenig auf geeignete Unterstützungsangebote aufmerksam gemacht wird und die Überleitung in weitere Hilfen häufig schwierig seien. Er wies darauf hin, dass es für Betroffene wichtig sein könne, nach akuten Krankheitsphasen Bündnispartner aus dem Netzwerk der Erkrankten zu gewinnen. Generell gelte es in Zeiten, wo viel über Inklusion gesprochen würde, Betroffene psychischer Erkrankungen viel mehr in der Prävention und Versorgung zu integrieren, wie dies auch z.B. in den Ex-In-Initiativen geschehe. Auch die frühzeitige Thematisierung und Aufklärung über psychische Erkrankungen trage zur Sensibilisierung und Entstigmatisierung bei, beispielsweise wie in dem Projekt „Kölner Initiative: Schule begegnet Psychiatrie“. Auch Frau Wirtz betonte, wie wichtig die Menschen für sie waren, die sich nicht von ihr abgewandt, sondern ihr Halt gegeben haben:
„Jeder, der sich nicht ablehnend verhält (oder vielleicht sogar zugeneigt), ist in dem Wust von Problemen, mit denen sich ein psychisch Kranker konfrontiert sieht, ein Rettungsanker für ein Schiff, das sich wahrlich auf stürmischer See befindet. Je mehr Rettungsanker, umso stabiler. Je stabiler, desto weniger ist Rettung nötig, desto „normaler“ die Beziehung. Wer also Angst vor Schizophrenie hat, macht die Situation für die Erkrankten natürlich schlimmer. Aber er dient sich auch nicht selbst und nicht der Allgemeinheit.“ (Christiane Wirtz, 2018, Neben der Spur, S.189).

Neben der intensiven Podiumsrunde ergaben die regen Nachfragen des interessierten Publikums viele Hinweise darauf, wie das Thema in Zukunft noch stärker in Praxis, Lehre und Forschung beachtet werden könnte. Einige Beispiele:

  • Wie könnten Begegnungen zwischen Betroffenen und zukünftigen sozialarbeiterischen Fachkräften bereits im Studium verankert werden? Wie können Erfahrungen Betroffener in der Lehre Sozialer Arbeit stärker einbezogen werden?
  • Wie kann eine „Anti-Stigmatisierungskompetenz“ als wichtiger Aspekt des professionellen Wissens, Könnens und der Haltung im Studium noch mehr vermittelt und gefördert werden?
  • Welche Möglichkeiten einer besseren Entwicklung und Etablierung von Frühinterventionen in Diagnostik und Unterstützungsmöglichkeiten bräuchte es vor dem Hintergrund, dass Personen besondere Unterstützung benötigen, die zum ersten Mal eine Diagnose erhalten?
  • Welche Hilfen für Angehörige selbst, aber auch Hilfen durch Angehörige für betroffene Erkrankte können noch besser genutzt werden?
  • Wie kann Inklusion in der Psychiatrie oder in sozialpsychiatrischen Diensten sinnvoll gestaltet werden?


Die Nachfragen und aktive Diskussionsbereitschaft des Publikums waren ungebrochen hoch und reichten weit über das avisierte Veranstaltungsende hinaus, was die gesellschaftliche Relevanz des Themas eindrucksvoll verdeutlichte.

Text
T. Hoff, A. Schmidt-Koddenberg und S. Nesseler

Bilder
M. Mertens

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