Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Soziale Innovationen in der Kinder- und Jugendhilfe: Praxis und Hochschule im Dialog (09.05.2019, Paderborn)

Prof. Böwer, Stefan Krause, Horst Goldschek (SPI), Markus Neumüller (Kinderhaus Neumüller GmbH), Benjamin Hillemeyer (SOS Kinderdorf Lippe), Cäcilia Mühl (v.l.).

TransferWerkstatt in Paderborn

Die Kinder- und Jugendhilfe steht alltäglich vor Herausforderungen: Wie können Kinder gegen Gewalt in ihrem Umfeld geschützt werden? Pflegefamilien brauchen Unterstützung, hier geht es auch um fachliche Standards. Junge Menschen mit Fluchthintergrund bringen neue Aufgaben mit sich und Suchterkrankungen in Familien fordern psychosoziale Dienste heraus. Fachkräfte, die belastete Familien unterstützen möchten, müssen sich stetig neuen Anforderungen anpassen und die Hilfen selbst müssen flexibel, passgenau und dezentral angeboten werden.

Dies war Thema der TransferWerkstatt an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Paderborn am 3. April 2019, in der innovative Hilfekonzepte für Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien in Ostwestfalen-Lippe vorgestellt und diskutiert wurden.

Teilnehmer_innen waren rund 50 Einrichtungsleitungen, Fachkräfte und Studierende – nahezu alle in Stadt und Umlandkreisen relevanten Fachstellen und Träger aus dem Feld der Erziehungshilfen waren vertreten.

Sie erwartete ein einführender Vortrag des Kinderschutzexperten Prof. Dr. Michael Böwer, der als Fachvertreter für Kinder- und Jugendhilfe und Hilfen zur Erziehung an der Abteilung Paderborn die wissenschaftlichen Aspekte und neue Studien zur Frage besserer Hilfepraxis in den Blick nahm. Thema seines Vortrages waren die gegenwärtigen Reformüberlegungen zum achten Sozialgesetzbuch, aktuelle Daten zur Entwicklung des Personals, der Fallzahlen und Maßnahmen in den Hilfen zur Erziehung bundesweit sowie eine Skizze aktueller fachlicher Entwicklungstrends und Anforderungen zur gelingenden Unterstützung von Kindern und Jugendlichen sowie ihren Familien.

Im Anschluss stellten drei Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe ihre Perspektive aus der Praxis vor. Horst Goldscheck und Stephan Krause von der SPI Paderborn e. V. informierten über die vielfach neuen stationären, ganztags-ambulanten und ambulanten Angebote im Bereich der Jugendhilfe in Stadt und Kreis Paderborn, dem Hochsauerlandkreis und den Kreisen Soest und Gütersloh. Das Besondere der Wohngruppen für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen seien „die individuellen und flexiblen pädagogisch-therapeutischen Hilfen, die dem Bedarf der einzelnen Jugendlichen angepasst werden, die einen oft komplexen Unterstützungsbedarf haben“, so die Fachleute des SPI. Vor dem Hintergrund des inzwischen gut angelaufenen ambulanten Jugendhilfeangebotes des SPI mit seinem innovativen „Präventiven Familienschutzkonzept“ wiesen sie auf die gut funktionierenden Schnittstellen zu den Jugendämtern und zwischen ambulanten und stationären Jugendhilfeangeboten beim Träger hin.

Benjamin Hillemeyer vom SOS Kinderdorf Lippe, Schieder-Schwalenberg, stellte die verschiedenen Angebote des bundesweit und international tätigen Trägers und die Besonderheiten und Qualitätsstandards des Kinderdorfsettings vor. Näher ging er auf die Studie des Sozialpädagogischen Instituts im SOS Kinderdorf e.V. ein, aus welcher das Konzept der Handlungsbefähigung abgeleitet wurde. Hier nimmt die Idee der Förderung von „Zugehörigkeit“ von Kindern und Jugendlichen zwischen Familie und Heimerziehung einen zentralen Stellenwert ein. Abschließend zeigte er Wege auf, solche Aspekte in der pädagogischen Alltagspraxis der Jugendhilfe zu berücksichtigen.

Als dritter Praxispartner fokussierte Markus Neumüller von der Kinderhaus Neumüller GmbH, Delbrück in seinem Beitrag zur Herausforderung individueller und flexibler Hilfen für junge Menschen die zentrale Anforderung an die Soziale Arbeit: Der einzelne Jugendliche müsse in seinen Bedürfnissen und seinen Bewältigungsversuchen wieder stärker in den Mittelpunkt der Hilfe gestellt werden. Dazu gehört nicht zuletzt auch die Bereitschaft der Fachkräfte, die Kinder und Jugendlichen ernst zu nehmen, eigene Vorannahmen zu reflektieren und schrittweise mit den jungen Menschen selbst Lösungen zu erarbeiten.

Abschließend wurde in einer Podiumsdiskussion erörtert, wie eine verstärkte Vernetzung von Hochschule und Praxis fachliche Innovationen in der Kinder- und Jugendhilfe unterstützen kann. Die Beitragenden und die Teilnehmer_innen im Plenum nannten dabei die Sichtweisen von ehemaligen Pflege- und Heimkindern (sog. Care Leaver), aktuelle Kinderschutzkonzepte, Erfahrungen aus der Begleitung minderjähriger Flüchtlinge und die Wege zur Unterstützung der Verselbständigung von Jugendlichen in den Hilfesettings als Themen, an denen sie weiterarbeiten wollen.

Das Format der TransferWerkstatt wird künftig halbjährlich fortgesetzt mit dem Ziel, fachliche Weiterentwicklungen und Erfahrungen miteinander zu teilen und so einen gegenseitigen Lernprozess anzustoßen. Termin der nächsten TransferWerkstatt ist der 6. November 2019.

„Viele der aktuellen Herausforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe lassen sich nur bewältigen, wenn wir möglichst viele Perspektiven einbeziehen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Die Perspektiven von Betroffenen und Angehörigen, Vertreterinnen und Vertreter der Hochschulen und der Praxis, aber auch der öffentlichen Verwaltung und der Politik müssen zusammengebracht werden“ sagt Cäcilia Mühl, Transferreferentin des Innovation-Labs Paderborn. Dieses ist Teil des Transfernetzwerks „Soziale Innovation – s_inn“, einem Verbundprojekt der Katholischen Hochschule NRW und der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Seit dem 01.01.2018 erhält dieses umfangreiche Drittmittel des Bund-Länder-Programmes „Innovative Hochschule“. Das Ziel des Transfernetzwerkes ist es, soziale Innovationen im Austausch und Miteinander zwischen Hochschule und Gesellschaft zu fördern.  

Kontakt

Cäcilia Mühl, MA, Transferreferentin, Tel. 05251/ 1225-132, c.muehl(at)katho-nrw.de

Prof. Dr. Michael Böwer, Tel. 05251/1225-22, m.boewer(at)katho-nrw.de

 

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