Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Haifa (04.05.2018, Köln)

Medienlabor des GAC, Prof. Dr. Armin Wildfeuer, Limor Harary (GAC, Leiterin des Medienlabors)

Vorlesung von Prof.´in Dr. Anna Zembala

Besuch des Yigal Allon Museums und Bildungszentrums, Kibbuz Ginosar

Besuch des Arabisch-Jüdischen Kulturzentrums Beit Ha’Gefen in Haifa, Prof. Dr. Heinz Theisen, Prof.´in Dr. Anna Zembala, Zehava Koronyo (Beit Ha’Gefen), Prof. Eliser Yariv (GAC)

Hafenstadt Haifa

Kultur und Migration. Der Austausch mit dem Gordon Academic College of Education in Haifa nimmt Gestalt an

Im Rahmen der Erasmus-Partnerschaft mit dem Gordon Academic College of Education (GAC) in Haifa wurde mit der Reise von Prof.´in Dr. Anna Zembala, Prof. Dr. Heinz Theisen und Prof. Dr. Armin Wildfeuer von der Abteilung Köln ein erster Schwerpunkt gesetzt: das für Israel wie Deutschland drängende Problem des Zusammenlebens der Kulturen, welches durch neue Migrationsprozesse eine zusätzliche Aktualität bekommen hat.  
In den Gesprächen mit den Studierenden und Kolleginnen vor Ort wurde deutlich, über wie viel Erfahrung Israel als Melting-Pot der Kulturen verfügt. Menschen aus über 190 Nationen leben heute in einem Land, das schon lange nicht mehr der Staat ist, der vor siebzig Jahren noch von den meist aus Europa geflohenen Juden geprägt worden war. 

Israel ist heute ein multikulturelles Land, das in Erziehung, Kultur und Lebensstil verschiedene Gemeinschaften umfasst, nicht zuletzt aus der arabischen Welt, in der Juden durch die Jahrhunderte der Zerstreuung angesiedelt und angepasst lebten. Es ist eine Gesellschaft, die Menschen unterschiedlicher Herkunft und kultureller Tradition vereint und kulturelle Elemente des Westens, Ostens und Südens integriert. Alle Gruppen pflegen ihre sprachliche, historische und kulturelle Identität. Das Schulsystem ermöglicht drei verschiedene Formen des Religionsunterrichts, für Juden, Christen und Muslime.
 
In Haifa verläuft das Zusammenleben der im gesamten Staat zu 75 Prozent jüdischen Israeli und den 1,8 Millionen arabisch-palästinensischen Bürgern weitgehend reibungslos. Allerdings betonen die Gastgeber, dass dies nicht überall im Lande der Fall sei. Es bedarf noch eingehender Studien, worauf die sehr unterschiedlichen Integrationsergebnisse beruhen.

Warum Kulturen sich so schwer mit einem Miteinander tun und welche Anforderungen sich daraus für eine zeitgemäße Erziehung ergeben, klärte Prof. Dr. Armin G. Wildfeuerin seinen Vorlesungen zur Kulturphilosophie („Some remarks on the topic: Culture and Education“) im Ausgang von den Schwierigkeiten, die mit dem Reflexionsbegriff „Kultur“ verbunden sind. 
Denn es gibt keinen Blick auf Kultur ohne Kultur. Kulturen sind keine identifizierbaren Handlungssubjekte. Sie sind weder stabil noch statisch, sondern prozessual verfasst. Sie haben weder einen Sprecher oder Repräsentanten noch als Makro-, Meso- oder Mikrokulturen eine strikte raum-zeitliche Ausdehnung. Sie können nur indirekt erschlossen werden über die als ihre Manifestationen interpretierten „Kulturtatsachen“. Gleichzeitig ist der konkrete Vernunftgebrauch von Individuen ohne den Bezug auf kulturelle Rahmenbedingungen nicht deutbar, so dass sich die Idee der Kultur als unverzichtbar erweist, um Bedeutung, Sinn und Funktion menschlicher Handlungen zu verstehen. Konkrete Kulturen können daher auch verstanden werden als ein System sozialer Praktiken, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt haben und einem kontinuierlichen Wandel unterliegen. Analysieren lassen sie sich als ein System von Zielwerten, Normen/Institutionen/Strukturen und darauf bezogenen Verhaltensweisen (sog. „Kulturethisches Dreieck“). Das Problem der Multikulturalität lässt sich auf diesem Hintergrund als möglicher Konflikt dieser Basisgrößen verorten. Mithilfe der von Immanuel Kant im Rahmen seiner Anthropologie explizierten Erziehungsziele (Disziplinie rung, Kultivierung, Zivilisierung, Moralisierung) und unter Berücksichtigung eins angemessenen Begriffs von pädagogischer Praxis  (Vorlesung: „Education as ‚practice‘: a question of attitude“) lassen sich freilich Erziehungs- und Bildungsstrategien finden, die mit diesem Konflikt produktiv umgehen.
 
Prof. Dr. Heinz Theisen führte in seinen Vorlesungen aus, warum die kulturellen Kategorien ge-genüber den Zivilisationsleistungen des Staates Israel in den Hintergrund rücken sollten. Die Funktionen einer wissensbasierten Ökonomie, insbesondere Wissenschaft, Technik und Ausbildung, seien für alle Bürger längst wichtiger als ihre jeweilige kulturelle Herkunft. In einer gleichsam zweiten Säkularisierung wären die kollektiven Identitäten als Privatsache zu betrachten. Vorrangig sei heute für jedes Individuum das Knowhow, mit dem es sich in die globalen Zivilisationsprozesse einfädeln könne, ob in seiner Heimat oder als Migrant in fremden Umgebungen.  
Die Funktionen der Zivilisation seien der gemeinsame Nenner, hinter dem die unterschiedlichen Werteordnungen, Normen und Haltungen der Kulturen zurückstehen müssen. Israel sei ein Modell für die Notwendigkeit dieses Paradigmenwandels. Auch die palästinensischen Bürger Israels seien trotz ihrer kulturellen Identität, trotz der Fremdheit gegenüber der jüdischen Kultur und auch trotz politischer Interessenkonflikte zwischen den Völkern letztlich froh, in der wohlhabenden israelischen Zivilisation leben zu können.
Selbst frühere Gegner des Landes wie Jordanien und Ägypten sind mittlerweile auf israelisches Knowhow angewiesen, so z.B. auf dem Gebiet der Meerwasserentsalzung bis hin zur militärischen Zusammenarbeit im Kampf gegen den islamistischen Terror als gemeinsamen Feind. Die Regression in die islamische Urzeit im Zivilisationsprozess abgehängter Gruppen deutete Theisen als Versuch, eine fehlende Anschlussfähigkeit durch Identität und politische Macht zu ersetzen. In den intensiven Diskussionen mit den Studierenden wurde deutlich, dass sich Angesicht der aktuellen Migrationsprozesse sowohl in Israel als auch in Deutschland vergleichbare Herausforderungen bemerkbar machen. 

Professorin Dr. Anna Zembala machte in ihren Vorlesungen darauf aufmerksam, unter welchen Prämis-sen gegenwärtig in Deutschland Medienprojekte für Migranten und Refugees konzipiert und durchgeführt werden. Mithilfe von Forschungsprojekten, die dieses Thema aufgreifen, zeigte sie die statistischen Daten, dann die Methoden und Konzepte medienpädagogischer Maßnahmen zur Unterstützung von persönlichem Fortkommen junger Refugees und ihrer Familien, als auch zur Integration und Stärkung ihrer sozialen Kompetenzen. Wie Selbstwertgefühl, Partizipation oder das gelingende Zusammenleben von Geflüchteten und lokalen Communitys durch Medienarbeit gefördert werden können, wurde mit den Studierenden des GAC aufgrund Best Praxis Beispielen ausführlich diskutiert. Ergänzend stellten die Gastgeber ihr Forschungsprojekt vor, an dem sich neben dem GAC sieben weitere israelische und europäische Universitäten beteiligen. Im Rahmen dieses EU-Projekts wird augenblicklich ein innovatives Curriculum für Projek-te für Refugees in Israel erarbeitet, in dem insbesondere die Methoden der ästhetischen Bildung zum Tragen kommen. Im zweiten Teil ihrer Vorlesungsreihe widmete sich Anna Zembala den neuen Herausforderungen, die mit der Mediatisierung einhergehen. Im Kontext der Diskurse um die Kompetenzen für das 21. Jahrhundert konnten mit den Hochschuldozenten Erfahrungen ausgetauscht werden. Am Beispiel der deutschen TV-Filmangebote für Kinder stellte die KatHO-Professorin den GAC-Studierenden exemplarisch dar, wie eine positive Medienerziehung unter Berücksichtigung genderspezifischer Aspekte gelingen oder auch misslingen kann. So diskutierten die SeminarteilnehmerInnen u.a. die Rolle von TV-Heldinnen und TV-Helden in der kindlichen Entwicklung. In der globalisierten, digitalen Welt kann man heutzutage einerseits auf gemeinsame, vergleichbare Themenstellungen, aber auch andererseits spezifische, regionale oder nationale mediale Besonderheit hinweisen. Ein gegenseitiger Austausch ist hier äußerst bereichernd.

Die unterschiedlichen Vorlesungsthemen der drei Erasmus-Professoren unterstreichen die Chancen eines Erasmus-Austausches für beide Hochschulen. Nachdem die ersten Ecksteine einer Kooperation gelegt wurden, sind die Studierenden der KatHO und des GAC eingeladen, sich an dem Austausch zu beteiligen. Stipendien für diesen Erasmus-Austausch stehen ihnen ab dem kommenden Wintersemester 2018/2019 zur Verfügung.

Kontakt
KatHO, Abt. Köln Auslandsbeauftragter: Prof. Heinz Theisen (h.theisen(at)katho-nrw.de)
KatHO, Abt. Köln Erasmus-Projekt: Prof. Anna Zembala (a.zembala(at)katho-nrw.de)

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2018