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„Der Weg ist ein Weg, das Ziel ist ein Ziel“: Zum Tod von Wolfgang Schlüter (26.02.2021, Aachen)

Wolfgang Schlüter im Jahr 2019

Die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) trauert um Wolfgang Schlüter. Der Philosoph, der bis zum Jahr 2008 an der katho lehrte, verstarb am 17. Februar 2021. Der konsequente Denker entlarvte die so gern benutzte Floskel als „eine der schönsten Lebenslügen der Sozialen Arbeit“.

Philosoph ist, wer sich die Souveränität des Denkens nicht von allgemein akzeptierten Selbstverständlichkeiten abnehmen lässt. Kaum etwas verdeutlicht die Eigenart des Philosophen Wolfgang Schlüter prägnanter, als dass er zeitlebens gegen gewohnte Stereotype, gegen Ideologisierungen, gegen Vernebelungs- und Verblendungszusammenhänge andachte. So entlarvte er die so gern benutzte Floskel, dass schon der Weg das Ziel sei, als „eine der schönsten Lebenslügen der Sozialen Arbeit“. Ein Weg ist ein Weg, und ein Ziel ist ein Ziel – wer Sprache ernst nimmt und empfindlich bleibt für die sich in ihr ausdrückende logische Denkstruktur, wird auch einer noch so beliebten Metapher nicht zustimmen können, wenn sie in die Irre führt. Hier deutet sich an, dass die kritische Erkenntnistheorie des Aufklärers Immanuel Kant für Wolfgang Schlüter einen dauernden Bezugspunkt darstellte.

Angetrieben von einem tiefen Verlangen, der Wirklichkeit in all ihren Facetten auf den Grund zu gehen, studierte Wolfgang Schlüter Philosophie, Theologie, Psychologie, Soziologie und Pädagogik in Innsbruck, Paris und Tübingen. Zu seinen Lehrern zählten Ernst Bloch, Walter Schulz, Otto Friedrich Bollnow und Viktor Frankl. Nach einem Lizentiat in Theologie wurde Wolfgang Schlüter 1971 mit einer Arbeit über die Religionsphilosophie Paul Tillichs promoviert, die er in Innsbruck bei Michael Marlet und Emmerich Coreth schrieb. Danach holte Teresa Bock ihn an die neu gegründete Katholische Fachhochschule (KFH NW) nach Aachen, zunächst als Dozenten für Anthropologie und Sozialphilosophie, ab 1977 dann als hauptamtlichen Professor für Philosophie. Während seiner Zeit als Dekan 1985 bis 1989 führte er in Aachen die sogenannten ‚Reflexionswochen‘ ein, die heute unter der Bezeichnung ‚Inverted Classroom‘ als hochschulpädagogische Innovationsleistung gelten.

Gerade in diesen ersten Jahren der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen brachte sich Wolfgang Schlüter intensiv in die Gestaltung und Entwicklung des Konzepts der Akademisierung helfender Berufe ein. Desgleichen vertrat er pointiert und engagiert die Interessen der Fachschaft Philosophie/Theologie bei der Umstellung des Studiengangs im Rahmen der Bologna-Reformen. Dass Philosophie und Theologie fest im Curriculum der katho-Studiengänge integriert sind, ist wesentlich sein Verdienst. Es drückt ein Selbstverständnis von Philosophie als fundamentale Reflexions-, Bezugs- und Dienstleistungswissenschaft für die Praxis aus. Galt im Mittelalter die Philosophie bisweilen als ‚ancilla theologiae‘, so hat sie in der fortgeschrittenen Moderne ihre Berechtigung als ‚ancilla praxeos‘ – Dienstleisterin für die Praxis.

Auch jenseits des Hochschulbetriebs nahm Wolfgang Schlüter diese professionelle Selbstbeschreibung ernst: Die philosophische Praxis ‚Zaunbruch‘ sollte Denken jenseits des akademischen Elfenbeinturms fördern, ebenso wie seine Reihe „Philosophieren mit Kindern“. Nicht zuletzt wurde der fachliche Dialog mit ehemaligen Studierenden sowie Fachkräften aus der Hochschule und der Praxis im „Aachener Sozialkonvent“ (ask) fortgeführt, dessen Vorsitz Wolfgang Schlüter viele Jahre lang innehatte. In dieser 1994 gegründeten Vereinigung von Absolvent_innen, Dozent_innen, Mitarbeiter_innen, Freund_innen und Förder_innen der Abteilung Aachen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen wirkte er bei Tagungen, Exkursionen, Matineen und Neujahrstreffen als unaufdringlicher Lehrmeister und Dialogförderer.

Geradezu legendär waren seine Seminare in der Eifeler Wildenburg, im Trentino und in Umbrien oder auch seine Exkursionen, so bereits 1980 nach Moskau und Leningrad. All dies diente der Wirklichkeitssättigung des Denkens, das bei aller Prinzipienorientierung stets am Konkreten interessiert war.

Da die Kehrseite guter Praxis gute Theorie ist, es aber bis anhin kein philosophisches Grundlagenwerk für die Soziale Arbeit gab, schrieb er kurzerhand selbst eine „Sozialphilosophie für helfende Berufe“. Sie sollte zur Entwicklung von Handlungskompetenz und einer professionellen Haltung beitragen – aus Kants Kategorischem Imperativ werden acht Leitsätze für sozialarbeiterisches Handeln abgeleitet – und hatte über Jahrzehnte geradezu eine Monopolstellung im Fachdiskurs. In echt aufklärerischer Manier konzipierte Wolfgang Schlüter seinen Ansatz emanzipatorisch: Die Philosophie für helfende Berufe will dazu beitragen, den „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu finden, und Menschen befähigen, andere Menschen in genau diesem Unterfangen zu unterstützen. Dieser Akt geistiger Selbstbefreiung hat wie schon bei Platon immer auch eine politische Dimension: Eine philosophisch reflektierte Soziale Arbeit ist mehr als systemkonforme Sozialtechnologie; sie identifiziert soziale Schieflagen und Ungerechtigkeiten und macht sich zum Anwalt benachteiligter und marginalisierter Menschen. Da Denken selbst schon eine Praxis ist, führt es konsequenterweise zum verändernden Handeln und damit zur Politik.

Freiheitlich denken und handeln, mit einem gewissen Eigensinn Reflexion in Praxis münden zu lassen, und dabei ganz dem Menschen zugewandt sein – diese Humboldtschen Maximen charakterisieren die Persönlichkeit Wolfgang Schlüters, der ein klassischer Humanist und Geisteswissenschaftler war. Wer sich bei ihm und mit ihm darauf einließ, rigoros dem strengen Argument zu folgen, konnte etwas von der Leidenschaft des Denkens erfahren, das keineswegs blutleer, sondern mitten aus dem Leben und für das Leben war. Daraus entstanden nicht wenige Freundschaften, die zum Teil über Jahrzehnte sich vertieften.

Als Urgestein der ersten Stunde hat Wolfgang Schlüters markante Handschrift – im wörtlichen und im übertragenen Sinn – über vier Jahrzehnte die Hochschule und insbesondere die Abteilung Aachen geprägt wie nur wenige; er war Lehrender, Gestaltender, Kollege und Freund und blieb „seiner“ Abteilung auch nach der Pensionierung 2008 herzlich verbunden. Obwohl er Zeit seines Lebens von Krankheiten bedroht war, entfaltete er eine beispiellose Lebenskraft aus Leidensfähigkeit, Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin. Zu seiner heiter-gelassenen Ausgeglichenheit trug wesentlich die Empfänglichkeit für Kunst und Kultur, Konzert, Theater und Reisen bei. Venedig, die Stadt Verdis, Wagners und Thomas Manns, liebte er.

Ein Weg ist ein Weg: Wolfgang Schlüter ist mit bewundernswerter Konsequenz seinen Weg gegangen, auch im Wissen darum, dass nicht schon der Weg das Ziel ist, aber dass man den Weg gehen muss, um zum Ziel zu gelangen.

Wir blicken mit Dankbarkeit und Bewunderung auf dieses Leben und nehmen Abschied von einem treuen und lieben Weggefährten.

Prof. Dr. Hans Hobelsberger
Rektor

Bernward Robrecht
Kanzler

Prof. Dr. Martin Spetsmann-Kunkel
Dekan Fachbereich Sozialwesen, Abt. Aachen

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2021