Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Spurensuche in Amsterdam (13.06.2019, Aachen)

 

Seit nunmehr zwei Jahrzehnten begleitet Prof. Dr. Rainer Krockauer Studierende der Katholischen Hochschule NRW (Abteilung Aachen) im Rahmen des Seminars „Menschen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Theologisch-anthropologische Positionen“ zu einer Spurensuche der Geschichte nach Amsterdam. Bei diesen jährlichen Exkursionen mit historischen Führungen durch das Viertel Plantagebuurt und den Begegnungen mit Zeitzeuginnen der Schoah kann nur schwerlich an eine Art Routine gedacht werden.

So stand auch in diesem Jahr am 24. Mai die Erfahrung einer einzigartigen und intensiven Begegnung mit der Zeitzeugin Frau Mia Corbey-van Praag im Zentrum des Tages, welches später seitens der angehenden Sozialarbeiter_innen als beeindruckend, berührend, bedrückend und unfassbar bewegend beschrieben wurde. Eine Erfahrung die unter die Haut geht.Die mittlerweile 85-jährige Mia Corbey-van Praag schilderte in einer packenden Form Ausschnitte ihrer Erlebnisse aus der Zeit der Besatzung, Verfolgung und des Massenmordes der Nationalsozialisten sowie deren bis zum heutigen Tag schmerzenden traumatischen Auswirkungen. "Was bedeutet es, dass ich heute mit Ihnen spreche?" forderte sie die Studierenden zum Nachdenken über die Perspektive Überlebender der Schoah auf. "Für mich bedeutet es nicht, dass ich überlebt habe. Es bedeutet, dass ich nicht ermordet wurde. Alle anderen hätten, genauso wie ich, hier lebendig sitzen sollen".

Als jüdisches Kind im Amsterdam dieser Zeit muss sie miterleben wie große Teile ihrer Familie, Freunde und Bekannte verschwinden und ermordet werden. Eines der letzten Worte in der Verabschiedung ihrer Mutter sei "be strong" gewesen. Immer wieder Verstecke wechselnd gelangt sie über zahlreiche schmerzhafte und komplizierte Stationen schließlich zum Hof einer Familie in Kerkrade. Diese wird sie aufnehmen und als ihr eigenes, nicht jüdisches Kind ausgeben. Während der regelmäßigen Bombenangriffe verstecken sich die Bewohner des Dorfs im Keller des Hauses, worunter sich auch deutsche Offiziere befinden. Ausgerechnet diese finden Gefallen an der kleinen Mia, sprechen viel mit ihr und lassen sie auf dem Schoß sitzen. Während die in vier Sprachen fließend sprechende Frau Corbey-van Praag in Beispielen wie diesem von ihren Gedanken, Gefühlen und der Selbstkontrolle bei panischer Todesangst berichtet, werden die Zeugnisse der Zeit für alle im Raum beklemmend und erhellend zugleich spürbar. Beim historisch geleiteten Spaziergang durch das ehemalige jüdische Viertel im Anschluss witzelt die scharfsinnige und liebevolle ältere Dame über die Konkurrenz der Tripadvisor Tour Guides und lässt einen wunderschönen, sonnigen Tag gemeinsam mit den Exkursionsteilnehmenden beim Warten auf ihr Taxi ausklingen. Eine Begegnung, die ein großes, kostbares Geschenk ist und allen als solches erhalten bleibt. 

 

Text: Johannes Mertens M.A., Exkursionsteilnehmer und Transferreferent

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2020