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Publikationen zum Forschungsprojekt „Sektenkinder“ erschienen (24.11.2020, Aachen)

Das Buch "Sektenkinder" ist im Psychiatrie Verlag am 16.11.20 erschienen.

Im Rahmen eines Forschungsprojekts der KatHO NRW (Abt. Aachen) sind kürzlich zwei Publikationen erschienen. Darin geht es um Kinder und Jugendliche, die in sogenannten Sekten aufgewachsen sind, sowie um deren Weiterleben nach dem Ausstieg. Die Studie wurde von Kathrin Kaufmann, Laura Illig und Chantal Kern durchgeführt und von Prof. Dr. Johannes Jungbauer fachlich begleitet. Bei den Neuerscheinungen handelt es sich um das Buch „Sektenkinder“ (Psychiatrie-Verlag) sowie einen englischsprachigen Beitrag in der Fachzeitschrift „Clinical Social Work Journal“. Prof. Jungbauer berichtet im folgenden Interview über die Sektenkinder-Studie und die aktuellen Veröffentlichungen.

KatHO: Herr Professor Jungbauer, worum ging es in der Sektenkinder-Studie?

Jungbauer: Es ging um Menschen, die in eine sogenannte Sekte hineingeboren wurden und in ihr aufgewachsen sind – und die irgendwann den Mut gefunden haben, sie zu verlassen. Ziel der Studie war es, die besonderen Erfahrungen dieser Menschen zu untersuchen, ihre oft schweren Belastungen und Einschränkungen zu dokumentieren und den Hilfebedarf nach einem Sektenausstieg aufzuzeigen. Das ist natürlich auch ein sehr relevantes Thema für die Soziale Arbeit.

KatHO: Wie ist die Idee zu der Studie entstanden?

Jungbauer: Es handelte sich um ein studienintegriertes Forschungsprojekt im Rahmen des Aachener Masterstudiengangs „Klinisch-therapeutische Arbeit“. Meine damaligen Masterstudentinnen Kathrin Kaufmann, Laura Illig und Chantal Kern hatten die aufregende Idee, Sektenaussteiger*innen zu ihren Kindheitserfahrungen zu befragen. Gerade in Deutschland gibt es bislang leider kaum wissenschaftliche Studien und Fachliteratur zum Aufwachsen in sogenannten Sekten und die oft schwerwiegenden psychologischen Folgen.

KatHO: Können Sie die wichtigsten Ergebnisse der Studie kurz zusammenfassen?

Jungbauer: Es zeigte sich, dass sich das Aufwachsen in einer sogenannten Sekte nachhaltig und oft ungünstig auf die Entwicklung von Kindern auswirkt. Zum Teil sind Sektenkinder von massiver körperlicher Gewaltanwendung der Erziehungspersonen betroffen. Darüber hinaus berichteten viele der Befragten auch, aufgrund der rigiden Sektenregeln kaum Freiräume zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit gehabt zu haben. Obwohl ihnen vermittelt wurde, dass sie auserwählte „Gotteskinder“ sind, hatten sie gelernt, eigene Bedürfnisse als sündig zu betrachten. Nicht selten entwickelten sie eine generelle Angst davor, etwas Falsches zu tun oder zu denken und damit den Zorn Gottes, der Gemeinschaft oder des Sektenführers auf sich zu ziehen. Viele Sektenkinder können kein starkes, autonomes Selbstwertgefühl aufbauen, das unabhängig von ihrer religiösen Gemeinschaft ist.

KatHO: Warum haben Sie die Ergebnisse der Studie auf Englisch veröffentlicht?

Jungbauer: Bei wichtigen wissenschaftlichen Studien ist es üblich, die Ergebnisse mit der internationalen scientific community zu teilen. Chantal Kern und mir ist es gelungen, die Gutachter der renommierten Fachzeitschrift „Clinical Social Work Journal“ mit unserem Artikel zu überzeugen. So erreicht man weltweit sehr viel mehr Leserinnen und Leser als mit einer deutschsprachigen Publikation.

KatHO: Aber es gibt auch ein neues Buch zum Thema.

Jungbauer: Ja, in dem Buch „Sektenkinder“, das in Zusammenarbeit mit Kathrin Kaufmann und Laura Illig entstanden ist, sind die Ergebnisse der Sektenkinder-Studie sehr ausführlich und anhand vieler O-Töne dargestellt. Es ist ein wichtiges Buch, das sich an Betroffene sowie deren Angehörige und Freunde richtet, aber auch an alle, die beruflich mit Sektenkindern zu tun haben, wie Lehrkräfte, Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen und Sozialarbeiter*innen.

KatHO: Also kein Fachbuch im wissenschaftlichen Sinne?

Jungbauer: Nein, es richtet sich bewusst an ein breiteres Publikum und ist allgemeinverständlich geschrieben. Schließlich war es auch unser Ziel, mit dem Buch die Öffentlichkeit auf die Situation von Sektenkindern aufmerksam zu machen. Allerdings gibt es auch zwei Kapitel, die sich gezielt an Fachleute richten. Erfreulicherweise konnten wir dafür u.a. den Münchner Psychotherapeuten Dieter Rohmann als Autor gewinnen, einen der wichtigsten Sekten-Experte in Deutschland.

KatHO: Was war für Sie persönlich die wichtigste Erkenntnis aus der Studie?

Jungbauer: Mich hat am meisten beeindruckt, dass auch Menschen mit extrem belastenden Kindheitserfahrungen den Mut und die Kraft finden können, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen und dieses selbstbestimmt zu gestalten.

Kontakt und weitere Informationen: j.jungbauer@katho-nrw.de

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