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Zwei Studierende des Paderborner Fachbereichs Sozialwesen des Projektes „NRWege ins Studium-Welcome refugees“ erhalten DAAD-Studienabschlussstipendien (17.07.2020, Paderborn)

Erstmals konnte die Abteilung Paderborn zwei DAAD-Studienabschluss-Stipendien an Studierende mit Fluchterfahrung im 5. Semester vergeben. Sie werden an der Abteilung im Rahmen des Landesprojekts „NRWege ins Studium“ begleitet und wurden aus zahlreichen Vorschlägen durch die Projektkoordinatorin und eine 2. Gutachterin ausgewählt. für ein fast einjähriges Stipendium ausgewählt. Prof. Dr. Böwer (Dekan) und Lara Dulige (Projektkoordinatorin) gratulieren den beiden Stipendiaten herzlich und haben anlässlich dessen mit ihnen ein digitales Interview geführt.

 

Lieber Herr Alakra und Herr Sedahmad: Wir gratulieren Ihnen zum DAAD-Stipendium! Mögen Sie uns ein paar Worte zu sich erzählen: wo sind Sie geboren und aufgewachsen, haben Sie Geschwister und haben diese auch studiert?

Ahmet Alakra: Vielen Dank für Ihre Gratulation, ich habe mir sehr gefreut. Ich bin in Aleppo geboren und lebte und wuchs in Raqqa in Nordsyrien auf. Dort erwarb ich das Abitur und zog dann in die syrische Hauptstadt Damaskus, um Soziologie zu studieren. Ich komme aus einer großen Familie, ich habe neun Geschwister, von denen vier Lehrer sind, eine Schwester, die Jura studiert hat, und ein Bruder, der arabische Literatur studiert hat.  

Suleiman Sedahmad: Auch ich möchte mich herzlich für das Stipendium bedanken. Es ist mir eine große Hilfe, um mich intensiv auf mein Studium zu konzentrieren und einen möglichst guten Abschluss zu erreichen. Ich komme aus einem sehr kleinen Dorf im Nordosten Syriens, einer Region mit überwiegend kurdischer Bevölkerung. Dort bin ich geboren und aufgewachsen. Von meinen sieben Geschwistern konnte bisher nur meine älteste Schwester studieren und ihr Studium abschließen. Meine älteren Brüder konnten aus finanziellen Gründen leider nicht studieren. Noch in Syrien habe ich nach dem Abitur mit einem Studium begonnen, musste dies dann aber wegen des sich ausweitenden Krieges abbrechen und meine Heimat verlassen. Ein Großteil meiner Familie musste fliehen. Keiner meiner Geschwister konnte daher noch studieren.

 

Wir haben uns bei Ihrem Start im DAAD-Projekt NRWege in Studium-Welcome refugees im Propädeutikum an unserem Fachbereich kennengelernt. Seit wieviel Jahren sind Sie nun in Deutschland und wie war der Start hier?

Ahmet Alakra: Ich bin am 02.10 2015 in Deutschland angekommen. Am Anfang wusste ich nicht, wo ich anfangen sollte. Das Bildungssystem unterscheidet sich von meinem Land, zusätzlich zum Lernen in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache ist. Aber am schwierigsten war es jedoch, dass ich allein war und keine Bekannten, Verwandten oder Eltern hatte. Aber durch Ihr Welcome-Projekt NRWege im Propädeutikum und durch die familiäre Atmosphäre ist die Angst verschwunden und der Weg durch Unterstützung auf allen Ebenen frei geworden. Ich muss ehrlich sein, ohne diese Unterstützung wäre ich nicht in der Lage gewesen, mein Studium fortzusetzen und das sechste Semester zu erreichen.

 

Suleiman Sedahmad: Ich bin seit September 2015 hier in Deutschland und hatte gemeinsam mit vielen anderen Migrant*innen einen sehr schweren Start. Und ich muss sagen, dass es bis jetzt immer noch schwer ist. Abgesehen davon, wie schwierig es ist in einem völlig neuen Land, ja sogar in einer neuen Lebenswelt, ganz von vorne zu beginnen, die Hürden eines Asylverfahrens zu meistern, die Unterbringung in Sammelunterkünften zu überstehen, eine ganz neue Sprache zu erlernen und sich in einer fremden Kultur zurecht zu finden muss ich bis jetzt Erlebnisse aus meiner alten Heimat und aus der Zeit der Flucht verarbeiten. Es bleibt auch die Sorge um meine Familie, die immer noch in einem Kriegsgebiet leben muss und auf meine Unterstützung angewiesen ist. Obwohl ich hier eine neue Heimat gefunden habe und viele meiner Ziele bereits verwirklichen konnte, sehe ich mich trotz aller Bemühungen, mich auch aktiv für die Gesellschaft einzusetzen, vielleicht allein durch mein Aussehen immer wieder rassistischen Verhaltensweisen ausgesetzt.

 

Mit ihrem DAAD-Stipendium werden Sie in der Abschlussphase Ihres Studiums gefördert. Was sind Ihre Pläne für die Zeit nach Ihrem Abschluss?

Ahmet Alakra: Zuerst möchte ich einen Job finden, um mich und meine Familie zu ernähren. Aber ich habe ein starkes Interesse, meine Fähigkeiten zu selbstständiger wissenschaftlicher Tätigkeit sowie praktischen Arbeiten auf wissenschaftlicher Grundlage im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes auszubauen

Suleiman Sedahmad: Um meinen Abschluss zu erreichen, werde ich vor allem aus sprachlichen Gründen ein zusätzliches Semester absolvieren. Leider konnte ich mich auch aus familiären Gründen zeitweise nicht intensiv genug auf mein Studium konzentrieren. Nach dem Abschluss würde ich gerne direkt in die Praxis einsteigen und arbeiten. Sobald wie möglich, möchte ich dann aber auch noch einmal studieren und einen Master im Bereich Flucht und Migration erreichen.

 

Kontakt:

Michael Böwer, m.boewer(at)katho-nrw.de
Lara Dulige, l.dulige(at)katho-nrw.de

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2021