Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

 

„Es war grenzüberschreitend ...“ Film über Kaiserschnitt-Traumata führte zu lebhaften Diskussionen (31.03.2015, KatHO NRW)

Judith Raunig, Gesundheitspsychologin und Film-Initiatorin aus Österreich.

Der Dekan, Prof. Dr. Guido Heuel, führte in die Veranstaltung ein.

Heike Brüggemann, Moderation.

Podiumsdiskussion: v.l.n.r. Dr. Jaspers, Renate Egelkraut, Pia Berges, PD Dr. Ute Gahlings, Judith Raunig, Prof'in Dr. Dörpinghaus

 

Die Deutschlandpremiere des Dokumentarfilms „Meine Narbe“ am 23. März im Audimax der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Köln stieß auf großes Interesse und lebhafte Diskussionen. Etwa 100 Interessierte aus dem Hebammenwesen sowie Ärzte, Philosophen und betroffene Mütter folgten der Einladung des Studienganges Hebammenkunde innerhalb des Fachbereiches Gesundheitswesen.

Der Film von Mirjam Unger und Judith Raunig behandelt ein bislang tabuisiertes Thema, weil es darin nicht um die Technik des Kaiserschnitts, seine Indikation oder Durchführung geht, sondern um das traumatische Erleben der Frauen. Diese empfinden den Eingriff häufig als würdelos, beschämend und grenzüberschreitend. Der Film klagt an, dass sich Frauen unter der Geburt in einem Zustand höchster affektiver Betroffenheit entscheiden müssen, ob sie einem Kaiserschnitt zustimmen. Häufig ohne, dass für den Eingriff eine dringende medizinische Indikation besteht.

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit der Filmemacherin Judith Raunig wurde der Kaiserschnitt als ein gesellschaftlich reglementiertes, kontrolliertes und normiertes Ereignis erkannt, bei dem neben medizinischen und haftungsrechtlichen auch organisatorische und finanzielle Gründe eine Rolle spielen.

In der Plenumsdiskussion wurde deutlich, dass die Sichtweisen auf den Kaiserschnitt sehr vielfältig und nicht ohne gesellschaftliche Einflüsse zu denken sind. Es wurde offen diskutiert, dass die Angst der Ärzte und Hebammen vor möglichen strafrechtlichen Konsequenzen groß ist, sodass sie sich vielfach für die vermeintliche sichere Variante entscheiden. Aber auch die Arbeitsbedingungen der Hebammen und Ärzte nehmen Einfluss, da Kaiserschnitte planbar sind und somit gut mit dem Arbeitsrecht vereinbart werden können. Und letztlich wünschen sich häufig Frauen einen Kaiserschnitt, weil sie sich gesellschaftlich konstruierten Schönheitsidealen unterwerfen. Bei der Entscheidung zum Kaiserschnitt mitbestimmend ist ebenso ein gesellschaftlich vorherrschendes Paradigma der Funktionalität. Frauen sollen ihre Kinder sicher und reibungslos entbinden. Wer trotzdem leidet hat demnach nicht verstanden, wie vernünftig die Entscheidung zum Kaiserschnitt ist, so der gängige gesellschaftliche Tenor. „Dabei sind Angst, Schmerz oder auch Angewiesensein anthropologische Konstanten“, so die Studiengangsleitung für den Hebammenstudiengang, Prof. Dr. Sabine Dörpinghaus.

Im anschließenden Diskurs wies PD Dr. Ute Gahlings, Philosophin aus Darmstadt daraufhin, wie bedeutsam der Unterschied zwischen dem passiven Entbunden werden per Kaiserschnitt und dem aktiven Gebären für die Frauen ist. Dr. Klaus-Dieter Jaspers, geburtshilflicher Chefarzt aus Coesfeld berichtete von seinen langjährigen Erfahrungen, wie wichtig eine intensive Beratung und vor allem Auseinandersetzung mit den Frauen im Vorfeld ist, um einen Kaiserschnitt erfolgreich zu umgehen, was auf der anderen Seite aber auch Zeit erfordere, die man seinem Gegenüber zukommen lassen müsse.

Intensiv wurde darüber diskutiert, wie diese Situation verändert werden könnte. Einerseits unterliegen Hebammen und Ärzte gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen. Andererseits können aber nur sie die Frauen entsprechend begleiten, beraten und unterstützen und damit die Bedingungen für die Geburt verändern. Frauen brauchen eine professionelle Begleitung von Menschen, die bereit sind den Geburtsvorgang in allen Phasen einfühlend und achtsam zu begleiten und die Bedürfnisse der Frauen gegen unangebrachte Außeneinflüsse zu vertreten.

Der Dokumentarfilm „Meine Narbe“ ist ein bewegender Film der einen ersten gesellschaftlichen Dialog über das bislang tabuisierte Thema der Kaiserschnitt-Traumata eröffnet. Es kamen Frauen zu Wort, die über ihre bewegende Erfahrung berichteten von einem Kind entbunden zu werden und über den Wunsch, ihr nächstes Kind gebären zu wollen, als mündige Frau und Mutter.

 

Kontakt und weitere Informationen:

Prof’in Dr. Sabine Dörpinghaus

Telefon: (0221) 77 57 - 340

E-Mail: s.doerpinghaus(at)katho-nrw.de

 

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