Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

„Wenn aber Gott ist...“ (Fridolin Stier) Kirchliche Unternehmenskultur in Zeiten des Wandels (05.06.2019, Paderborn)

Prof. Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld konnte ein großes und interessiertes Publikum begrüßen.

Beim Austausch in den Tischgruppen kam es zu lebhaften Diskussion darüber, wie eine kirchliche Unternehmenskultur aussehen könnte.

Prof. Dr. Wilhelm Tolksdorf beim Koreferat zu pastoralen Perspektiven.

Im Austausch: Notar Christian Auffenberg, Prälat Thomas Dornseifer (Erzbistum Paderborn), Prof’in Dr. Christiane Koch (KatHO Paderborn), Rolf Pitsch (Geschäftsführer Bonifatius Buch-Druck-Verlag GmbH), Prof. Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld (KatHO Paderborn)

5. Fachkolloquium des Instituts für pastorale Praxisforschung und bibelorientierte Praxisbegleitung an der KatHO NRW Paderborn

(28. Mai 2019) 

Wie steht es mit einer „kirchlichen Unternehmenskultur in Zeiten des Wandels“? Was sind deren Merkmale? Woran kann man das spezifisch Christliche von Unternehmungen und Projekten in Kirche und Gesellschaft erkennen? Und wie unterscheiden sich solche Unternehmungen und Projekte von den vielen anderen Vorhaben und Angeboten etwa auf dem Gesundheitsmarkt, die in einer pluralen Gesellschaft ihren Platz beanspruchen? Fragen, die zu beantworten, nicht leicht fällt. Sie zu stellen, ist aber notwendig – im Interesse derjenigen, die sich um eine kirchliche Unternehmenskultur mühen, im Interesse aber auch daran, der Botschaft des Evangeliums jene Resonanz zu schaffen, die ihr angemessen ist.

 

Vielschichtig wie die Thematik war denn auch das 5. Fachkolloquium IbiP Paderborn am 28.05.2019 mit über vierzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus den Bereichen von Hochschule, dem Erzbischöflichem Generalvikariat Paderborn, der Caritas und verschiedenen sozialen Einrichtungen. Prof. Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld moderierte das Kolloquium. In seinem Grußwort stellte er im Hinweis auf die biblische Rede vom „Licht der Welt“ die Aufgabe heraus, das gründlich auszuleuchten, was in der Gesellschaft vor sich gehe, und „dabei das Beste an den Anderen“ (H.-J. Höhn) sichtbar zu machen. Dem stellte sich der Rektor der KatHO NRW, Prof. Dr. Hans Hobelsberger, in seiner Profession als Pastoraltheologe. In einem gedrängten Problemaufriss skizzierte er den Wandel von kirchlichen Institutionen, wie er in nur wenigen Jahrzehnten stattgefunden habe. Ein katholisches Krankenhaus sehe im Jahr 2019 anders aus als etwa im Jahr 1950. Hobelsberger diagnostizierte hier sowohl eine gewandelte Ästhetik der äußeren Erscheinungsweisen wie zugleich auch deren Erosion. Sein Rat: Es gehe für die Kirche heute darum, sich auf die Bilder, die sich die Gesellschaft vom Menschen mache, wirklich einzulassen. Als markante Stichworte hierfür nannte der Hochschulrektor eine „Charismen- und Sendungsorientiertheit“, wie sie etwa an engagierten Leitbildprozessen zu beobachten sei.

 

Drei Beispiele aus der Praxis vertieften die Auseinandersetzung mit der Fragestellung. Der Vorsitzende des hauptamtlichen Vorstandes der Caritas Arnsberg, Dipl. Sozialarbeiter /Dipl. Pädagoge Christian Stockmann, stellte in seinem Statement zunächst den Begriff einer „kirchlichen Unternehmenskultur“ wegen des ökonomischen Bezugs kritisch in Frage. Die Leitidee der Caritas ist für ihn im Impuls der Nachfolge begründet. Ihr Auftrag ist es, Kirche im Leben der Menschen zu verwirklichen. Ein Beispiel dafür ist die „Kirche vor Ort“, das Projekt der Caritas Arnsberg zur seelsorglichen Begleitung von Menschen in stationären, teilstationären und ambulanten Pflegekontexten durch dafür ausgebildete und beauftragte Mitarbeiter_innnen. Christian Stockmann berichtete von der Vernetzung des Projektes in die Gemeindeseelsorge. Frau Christina-Alexandra Pönopp-Wildenhof, Leiterin der Kindertagesstätten Christkönig und St. Josef, Gütersloh, und seit dem WS 2018/2019 Studierende der Religionspädagogik im (neu) gestarteten (berufsbegleitenden) Fernstudium an der KatHO NRW Paderborn, berichtetet in ihrem Statement von einer kleinen Umfrage in ihrem Mitarbeiterteam und ließ so das Auditorium eindrucksvoll an den Motiven teilhaben, aus denen die tägliche Arbeit lebt: Gelebter Glaube, Wertschätzung gegenüber Mensch und Natur, die Freude am christlichen Menschenbild. Beispiele aus der pädagogischen Arbeit verdeutlichten dies: In Gemeinschaft, diakonischem Handeln, in Liturgie und Verkündigung verwirklicht sich eine lebendige Beziehung zu den Fundamenten, die die Arbeit tragen. Rolf Pitsch, Geschäftsführer des Druck-Buch-Verlages „Bonifatius“, Paderborn, berichtete abschließend engagiert aus seinem Arbeitsfeld: „Bonifatius“ ist kein Unternehmen in kirchlichem Besitz, weiß sich aber dem christlichen Glaubensfundament verpflichtet. An vier Beispielen illustrierte Rolf Pitsch das Bemühen um eine christliche Unternehmenskultur: Der Einbezug christlicher Symbole in Fertigungs- und Verkaufsräumen; eine Transparenz bei Dingen der Geschäftsentwicklung im Forum der Mitarbeiterschaft; die Befähigung der Mitarbeiter, zu Themen des kirchlichen Lebens Stellung zu nehmen; die Pflege eines toleranten Miteinanders von religiösen Überzeugungen und Bekenntnissen innerhalb der Mitarbeiterschaft. Der christliche Anspruch, so Rolf Pitsch, verwirkliche sich als Hoffnung – man hoffe halt auf Früchte – „nicht mehr und nicht weniger“.

 

Auf die Impulse folgte ein reger Austausch an den Tischen. Gesprochen wurde darüber, was denn nun das spezifisch Christliche sei – ist es eine Haltung, sind es Inhalte, sind es besondere geistliche Erfahrungen? Wie ist es überhaupt mit einem Arbeitgeber, der so umstritten ist wie derzeit nicht nur in Deutschland die Katholische Kirche?

 

Nicht nur um diese Fragen ging es in dem anschließenden Dialogvortrag, in dem Prof.in Dr. Christiane Koch und Prof. Dr. Wilhelm Tolksdorf die komplexe Thematik biblisch und praktisch-theologisch zu verorten suchten. Wilhelm Tolksdorf stellte die Frage nach einer spezifisch christlichen Unternehmenskultur im Anschluss an Überlegungen zur Ringparabel bei G.E. Lessing in den Horizont der klassischen theologisch-systematischen Frage nach der Strahlkraft von Zeugnissen eines Wahrheitsanspruches, dessen Anerkennung in der Freiheit des Menschen liegt. Zustimmung lässt sich selbst durch noch so große Anstrengungen etwa eines Erfolgsmanagements nicht erzwingen: Soll etwas „für mich“ bedeutsam werden, bedarf es der „Zustimmung des Herzens“ (P. Rousselot). Christen vertrauen hier auf den Heiligen Geist, in dessen Licht sich die Dinge ordnen, zur Erkenntnis und zur Gewissheit geben. Eine christliche Unternehmenskultur hat dem Rechnung zu tragen. Wilhelm Tolksdorf erinnerte in diesem Zusammenhang an das Modell zur Unternehmenskultur nach Edgar Schein (*1928), demzufolge sich Grundprämissen in leitende Werte verdichten und in äußeren Erscheinungsweisen, den Artefakten, greifbar werden. Christiane Koch nahm auf das Modell nach Edgar Schein Bezug und entdeckte starke Perspektiven für die biblische Orientierung eines Handelns, das sich vom Wort Gottes und seinem Ergangensein in der Geschichte leiten lässt: Biblisch fundierte Grundprämissen bezeugen den Anspruch der Schrift an das soziale Handeln der Menschen. Es ist der prägende Grundgedanke der Solidarität, die sich nach dem Evangelisten Lukas im Verzicht auf Gegenseitigkeit und beim Evangelisten Markus im Verzicht auf Dominanzverhalten erweist. Christiane Koch sieht hier die Grundlage für den „Mehrwert“ einer Hoffnung, die die Menschen ermutigt, aus dem Zuspruch des Wortes die Dinge in „Geduld“ (Röm 15,4) zu gestalten. Das Zeugnis der Schrift bleibt so kritische Instanz: „Bei euch soll es aber nicht so sein...“ (Mk 10, 43).

 

Es gibt sie also, die „kirchliche Unternehmenskultur“ – sie ist ein steter Prozess, die bleibende, anspruchsvolle Aufgabe aller an ihr Beteiligten, die aus dem Mühen lebt, sich immer wieder der (biblischen) Fundamente des Glaubens zu vergewissern und sich jene Werte bewusst zu halten, aus denen das eigene Tätigsein schöpft. Im Idealfall wird so das Volk Gottes, die Kirche, zur „Mutter der Freien“ (Medard Kehl): In ihren Institutionen, Einrichtungen und Orten ist ihr Wirken ein Dienst an der befreienden Gegenwart des Geistes.  Auch wenn es nicht immer erkennbar ist, das „Christliche“: Es ist präsent. Und es ist Geschenk, der Freiheit des Menschen überlassen: „Wenn aber Gott ist...“ (Fridolin Stier).

 

Prof. Dr. Wilhelm Tolksdorf

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