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Die Pandemie und die Option für die Armen – Digitaler Austausch statt Jubiläumsfeier (17.02.2021, Münster)

Es sollte eigentlich ein großes Jubiläum werden: 30 Jahre Kontaktseminar Option für die Armen 1991–2021. Coronabedingt war nur ein digitales Treffen möglich. 19 Ordensleute und Engagierte aus der sozialen Praxis, zwölf Studierende und das Leitungsteam des Seminars tauschten sich am 9. Februar 2021 am Bildschirm über ihre Erfahrungen in der Pandemie aus.
Zwei unterschiedliche Einsichten prägen die Zeit seit dem Frühjahr 2020: Zum einen haben der Lockdown bzw. die Einschränkungen im Sommer in der Wohnungslosenhilfe und der Hilfe für Menschen in prekären Lebenssituationen enorme Kräfte freigesetzt, um Beratungsstellen und Angebote zur Versorgung weiterhin aufrechtzuerhalten. Gleichsam aus dem Nichts heraus wurden Anlaufstellen organisiert und neue Einrichtungen geöffnet. „Alle sollen zuhause bleiben? Wo soll ein Obdachloser zuhause bleiben?“, so Sr. Monika Plank vom Haneberg-Haus in München, getragen von der Benediktiner-Abtei St. Bonifaz. „Viele Wohnungslose haben ihre Postadresse und ihr Konto bei der Abtei. Das musste einfach weiterlaufen.“ Auch die Suppenküche von Sr. Alfonsa Farfeleder in Karlsruhe war keinen einzigen Tag geschlossen. „Danke, dass Ihr noch da seid für uns!“ – so der Tenor der Gäste dort. In Münster wurde ein Versorgungszelt eingerichtet sowie ein Tagesaufenthalt in einer ehemaligen Schule. In Paderborn gab es einen Food-Truck und mittlerweile eine neue Anlaufstelle in einem umgebauten Restaurant. In Berlin-Kreuzberg wurde die Kirche geöffnet, damit die Menschen nicht in der Kälte stehen müssen. Von vielen weiteren Beispielen war zu hören.
Zum anderen standen auch die dramatischen Folgen des Lockdown im Mittelpunkt. Für die Soziale Arbeit heißt es nach wie vor vielfach: „Alle Behörden sind geschlossen. Alles muss digital eingereicht werden. Viele Menschen haben aber keine Endgeräte, keinen Scanner, keinen Kopierer, keinen Stapel Papier. Die kommen zu uns in die Beratungsstelle. Sie sind auf die Bewilligung ihrer Anträge angewiesen“, so Bernd Mülbrecht vom Projekt Brückenschlag in Münster. Diese Beratungsstelle kümmert sich um Familien, die besondere Unterstützung benötigen. Zu den Verlierern der Pandemie zählen vor allem Kinder in an sich schon prekären Lebensverhältnissen, so Mülbrecht.
Wenn – wie Papst Franziskus angesichts der Pandemie in seinem Gebet auf dem Petersplatz vom 27. März 2020 sagte – die Pandemie ein Symptom einer „kranken Welt“ und eines „schwer kranken Planeten“ ist, wie können wir dann heilsam wirken in dieser Welt? Christoph Gilsbach, Clinic-Clown am Uniklinikum Münster, berichtete, wie ganz besonders in Krankheit „das Seelische, das Freundliche, das Lachende, die heile Seite“ angesprochen werden will. Berührend schilderte er nicht nur, wie die Clinic-Clowns während des Lockdown von den Balkonen aus Kinder und ihre Eltern aufzuheitern versuchten. Er erlebt auch die Grenzen seiner Kunst, wenn er „keine Brücke“ findet, um die heile Seite in einem kleinen oder erwachsenen Patienten zu erreichen.
Für Andrea Tafferner, Professorin an der Katholischen Hochschule in Münster, die gemeinsam mit Bernd Mülbrecht das Kontaktseminar Option für die Armen leitet, hat das „heilsame Wirken“ in einer kranken Welt und auf einem kranken Planeten eine spirituelle und eine politische Dimension. Der Zusammenhang von ökologischer und sozialer Krise, Missachtung von Natur und Tieren, Klimawandel und weltweiter Armut zeige sich in dieser Pandemie noch deutlicher. Es brauche ein neues Bewusstsein für das Klima als Gemeinschaftsgut, für den Planeten Erde als gemeinsames Lebenshaus aller Lebewesen. Das schließe eine neue Ausrichtung auf das Prinzip des Gemeinwohls ein. Der spirituelle Zugang mag individuell unterschiedlich sein – „sein Herz öffnen für die von Gott geliebte Welt, Freude an Schönem, Problemlagen sehen und Verantwortung übernehmen, gehören für mich dazu“.


Weitere Informationen zum Kontaktseminar Option für die Armen: www.katho-nrw.de/muenster/studium-lehre/lehrende/hauptamtlich-lehrende/tafferner-andrea-prof-dr-theol-lic-theol/kontaktseminar-option-fuer-die-armen/


Text: Prof. Dr. Andrea Tafferner, a.tafferner(at)katho-nrw.de

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2021