Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Vom Seminarraum in die Praxis: auf Exkursion in Deutschland und Europa (25.06.2019, Münster)

Diese Collage entstand in Hamburg.

Teilhabe konkret: ein Lift für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen am schwedischen Strand.

Vom 13. bis 17. Mai 2019 war es wieder soweit: Als Vorbereitung auf ihre einsemestrige Praxisphase, die im September 2019 beginnt, machten sich die Studierenden des jetzigen 4. Semesters im Bachelorstudiengang Soziale Arbeit und ebenso zwei größere Gruppen von Studierenden in der Heilpädagogik zusammen mit den Lehrenden in diesen Seminaren auf den Weg zu unterschiedlichen Orten und Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit und der Heilpädagogik. Diese Exkursionswoche ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil im Fachbereich Sozialwesen an der Katholischen Hochschule NRW in der Abteilung Münster.

Die Exkursionen der insgesamt dreizehn Gruppen führten die Studierenden ins In- und Ausland, z.B. nach Hamburg, Berlin, München, Köln, an den Bodensee, nach Malmö oder Prag. Dort wurden Einrichtungen aus Feldern der Kinder- und Jugendhilfe, Erwachsenenbildung, Sozialen Altenarbeit und Behindertenhilfe, der interkulturellen und geschlechtsspezifischen Sozialen Arbeit sowie solche an der Schnittstelle zu Gesundheit, Psychiatrie, Justiz und Schule besucht.

Ziel der Exkursionen ist es, Praxiseinrichtungen und Konzepte der Sozialen Arbeit und der Heilpädagogik vor Ort und im direkten Austausch kennenzulernen. Gleichzeitig sind die Exkursionswochen damit verbunden, dass Studierende ein gemeinsames Projekt planen und durchführen (nämlich das Gesamt der Exkursionswoche) sowie in den relativ kleinen Gruppen von etwa 14 Studierenden wichtige Erfahrungen miteinander machen können und diese reflektieren. Und nicht zuletzt wird eine Seminargruppe durch diese Reisen oftmals zu einer „wirklichen Gruppe“, die an der Abteilung Münster über drei bzw. zwei Semester zusammenarbeitet und lernt.
Fachlich hatten die Studierenden während der Exkursionen die Möglichkeit, in von ihnen und den Lehrenden angefragten Einrichtungen der Sozialen Arbeit und der Heilpädagogik mehr über die Zielgruppe/n der Angebote, Handlungsabläufe, Fachkräfte und deren Qualifikationen, über Theorien, Konzepte und Methoden sowie über Chancen und auch Grenzen der Arbeit zu erfahren. Im Austausch mit den Fachkräften konnten die Studierenden nicht nur Fragen stellen, sondern auch die Vielfalt beruflicher Identität und Professionalität in sozialen Handlungsfeldern kennenlernen. Die pädagogischen Fachleute vor Ort nahmen sich viel Zeit, um die Konzeptionen und Besonderheiten ihrer Arbeit zu erläutern. So entstanden viele eindrückliche Bilder von gelebter Sozialarbeit und Heilpädagogik. Und ganz nebenbei konnten die Studierenden (un)bekannte Städte, Länder und Landschaften erkunden.

Drei der Studierendengruppen reisten nach Hamburg. Beeindruckt hat diese Gruppen vor allem, wie vielfältig die Arbeitsfelder der Profession sind, wie engagiert Fachkräfte ihre Arbeit darstellen und begründen können und wie unterschiedlich fachlich gute Arbeit konzeptionell gedacht und gemacht werden kann. Besonders beeindruckend waren Begegnungen mit konkreten Lebenswelten und Adressat_innen. So z.B. die Arbeit von, für und mit obdachlosen Menschen. Eine alternative Stadtführung bei „Hinz und Kunz“ eines ehemaligen Obdachlosen ermöglichte es sehr eindrücklich, die subjektive Perspektive von Adressat_innen kennenzulernen, ihre „Eigenkraft“ zu erleben und als (zukünftige) Fachkraft von ihnen zu lernen. Deutlich wurde dabei auch, dass viele soziale Probleme häufig sozialpolitisch bedingt und/oder eng miteinander verflochten sind. So etwa im Fall von Prostituierten/Sexarbeiter_innen, die sich beruflich umorientieren wollen. Einerseits sind diese Menschen während und nach der Umorientierung häufig von Wohnungslosigkeit bedroht, weil sie nicht länger in ihren Zimmern im so genannten „Laufhaus“ leben können. Andererseits erschwert es der fehlende Wohnraum, einen neuen Job zu finden, was wiederum schnell zu finanzieller Not führen kann.

Zudem fotografierten Studierende einer Gruppe unter dem Motto „Hamburg (k)lebt“ kontinuierlich politische Botschaften, die sie verstreut in Hamburg fanden, und die nun in einer Collage zu sehen sind. Auch kulturelle Angebote standen auf dem Programm. In einem Kabarett wurden auf humorvolle Weise verschiedene Problemlagen deutlich, die in St. Pauli typisch sind. Sarkasmus, Ironie und Witz kamen als Stilmittel dabei nicht zu kurz.

Eine Gruppe von 21 Studierenden der Heilpädagogik reisten mit zwei Lehrenden nach Schweden, das vielfach als Musterland der Inklusion gilt. Sehr innovative Konzepte lernen die Studierenden in Bezug auf die Ermöglichung einer Tätigkeit von Menschen mit Autismusspektrumstörung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt kennen. Voraussetzung für das Gelingen ist, dass durch eine intensive Beratung im Vorfeld und begleitend während Erprobungsphasen ein hohes Maß an Passung zwischen den Talenten und Interessen der Menschen mit Autismus einerseits und der Bedingungen der Tätigkeit andererseits besteht. In zwei Schulen konnten die Studierenden Einblick in das differenzierte schwedische Schulsystem bekommen. An der Universität Malmö verbrachten die Studierenden einen Tag mit der Koordinatorin für die Belange von Menschen mit Behinderungen in der Kommune Malmö und mit Studierenden der Universität Malmö. Sehr gewinnbringend war der Austausch mit den Studierenden in kleinen Arbeitsgruppen, die eine konkrete Fallkonstellation unter deutschen und schwedischen Bedingungen diskutierten. Schließlich hörten die Studierenden Berichte aus verschiedenen Forschungsprojekten an der Universität Lund und die sehr bewegende Geschichte der Mutter eine Tochter mit komplexer Behinderung. Sie zeigte deutlich, dass die Qualität der Versorgung auch vom Engagement Angehöriger abhängig sein kann.

Alles in allem bestätigen alle Beteiligten: Durch die Exkursionen haben Studierende wie auch Lehrende nicht nur zahlreiche Einblicke in die Praxis erhalten. Das bisher meist theoretisch vermittelte Wissen der ersten vier Semester des Studiums konnte nun (endlich) auch in und mit der Praxis zur Diskussion gestellt werden. Zudem sind dabei auch viele fachliche Fragen entstanden, die Studierende zur weiteren Beobachtung und Recherche mitnehmen können in ihre eigene Praxisphase.

Text: Prof. Dr. Grit Höppner / Prof. Dr. Sabine Ader (Soziale Arbeit) - Lea Gausmann / Monika Laumann (Heilpädagogik)
Fotos: Studierende der M21-Seminare, Bachelor Soziale Arbeit / Barbara Heidemann


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