Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Digitale Lehre in der Theologie: „Anfangs wurden wir oft belächelt“ (08.06.2020, KatHO NRW)

Dr. Annett Giercke-Ungermann ist Wissenschaftliche Referentin für das Fach Biblische Theologie und Kirchengeschichte im Fernstudiengang Religionspädagogik des Fachbereichs Theologie der KatHO NRW in Paderborn. Seit über zehn Jahren arbeitet sie verstärkt mit digitalen Lehr- und Lernkonzepten.

Prof. Dr. Christian Handschuh ist Vertretungsprofessor an der Universität Passau im Fach Kirchengeschichte. Seit zwei Jahren setzt er in seinem Fach verstärkt digitale Lehr- und Lernkonzepte ein. Sein Schwerpunkt ist Hochschulddidaktik.

Neu erschienen im Lit-Verlag: "Digitale Lehre in der Theologie. Chancen, Risiken und Nebenwirkungen."

Gerade ist der Sammelband „Digitale Lehre in der Theologie“ erschienen. Theologie-Professor Wilhelm Tolksdorf sprach mit den beiden Herausgebenden Annett Giercke-Ungermann (KatHO NRW) und Christian Handschuh (Universität Passau). Ihr Fazit: Erst in den letzten Jahren hat bei digitalen Lehr- und Lernszenarien ein Umdenken eingesetzt. Studierende können davon profitieren.


Vor allem in Corona-Zeiten, aber auch in den letzten Jahren wird immer deutlicher: Digitale Lehre gewinnt im Kontext von Hochschule und Universität an Bedeutung. War das der Grund, einen Sammelband zum Thema „Digitale Lehre in der Theologie“ zu veröffentlichen?

Christian Handschuh: Das war ein Grund, aber damals nicht der einzige und vor allem auch nicht der wichtigste. Digitale Lehre hatte vor Corona einen schweren Stand innerhalb der universitären Lehre und war alles andere als anerkannt. Vor allem der Mehraufwand hat viele Lehrende abgeschreckt, hier in die eigene Lehre zu investieren. Etabliert hatten sich eher Leuchtturmformate, die massiv bezuschusst wurden. In der Breite war die Verwendung digitaler Tools oder auch der Einsatz von Online-Lehre eher unbekannt. Genau diese Ebene hat uns aber interessier: Uns ging es um alltagstaugliche Konzepte und eine Reflexion der Möglichkeiten der Digitalisierung aus unserer Fachperspektive.

Annett Giercke-Ungermann: Trotz der universitären Digitalisierungsstrategien und „Werbemaßnahmen“ wurde man gerade in der Anfangszeit sehr oft belächelt, wenn man von seinen digitalen Lehr- und Lernszenarien berichtete. Erst in den letzten Jahren hat ein Umdenken eingesetzt. Viele Dozierende wurden neugierig. Unser Anliegen war es daher, den aktuellen Stand der Digitalen Lehre für den Bereich der Theologie im deutschsprachigen Raum widerzuspiegeln. Es zeigt sich: In vielen Bereichen stecken wir noch in den Kinderschuhen und schöpfen die Potenziale digitaler Lehr- und Lernkonzepte nicht wirklich aus. Dennoch gibt jetzt schon vielfältige Herausforderungen und „Nebenwirkungen“, die nicht nur Auswirkungen auf den Lehrbetrieb, sondern auch auf die Theologie als Fachwissenschaft und ihren Wirkungsräumen haben werden.

Wie wird sich eine zunehmende Digitalisierung auf die Struktur der Theologie und die studierbaren Fächer auswirken?

Handschuh: Ich denke, da muss man sich der Grenzen der Digitalisierung bewusst bleiben – das signalisieren auch die einführenden Artikel des Sammelbandes recht deutlich. Sicher werden wir durch Big Data neue Analysemöglichkeiten gewinnen und schöpfen momentan nur einen Bruchteil dieser Ideen und Möglichkeiten aus. Und natürlich müssen wir uns der Gefahren und Grenzziehungen bewusst bleiben, die sich aus Digitalisierung ergeben – hier ist insbesondere die Ethik als theologische Fachwissenschaft gefragt und nimmt sich dieser Herausforderung auch explizit an.
Wichtiger als in der Theologie scheint uns aber der Wandel, der sich im Bereich der Gesamtgesellschaft anbahnt. Uns interessiert also eher der Rahmen, in dem sich auch die Theologie als Fachwissenschaft bewegt und denkt. Hier wird Corona einen starken Schub bringen, der in unserem Sammelband noch gar nicht berücksichtigt ist: Die durchgängige Vertrautheit mit digitalen Tools wie Konferenzsoftware oder Clouds und digitalen Wissensportalen wird in Zukunft weitgehende Auswirkungen haben. Für die Theologie werden wir vermutlich die Weiterentwicklung und Intensivierung von digitaler Lehre sehen. Vielleicht wird sich das Angebot an digital studierbaren Studiengängen halten oder sogar ausweiten. Mit Sicherheit gibt es zusätzlich deutschlandweit noch eine große und bislang kaum befriedigte Nachfrage nach Theologie außerhalb der klassischen Universitätsstrukturen beispielsweise in der Erwachsenenbildung – hier wäre zu überlegen, ob nicht digitale Lehre eine große Rolle spielen kann.

Wie muss denn eine Studiengangkonzeption in der Theologie hochschuldidaktisch gedacht werden, damit digitale Lehrformate, aber auch digitale Prüfungsformen sinnvoll integriert werden können?

Giercke-Ungermann: Man darf sich da nichts vormachen: Digitales Lehren und Lernen verlangt sowohl von Studierenden als auch von Lehrenden einen weitgehenden Kulturwandel. Was in der klassischen Hochschuldidaktik der letzten 25 Jahre schon angefangen hat, ist hier notwendigerweise noch viel stärker entsprechend umzusetzen und von vornherein in die Lehr- und Lernkonzepte zu integrieren. Der Schwerpunkt liegt auf Lernprozesse der Lernenden. Digitale Lehr- und Lernkonzepte müssen optimal von vornherein entlang dieser Linie konzipiert und begleitet werden. Dies erscheint uns im digitalen Raum noch notwendiger als im analogen Bereich der Lehre. Und: Digitales Lernen ist weniger ein Lernen in Gruppen als vielmehr ein individuelles Lernen und Begleiten. Auch daran werden wir uns erst noch gewöhnen müssen und entsprechende Konzepte aufbauen. Dass eine solche Lehr- und Lernkultur auch Auswirkungen auf Prüfungsinhalte und Prüfungsformen haben wird, ist selbstverständlich.

Handschuh: Die Frage nach möglichen rechtssicheren Prüfungsformen halten wir aus Dozierendenperspektive für ein kleineres Problem – da wird sich in der Folge von Corona sicher einiges tun und vielleicht werden auch ganz neue Formen möglich sein und entstehen, die gezielt für digitale Räume gedacht und konzipiert sind. Wie unser Sammelband zeigt, sind die Grundlagen für ganze theologische digitale Studiengänge längst gelegt. Es braucht hier nur noch die Vernetzung und Organisation in zusammenhängenden und hochschuldidaktisch sinnvoll strukturierten Studiengängen. Im Grunde spricht aus Studierendenperspektive auch nichts dagegen, Bologna ernst zu nehmen und digitale Lehrveranstaltungen an anderen Universitäten als komplementär zum Lehrangebot vor Ort anzubieten, in den eigenen Studiengang einzubinden und später anerkennen zu lassen.

Welche Erfahrungen gibt es mit Blick auf solche Studiengangskonzeptionen im Fachbereich Theologie?

Giercke-Ungermann: Was an der KatHO NRW vor zweieinhalb Jahren als Experiment eines reinen E-Learning-Studiengangs im Bereich der Theologie begann, ist bereits heute schon aus den Kinderschuhen herausgewachsen und steht konzeptionell und in seiner Durchführung durchaus auf sicheren Füßen. Was sich hier in diesem Online-Studiengang vor allem zeigt, ist, dass E-Learning für mich als Dozierende sehr viel mehr Freiraum schafft, Studierende individueller in ihren Lernprozessen begleiten zu können – und zwar mehr, als es mir in analogen Veranstaltungsformaten möglich wäre. Natürlich hängen solche Erfahrungen auch immer auch von der Lehrpersönlichkeit ab und wohl auch von der persönlichen Entscheidung, wie ich diese Rolle füllen möchte und kann. Und genau dies spiegeln auch die Rückmeldungen der Studierenden wider: Dass Dozierende hier in unseren Online-Studiengang individueller auf ihre Lernprozesse eingehen können, wird durchaus als Bereicherung und als sehr wichtig empfunden. Zudem geben wir hier Frauen und Männern die Möglichkeit, ein Studium zu absolvieren, die sonst aufgrund ihrer privaten oder beruflichen Verpflichtungen nur unter großen Schwierigkeiten entsprechende analoge Präsenzstudienformate besuchen könnten. Gerade mit Blick auf die Bildungsgerechtigkeit scheint mir dies ein wichtiger Aspekt zu sein.

Annett Giercke-Ungermann / Christian Handschuh (Hg.):
Digitale Lehre in der Theologie. Chancen, Risiken und Nebenwirkungen.
Lit-Verlag: Berlin 2020 (Theologie und Hochschuldidaktik, Bd. 11), 29,90 Euro (eBook), 34,90 Euro (Printausgabe)

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