Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

„Bildung durch Bindung“ (03.07.2017, Köln)

Prof. Dr. Obermaier begrüßt das Publikum

Begrüßung durch Wolfgang Klein, Caritasdirektor und Vorsitzender des Caritasverbandes Leverkusen

Besprechung der Diskussionsergebnisse

Prof. Dr. Obermaier präsentiert die Ergebnisse des Projekts

Abschlussgedanken zum Projekt von Dr. Frank Johannes Hensel, Direktor des Diözesanen Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V. Köln

Vorstellung der Ergebnisse des Forschungsprojekts „Bildung durch Bindung“

„Das Forschungsprojekt soll zum Wohl aller Kinder sein!“, mit diesen Worten eröffnete Prof. Dr. Michael Obermaier im voll belegten Senatssaal der KatHO NRW, Abteilung Köln die Vorstellung der Ergebnisse des seit April 2015 bestehenden Forschungsprojekts „Bildung durch Bindung“. Ziel des Forschungsprojektes war es, in einem Modellprojekt „flächentaugliche“ Aspekte zur Steigerung der Qualität von Kindertageseinrichtungen zu identifizieren. Da das Projekt zum 31.07.2017 endet, war es Zeit, die Ergebnisse dem Förderer „Diözesan Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V.“, dem Träger „Caritasverband Leverkusen e.V.“ und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der „Kindertageseinrichtung Am Steinberg“ vorzustellen.
In der Querschnitssstudie wurde mit Hilfe von qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden in mehreren Erhebungswellen und Einzelfallstudien eine Vielzahl von Daten erhoben und u.a. auf den Datensatz der NUBBEK-Studie bezogen.
Das Projektteam bestand aus der Leitung von Prof. Dr. Obermaier, Prof. Dr. Köhler und Prof. Dr. Gleich. Unterstützt wurde das Team durch Frau Boddenberg-Funke, Frau Hähner, Frau Seiffert und Frau Leinz.
Die Stichprobe setzte sich dabei aus 22 pädagogischen Fachkräften, 35 Elternzeilen, davon 51% mit Migrationshintergrund und 41 Kindern der Kindertagesstätte Am Steinberg des Caritasverbandes Leverkusen e.V. zusammen.

„Das Projekt dient dazu, die Qualität in den Kitas weiterzuentwickeln“, so Wolfgang Klein, Caritasdirektor und Vorsitzender des Caritasverbandes Leverkusen bei seiner wertschätzenden Einführung zum Projekt.
Um dieses Ziel zu erreichen, wurde während der Forschung u.a. der Frage nachgegangen, wie die Qualität der Kita sei. Bei den Erzieherinnen und Erziehern ging es um den Umgang mit den Kindern, sowie die zentrale Frage: „Wie kann bindungssensibel gearbeitet werden?“. Bei der Befragung der Kinder wurde deren Entwicklung untersucht und wie Bildungsprozesse beschrieben und gefördert werden können. In Bezug auf die Eltern wurde nach den sozio-demografischen Verhältnissen, in denen Kinder aufwachsen und nach den gesundheitlichen und sozialen Verhältnissen, in denen die Familien leben, gefragt.
„Das spannendste aus meiner Sicht waren die Interviews mit den Kindern“, so Köhler bei der Vorstellung der Forschungsfragen.

Die Entwicklung der Kinder innerhalb der Untersuchung bezog sich auf die Bereiche der kognitiven Entwicklung, der Körpermotorik, der sozialen emotionalen Entwicklung, sowie der Sprachentwicklung. In allen Bereichen sind die Mädchen besser als die Jungs entwickelt. Dabei sticht vor allem der Bereich der Körpermotorik hervor. Die Studie hebt ebenfalls hervor, dass der Migrationshintergrund der untersuchten Kinder keinen Einfluss auf die Entwicklung hat.
Diese Auswertung gab Anlass zur intensiven Diskussion. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kita, aber auch der Entscheidungsträger waren sich einig, „Was müssen wir machen, um sie [die Jungs – Anm. d. R.] nochmal stärker in den Blick zu nehmen?“
Zur Sprachentwicklung erwähnte Köhler, dass sozial besser gestellte Kinder eine bessere Sprachentwicklung haben. Innerhalb der Diskussion entwickelte sich diesbezüglich der Gedanke, inwieweit Eltern mit und ohne Migrationshintergrund besser in die Sprachförderung integriert werden können. Lesecafés könnten hierfür eine Möglichkeit sein.

„Das Sprechen über Bildung kann Bildungsprozesse in Gang setzen, um sich zu transformieren“, so wies Obermaier auf die enormen pädagogischen Chancen im Bereich der Bildung hin. Für diesen wurde die transformatische Bildungstheorie als Grundlage genommen, d.h. dass durch kritische (Selbst-)Reflexion eigene Denkweisen umgewandelt und verändert werden können, wodurch Bildung entsteht. Um herauszufinden, ob mithilfe der transformatorischen Bildungstheorie kindliche Bildungsprozesse empirisch erfasst, gesichert erfasst und praktisch gefördert werden können, wurden mit den Kindern rekonstruktive biografische Interviews geführt. „Das war lustig mit kleinen Kindern, da sie die Fragen noch nicht verstanden haben, aber trotzdem was erzählen wollten.“, so eine Mitarbeiterin, die Interviews durchgeführt hat. Eine andere fand, dass es eine „gute Methode“ sei, „um sich selbst zu reflektieren“. Bis zu einem Alter von drei Jahren ist es schwierig, Bildungsprozesse durch eigene Reflexion zu fördern. Jedoch lassen sich bei den vier- und vor allem bei den fünfjährigen Kindern Prozesse von Bildung im Sinne der transformatorischen Bildungsprozesse nachweisen. Für den Alltag in der Kita heißt dieser wichtiger Befund, dass es nicht nur eine Bildungsdokumentation geben sollte, sondern insbesondere die Bildungskommunikation ausgebaut und vertieft werden muss, nimmt man den Bildungsauftrag ernst. muss, nimmt man den Bildungsauftrag ernst. Die Diskussion beendet Obermaier mit dem Denkanstoß, die eigene Gesprächsführung kritisch zu hinterfragen, denn „Gespräche sind häufig lenkend, so dass Kinder häufig nicht wirklich ausdrücken können, was sie denken!“.

Im Bereich der Familie als primärer Lebens- und Entwicklungsraum zeigt sich, dass von den befragten Eltern nur rund 28% in der oberen Mittelschicht bzw. Oberschicht leben. Positiv ist, dass der soziale Status keinen Einfluss auf den allgemeinen Gesundheitszustand der Eltern hat. Wichtig sei aber, im alltäglichen Kindergartengeschehen den unterschiedlichen Status der Familien zu beachten. Eine Mitarbeiterin wies darauf hin, dass zum Beispiel bei Kindergeburtstagen die Mitbring-Tütchen abgeschafft wurden, da sich manche Familien diese nicht leisten können. Eine armutssensible Pädagogik wurde bisher innerhalb der Einrichtung umgesetzt.
Kulturelle und soziale Unterschiede sind den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern allgegenwärtig. So führen sie Elterncafés durch, um den Eltern Spiele beizubringen. Eine Mitarbeiterin wirbt dafür, dass „verschiedene Kulturen ein Erlebnis sind“ und dass sie manchmal „los lassen“ müssen „von deutschen Standards, um Familien gewinnen zu können“. Dies wird durch Vertreter des Caritasverbands Leverkusen e.V. unterstützt, „Wissensbildung um Kulturen bei Erzieherinnen, um Bindung zu schaffen“, sei daher eine wichtige Aufgabe. Auch die Kooperation mit den frühen Hilfen sei für eine armutssensible Pädagogik und um auf die unterschiedlichen sozialen Stände einzugehen, unabdinglich.

Ebenfalls wurden die Erzieherinnen und Erzieher in ihrem Interaktionsverhalten mit den Kindern und ihrer bildungssensiblen Arbeit beobachtet. Als Impuls in Bezug auf die Ergebnisse lässt sich hier hervorheben, dass für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch mehr Möglichkeiten zur Belastungsregulation geschaffen werden sollten. Es zeigte sich, dass die Erzieher und Erziehrinnen viele Erfahrungsräume im Alltag für die Kinder schaffen, aktiv am Gruppengeschehen teilnehmen und den Kindern, gerade in der Eingewöhnungsphase wertschätzend, individuell und mit Rücksicht auf die kindliche Selbstbestimmung gegenübertreten. Dieses Ergebnis spiegelt auch die Aussage einer Mitarbeiterin wider, wonach sich die Pädagoginnen und Pädagogen als „Begleiter und nicht als Erzieher der Kinder“ verstehen.

Die Qualität der Kindertageseinrichtung Am Steinberg ist herausragend. Untersucht wurden die Bereiche Ausstattung, Betreuung der Teilnehmer, sprachliche und kognitive Anregung, Aktivitäten, Interaktionen, Strukturierung der pädagogischen Arbeit, sowie Eltern und Fachkräfte. Jeder Bereich war nochmals in verschiedene Unterbereiche gegliedert. So sind von insgesamt 41 Qualitätsmerkmalen, nur zwei verbesserungsdürftig. In allen anderen Bereichen wurde die beste Bewertungsnote erreicht. „Das ist herausragend, das Ergebnis“, war Dr. Frank Johannes Hensels Rückmeldung über die Auswertung der Qualität der Einrichtung.

Im Ganzen lässt sich sagen, dass die Strukturen und Ressourcen, um Bildung durch Bindung zu schaffen in der Kindertageseinrichtung Am Steinberg sehr gut sind. Zum Abschluss bezeichnete Obermaier den Forschungsprozess besonders mit Blick auf die Bildungstheorie als „sehr spannend“.

In seinen Abschlussgedanken sagt Dr. Hensel, Direktor des Diözesanen Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V. Köln: „Die Kinder kommen und wir stellen uns denen!“ Er weist noch einmal darauf hin, wie wichtig die ersten drei Jahre in der Bildung eines Kindes sind, dabei die Bindung aber nicht vergessen wird. „Bindung kommt vor Bildung“, so sein Statement. Er ermutigte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – „Bleiben Sie an den Erfahrungen dran“ und „Danke“.

Dem Dank schließt sich das Team um Prof. Dr. Obermaier und Prof. Dr. Köhler an und freut sich, wenn es weiterhin zu einem entwicklungsorientierten regen Austausch mit allen Beteiligten aus Forschung, Politik und Praxis kommt. Die gelungene Kooperation fand bei einem gemeinsamen Glas Sekt und Buffet einen lebhaften Ausklang.

Weitere Informationen
Prof. Dr. Obermaier (m.obermaier@katho-nrw.de)
Prof. Dr. Köhler (t.koehler@katho-nrw.de)

Text und Bilder
Dekanatsreferentin Julia Jung (ju.jung@katho-nrw.de)

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