Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Spiritualität in der Palliativversorgung (09.07.2019, Aachen)

Vertreter_innen aus elf Praxiseinrichtungen, DiCV und KatHO; Foto: Florian Großmann, WHK

Kick-off Veranstaltung des Pilotprojektes „Versorgungsbrücken statt Versorgungslücken“ in der Altenhilfe

 

Am 12.6.2019 trafen sich 24 Vertreter_innen aus elf Altenhilfeeinrichtungen zum intensiven, transdisziplinären Austausch über „Spiritualität in der Palliativversorgung“. Die Einladung erfolgte von der Transferinitiative Aachen, bestehend aus KatHO NRW, Abt. Aachen (Leitung Prof. Dr. Krockauer) und des Caritasverbandes für das Bistum Aachen (Leitung Prof. Dr. Wittrahm). Professor Krockauer entwickelte eingangs Grundgedanken zum Stellenwert von spiritueller Sorge am Lebensende, bezogen auf die besondere Versorgungssituation in ambulanten und stationären Einrichtungen. Darüber hinaus war an diesem Nachmittag viel Raum für das persönliche Kennenlernen, den fachlichen Austausch und das Sammeln eigener Projektideen, die einrichtungsbezogen und lokal vor Ort unter Beteiligung der Hochschule geplant und durchgeführt werden sollen.

Die Transferinitiative Aachen ist eine von drei Initiativen im Pilotprojekt Versorgungsbrücken statt Versorgungslücken, welches gemeinsam an den Abteilungen Aachen und Paderborn unter Leitung von Prof. Dr. Krockauer und Prof. Dr. Feeser- Lichterfeld durchgeführt wird. Es ist Teil des durch das Programm „Innovative Hochschule“ von Bund und Ländern geförderten Transfernetzwerkes s_inn (Soziale Innovation) des Verbundes der Katholische Hochschule NRW und der Evangelischen Hochschule Bochum. Im Rahmen der Third Mission werden durch das Transfernetzwerk s_inn und seine Pilotprojekte forschungsbasierter Ideen-, Wissens- und Technologietransfer vorangebracht

 

Nachfolgend finden sich drei ausgewählte inhaltliche Aspekte, die bei der Veranstaltung vorgetragen und erörtert wurden:

 

„Spiritualität“: Von den Betroffenen her denken und handeln!

Der Begriff Spiritualität in Hospizarbeit und Palliative Care fordert Respekt und Achtung, nicht Bagatellisierung oder Aushöhlung, wie es in zahlreichen populären Verzerrungen heutzutage zu beobachten ist. Diese zentrale Erkenntnis verbindet alle Beteiligten der Veranstaltung: Spiritualität und spirituelle Sorge sind wichtig! In ihrer täglichen Arbeit mit alten Menschen, besonders an ihrem Lebensende, und besonders in der Arbeit mit sterbenden Menschen und ihren Zugehörigen an der Kante zwischen zwei Welten (Cicely Saunders) geht es immer auch um Spiritualität, d.h. um das, was letztlich trägt und heilt (Monika Renz). Unabhängig von Religionszugehörigkeit oder gelebter Religiosität lässt sich von daher Spiritualität als menschliches Grundbedürfnis verstehen, wie dies auch die Weltgesundheitsorganisation oder die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin in ihren Dokumenten verbindlich erklären. Das Projekt geht von einer „radikalen Betroffenenorientierung“ (Andreas Heller) in der Palliativversorgung und zum anderen von einem offenen Spiritualitätsverständnis als Gesamtkonzept aus, in dem die unterschiedlichen Professionen um der Betroffenen willen ihren je eigenen Beitrag leisten können.  

 

„Transferlernen“: Gemeinsam für mehr Humanität im Umbruch der Gesellschaft!

Das Nachdenken über spirituelle Sorge am Lebensende ist bedeutender Bestandteil einer umfassenden Care-Debatte. In dieser wird die palliative Sorge um sterbende und trauernde Menschen als Nährboden für Solidaritätsaufbrüche in der Gesellschaft verstanden – gerade in Zeiten der Ausdifferenzierung und Pluralisierung sozialer Milieus und Lebensstile und im tiefgreifenden Umbruch der Gesellschaft (demographischer Wandel, Altersarmut, Pflegenotstand und Care-Krise…). Im Pilotprojekt möchten die Beteiligten ein fortlaufendes, gemeinsames und wechselseitig gewinnbringendes Transferlernen zwischen den Professionellen der unterschiedlichen Praxiseinrichtungen und der Hochschule ermöglichen und kultivieren, um Wege und Brücken für gute Sorgestrukturen finden und verstetigen zu können und dadurch gemeinsam für mehr Humanität im Umbruch der Gesellschaft einzutreten.

 

„Soziale Innovation“: Spirituelle Sorge bewegt Menschen und Organisationen und bringt diese in Bewegung!

Für ein solches Transferlernen braucht es geeignete Instrumente der Organisations- und Personalentwicklung, um die Partizipation der betroffenen Menschen und Organisationen zu gewährleisten, individuelle und systemische Selbstentwicklungspotentiale zu fördern und dafür notwendige, wechselseitige Lern- und Entwicklungsprozesse zu initiieren. So wollen und werden die Projektbeteiligten beispielsweise Projekte spiritueller Begleitung der Mitarbeiter_innen im Rahmen der palliativen Versorgung, Projekte bedarfsgerechter spiritueller Angebote für die begleiteten Bewohner oder auch sozialraumbezogene Projekte zur Einbeziehung von Gemeinden und Stadtteilinitiativen in die spirituelle Sorge bzw. Begleitung ins Auge fassen. Dies geschieht in partizipativen Transferlern- und Forschungsprojekten innerhalb der teilnehmenden Einrichtungen, wie auch im Ausbau einer gemeinsamen Netzwerkarbeit oder auch in regelmäßigen Fachkolloquien und Fachtagen.

In der Berücksichtigung von Spiritualität in der Palliativversorgung steckt ein übersehenes Innovationspotential, indem alle in der Palliativversorgung Beteiligten mit einbezogen und in Bewegung gebracht werden können. Denn spirituelle Sorge bezieht sich (1) auf alle beteiligten Personengruppen (Bewohner_innen, Mitarbeiter_innen …) und bezieht alle verbindend in den Sorge/Care- Prozess mit ein. Spirituelle Sorge markiert (2) im Blick auf das sorgende und versorgte Individuum ein zentrales Bedürfnis und generiert eine zentrale Nachfrage im professionellen Alltag. Und (3) bezieht spirituelle Sorge die Seelsorge von Kirchen und Religionsgemeinschaften konstitutiv in eine umfassende spirituelle Begleitung mit ein.

 

Kontakt: Johannes Mertens M.A., Transferreferent im Pilotprojekt „Versorgungsbrücken“

 

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2019