Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Menschen mit Behinderung bis ins Alter bedarfsgerecht unterstützen (25.03.2020, KatHO NRW)

(v.l.n.r.) Petra Björne (Kommune Malmö; Universität Lund – Schweden), Prof. Dr. Sabine Schäper (KatHO), Prof. Dr. Friedrich Dieckmann (KatHO), Lene Kristiansen und Frode Larsen (Nationales Kompetenzzentrum Alter und Gesundheit – Norwegen)

Lebenshilfe-Rat NRW

Jürgen Kockmann (LWL-Inklusionsamt Soziale Teilhabe)

Bärbel Brüning (Lebenshilfe NRW e.V.)

Abschlusstagung zum BMBF-Projekt MUTIG mit innovativen Ideen

Forscher*innen des Instituts für Teilhabeforschung der KatHO NRW in Münster haben zusammen mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und dem Landesverband Lebenshilfe NRW untersucht, wie Menschen mit Behinderung im Alter leben wollen - und was Anbieter tun können, damit das auch Realität werden kann. Das Projekt MUTIG wurde im Förderprogramm SILQUA-FH vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Eine wichtige Erkenntnis des Projektes MUTIG: Auch Menschen mit Behinderung wollen das, was Menschen ohne Behinderung wollen: möglichst bis ins hohe Alter in ihrer eigenen Wohnung leben, selbstbestimmt mit Unterstützung ihren Alltag individuell gestalten und selbstbestimmt auch über Umzüge entscheiden. Die Wirklichkeit sieht bislang oft noch anders aus: Menschen mit sog. geistiger Behinderung leben im Alter noch mehrheitlich in Wohnheimen mit 20 und mehr anderen Menschen. Ihre Freiräume für eine individuelle Lebensgestaltung sind stark beschränkt. Umzüge erfolgen oft, weil die Wohndienste sich nicht auf die Unterstützung im Alter eingestallt haben. Wie sich das ändern kann, diskutieren rund 200 Teilnehmer auf der Abschlusstagung des BMBF-Projekts am 4. und 5.3.2020 in Münster.

Das Forscherteam hat Wohnsettings und Wohndienste in NRW und Bayern, in den Niederlanden, Norwegen und Dänemark untersucht und zeigt auf, was sich wie ändern sollte und anders gestaltet werden könnte. Menschen mit Behinderung des Lebenshilferats NRW haben sich sehr früh an diesen Überlegungen beteiligt.

Entscheidend sei, wie Menschen mit Behinderung selbst ihren Alltag gestalten wollen. Das fordere auch das neue Bundesteilhabgesetz, so Projektleiter Prof. Dr. Friedrich Dieckmann vom Institut für Teilhabeforschung der KatHO NRW und fährt fort: „Das Leben in Wohneinrichtungen mit mehr als zwölf Personen, das zeigt die empirische Wohnforschung, wirkt sich negativ auf die individuelle Teilhabe und Lebensqualität aus. Wir müssen uns vom Wohnheim mit 24-Plätzen als Leitmodell verabschieden. Wir brauchen kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, eine größere Autonomie der Mitarbeiterteams, die Assistenz leisten, und einen stärkeren Einsatz von digitaler Technik.“

„Wenn heute ältere Menschen mit Behinderung mehr Pflege und Unterstützung brauchen, ist es Aufgabe der Anbieter, ihre Unterstützung in der vertrauten Wohnung entsprechend anzupassen“, so Prof. Dr. Sabine Schäper. Viele Anbieter dächten noch in „trägerinternen Versorgungsketten“, die Menschen mit Behinderung aufgrund des Unterstützungsbedarfs in eine Wohnform sortiert. So spielten auch Interessen von Trägern an der Auslastung eines eigenen Pflegeheims bei Umzugsentscheidungen eine große Rolle. „Im Ergebnis landen zu viele ältere Menschen mit gewöhnlichen Pflegebedarfen viel zu früh in Pflegeheimen.“ Das Bundesteilhabegesetz fordere dazu auf, die individuell notwendige Unterstützung unabhängig von der Wohnform zu gestalten.

Das Forschungsteam hat Ansätze gefunden, wie es auch anders ginge, so Dieckmann und Schäper weiter. Ein besserer „Hilfemix“ wäre ein großer Fortschritt: „Wenn sich Profis aus der Behindertenhilfe, aus der Altenpflege und aus der Stadtteilarbeit besser abstimmten, kommt das den Menschen mit Behinderung sofort zugute. Im besten Fall kann jemand durch einen guten Hilfemix auch im Alter in seiner eigenen Wohnung in seinem Viertel bleiben.“ Ein Schlüssel sei die Begleitung in der Nacht. Ein Beispiel aus den Niederlanden habe gezeigt, dass durch den Einsatz digitaler Technologien eine kleine Anzahl von Nachtwachen vielen Bewohner/innen, die verteilt in einem Stadtteil allein, zu zweit oder in Wohn- oder Hausgemeinschaften leben, verlässlich und personalschonend nächtliche Sicherheit und Unterstützung geben.

 „Wir finanzieren die Hilfen für 15.300 Menschen mit Behinderungen im Betreuten Wohnen und für 20.000 Menschen in Heimen. Unsere Aufgabe, besteht darin, noch mehr selbständiges Wohnen möglich zu machen“, so Jürgen Kockmann vom LWL. Darum habe der LWL zum Beispiel ein eigenes Programm mit innovativen Wohnprojekten („Sewo“) für insgesamt zehn Millionen Euro aufgelegt. „Wenn Sie zum Beispiel das Wohnprojekt in Bochum-Weitmar sehen, leben dort heute Menschen, von denen viele noch vor Jahren glaubten, dass sie wegen ihrer schweren Behinderungen nur im Heim leben könnten. Heute hat dort jeder sein eigenes Apartment.“ Mit einer Kombination aus intelligenter Haustechnik („Ambient Assisted Living“), gut organisierter Nachtwache und Vernetzung im Stadtteil sei das möglich. Kockmann: „Solche Ansätze sind ermutigend, das hat uns auch dieses Forschungsprojekt gezeigt.“

„Entscheidend bei allen Beispielen neuer Wohnangebote ist grundsätzlich, dass sie die Wahlmöglichkeiten erweitern und ein selbstbestimmteres Leben ermöglichen bei notwendiger gewährleisteter Unterstützung. Ein wesentliches Kennzeichen der Qualität dieses Projektes steckt nicht nur in der beeindruckenden Vielfalt unterschiedlicher erforschter Angebote, sondern auch darin, dass Menschen mit Behinderung selbst mitwirken konnten und ihre Wünsche und Vorstellungen in die Ergebnisse eingeflossen sind. Der Lebenshilferat NRW macht uns allen deutlich: es ist an der Zeit, zukünftige Bewohner*innen nicht nur zu fragen, sondern sie im besten Falle gleich von Anfang an in Planungen einzubeziehen und bei Forschungsprojekten als Co-Forscher*innen auf Augenhöhe mitwirken zu lassen. Leben in allen Lebensphasen, so wie ich das möchte, ist ein Wunsch, den alle Menschen gleichermaßen haben. Die Ergebnisse des Projektes zeigen gut, wie es gehen könnte und zeigen zugleich auch Hindernisse auf, die behoben werden müssen. Insgesamt ermutigende Ergebnisse.“ sagt Bärbel Brüning, Geschäftsführerin des Landesverbandes Lebenshilfe NRW e.V.

Einen ausführlicheren Bericht über die Tagung und die Beiträge finden Sie unter mutig.institut-teilhabeforschung.de

Die Erkenntnisse, wie Wohnunterstützung bis ins Alter gestaltet werden kann, werden zurzeit in einem Buch mit dem Titel „Innovative Gestaltung des unterstützten Wohnens von Menschen mit Behinderung im Alter“ ausgearbeitet, das Ende des Jahres beim IRB-Verlag Stuttgart erscheinen wird.

Text: Jule Wevering
Fotos: Joana Deister

 

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