Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

 

Zeitzeugengespräch in der Abteilung Köln mit Henriette Kretz (05.12.2017, Köln)

Begrüßung Henriette Kretz´ durch Herrn Prof. Dr. Theisen

Henriette Kretz

Einführende Worte von MIlena Feldmann

Henriette Kretz berichtet über die Flucht und Verfolgung während ihrer Kindheit in der NS-Zeit

„Da wusste ich, dass ich keine Eltern mehr hatte“ – so brachte Henriette Kretz den prägenden Moment in ihrem Leben, als Nazi-Schergen ihre Eltern erschossen, ganz eindrücklich auf den Punkt. Als Zeitzeugin der Shoah war sie in die KatHO NRW, Abt. Köln, gekommen, um auf Einladung des im Fachbereich Sozialwesen sehr aktiven studentischen Arbeitskreises Nahost als NS-Überlebende über ihre Verfolgung und Flucht zu berichten. Der Arbeitskreis wird von Milena Feldmann und Julia Frericks geleitet. Milena Feldmann, und Henriette Kretz kennen sich durch das Zeitzeugenprojekt des Maximilian-Kolbe-Werks, welches seit 2001 zur Aufklärung an deutschen Schulen tätig ist.

Die offizielle Begrüßung der sehr gut besuchten Veranstaltung übernahm für die Hochschule Prof. Dr. Heinz Theisen, der auf die Aktualität des Themas mit Hinblick auf die politischen Ereignisse in Europa verwies.
Theisen stellte dar, dass „die Soziale Arbeit in der ersten Reihe der Integrationsarbeit bei Flucht und Migration steht“ und bedankte sich, dass das Thema an diesem Abend aus der Sicht eines Einzelschicksals betrachtet werde.

„Ich bin nur eine alte Frau von 83“, eröffnete Henriette Kretz ihren Vortrag. „Hass, Ausgrenzung und Verurteilung“ mit diesen Begriffen beschreibt sie die Emotionen, welche sie während der NS-Zeit gefühlt und somit ihre Kindheit geprägt hat.
1934 geboren und aufgewachsen als Tochter eines Arztes, beschreibt sie ihre Kindheit in Iwaniska als unbeschwert – „die beste Zeit meines Lebens“.
Im Alter von fünf Jahren hörte sie das erste Mal das Wort Krieg. Durch ihren Vater, der verwundete Soldaten verarztete, war ihr schnell bewusst, dass Krieg etwas sehr schlimmes sei.
Die erste Flucht brachte sie nach Lemberg, wo sie die restlichen Familienmitglieder, wie ihre Oma kennenlernt. „Sie ist eine Hexe“, beschrieb Kretz ihrer Mutter die Großmutter und erklärt weiter „Sie hat ihre Zähne herausgenommen und in einen Becher getan.“ Trotz der Zerstörungen, die auf der Welt stattfanden, hatte sie wieder Freude am Leben, vor allem in Sambor. Dort arbeitete der Vater bis zur Besetzung mit tuberkulose kranken Kindern.
Nach der deutschen Einnahme Sabors wurden drei Maßnahmen ergriffen, die dazu führten, dass Kretz Hass, Ausgrenzung und Verurteilung zum ersten Mal erfahren musste.
Ihr Vater durfte nur noch jüdische Menschen ärztlich behandeln, alle Juden mussten eine weiße Armbinde tragen und sie mussten in ein jüdisches Wohnviertel ziehen.
„Warum behandelt man uns so?“ fragte Kretz sich, als sie als Kind eines Tages zusammen mit ihrer Familie und anderen Nachbarn zu einem Wald marschieren mussten. Nur dadurch, dass der Vater einen ukrainischen Soldaten erkannte und ihn um Hilfe bat, überlebte die Familie Kretz die Hinrichtung der 6000 anderen Juden.
Um ihr Kind zu schützen, gaben die Eltern Henriette bei einer Bekannten ab, die sie unbemerkt aufnahm. Sobald Besuch kam, musste sie sich hinter einem Schrank verstecken, um nicht entdeckt zu werden. Mit dem Sohn der Familie verstand Kretz sich gut. Als sie eines Tages doch entdeckt und ins Gefängnis gebracht wurde, informierte der Sohn Henriettes Eltern. Er lief zum „Ghetto“ und rief über den Zaun, dass Henriette verhaftet wurde. Durch eine Bestechung schafften sie es, ihre Tochter zu sich zu holen. Bis zu diesem Wiedersehen hatte sie seit der Unterbringung bei der Bekannten von ihren Eltern nichts mehr gehört. Die Freude war daher unbeschreiblich.
Als die Liquidierung des „Ghettos“ anstand, kontaktierte der Vater einen bekannten Arzt, so dass sich die Familie bei einem Feuerwehrmann verstecken konnten. Den Winter verbrachten sie eingepfercht in einem Kohlekeller. Kretz erzählte, dass sie diese Zeit nur überstehen konnte, da die Eltern ihr viele Geschichten erzählen. Im Frühling zogen sie dann auf den Dachboden bis im Sommer Soldaten das Versteck fanden.
„Ich werde das Bild nie vergessen als mein Vater aufstand und sagte ´Ja, wir sind Juden!´“, berichtete Kretz die dramatischen Ereignisse, die sich daraufhin abspielten. Die Familie des Feuerwehmannes wurde erschossen und Familie Kretz abtransportiert. Der Vater sei irgendwann stehen geblieben und sagte zu den Soldaten, dass er nicht weitergehen würde. Sie könnten ihn direkt erschießen. „Er rief ,Lauf!´ und ich vergaß alles um mich herum und lief los“, fasste Kretz die letzten Worte, die sie von ihrem Vater hörte, zusammen. Während sie um ihr Leben rannte, hörte sie Schüsse, Schreie der Mutter, wieder Schüsse und dann nichts mehr und sie wusste, ihre Eltern sind jetzt tot. „Ich bin jetzt ganz allein – ich konnte nirgendwo hin gehen“ resümiert sie ihre Gedanken, als sie ein Versteck für die Nacht fand.
„Mein Platz ist in einem Waisenhaus“, war ihr Fazit, als sie als 8jährige überlegte, wo sie nun leben sollte. Sie erinnerte sich an die Oberste Schwester des Waisenhauses, eine Bekannte des Vaters. „Nie in meinem Leben habe ich mich so einsam gefühlt. Ist das ein Freund oder ein Feind?“ beschreibt sie den Weg zum Waisenhaus. „Sie hat mein Leben gerettet“, ist die Erkenntnis nachdem die Oberste Schwester sie aufgenommen hatte.
Der Krieg dauerte noch einen Monat, danach kam die Befreiung durch die Russen. Sie konnte sich wieder als Henriette Kretz vorstellen und in die Schule gehen.

Der kurze Einblick in ihr Leben stimmte das Publikum berührt und nachdenklich. Sie erzählt frei und ohne jede Verbitterung. „Niemand wird als Mörder geboren. Aber man kann Menschen dazu bringen für eine Idee oder Religion zu töten“, war ihr abschließender Versuch, die Ereignisse, das Warum zu erklären.

Nach einer kurzen Pause beantwortete Henriette Kretz Fragen wie es für sie weitergegangen sei, ob sie Hass empfinde und warum sie nach Europa zurückgekommen sei.

Dieser Abend war ein ganz besonderer. Es sind Menschen, die flüchten. Jeder hat seine/ihre eigene Geschichte. Für die Soziale Arbeit sind die Einzelschicksale besonders wichtig. Wir danken Henriette Kretz, dass sie uns einen Einblick in ihre Flucht und Verfolgung ermöglicht hat.
Ein besonderer Dank gilt ebenfalls Milena Feldmann, die diesen Abend organisiert hat und Herrn Prof. Dr. Heinz Theisen für die Begrüßungsworte.

Wir wünschen Frau Kretz weiterhin alles Gute und dass sie viele Menschen mit ihrer Geschichte erreicht.

Weitere Informationen
Henriette Kretz (ilekreta@gmail.com)
Milena Feldmann (milena.feldmann@googlemail.com)

Zeitzeugenprojekt
www.maximilian-kolbe-werk.de/unsere-arbeit/erinnern/zeitzeugenprojekte-an-schulen/

Text und Bilder
Dekanatsreferentin Julia Jung

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2014