Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Von Sydney nach Köln (18.10.2018, KatHO NRW)

Australischer Wissenschaftler unterstützt das DISuP in seiner Forschung

Mehr als 16.000 Kilometer trennen Toby Lea von seiner Heimat Sydney. Der Wissenschaftler aus Australien hat einmal den halben Globus umrundet, um am Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung (DISuP) der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln als Humboldt-Stipendiat zu forschen und zu arbeiten. Im Interview erzählt der 38-Jährige Sozialwissenschaftler von seiner Arbeit:

„Warum bist du hier, Toby?“

„Ich habe ein Humboldt-Stipendium erhalten. Das ist ein Stipendium für internationale Forschung. Die Humboldt-Stiftung will damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt unterstützen, nach Deutschland zu kommen, damit sie hier forschen und Kontakte zu deutschen Kolleginnen und Kollegen knüpfen. Aber auch um ihnen kulturelle Erfahrungen zu ermöglichen. Es geht vor allem darum, die Verbindung zwischen deutschen und internationalen Wissenschaftlern zu festigen, auch für zukünftige Beziehungen.

Es ist ein wirklich großartiges Programm mit toller Unterstützung. Am Anfang war ich in Bonn zu einem Sprachkurs. Das war eine gute Basis. Denn ich habe vorher gar kein Deutsch gesprochen.“

„Wie bist du darauf gekommen, dich für das DISuP zu entscheiden?“

„Bezogen auf sozialwissenschaftliche und psychologische Studien, vor allem im Bereich Drogen- und Alkoholmissbrauch, ist das DISuP eine der größten Forschungseinrichtungen in Deutschland. Der Masterstudiengang Suchthilfe/Suchttherapie ist einer der besten in Europa!

In meinem Projekt ging es ursprünglich um die LSBTI-Szene (kurz für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuale, Transgender und Intersexuelle) in Zusammenhang mit Substanzkonsum. Es gibt nicht viele Institute in Deutschland, die in diesem Feld tätig sind, und ich wusste, dass das DISuP hier bereits aktiv ist. Daher habe ich mich an Prof. Daniel Deimel vom DISuP gewandt, der in diesem Bereich forscht und meinen Antrag unterstützt hat, und mich dann für das Stipendium beworben.

Wenn man in Australien seinen Doktor macht, ist es nicht unüblich, sich für Stipendien zu bewerben, und ich habe mich offen umgeschaut. Mein Doktorvater hat mir dann das Humboldt-Stipendium empfohlen.“

„Worum geht es in deinem Forschungsprojekt?“

„Es geht um Substanzkonsum, um Suchterkrankungen im Bereich Mental Health, also bei psychischen Erkrankungen. Ich habe mir soziale Faktoren angeschaut, die mit Sucht zusammenhängen, und habe mich vor allem auf Stigmatisierungen konzentriert. Ich wollte herausfinden, was Personen in ihrem Leben machen, die süchtig sind. So gibt es Gruppen, die häufiger Drogen nehmen: Was sagt dies über diese Gruppe aus? In welchen Faktoren unterscheidet sich diese Gruppe an Menschen von anderen?

Meine Fragestellungen fokussiere ich auf die LSBTI-Community und mein Plan war, in Bars und Nachtclubs zu gehen und Leute zu interviewen. In Australien und in England zum Beispiel gehen viele Menschen in homosexuelle Bars und Nachtclubs, um sich sehr stark zu betrinken oder wirklich viele Drogen zu nehmen. Sie wollen sich ungehemmt fühlen. Viele Menschen denken, dass homosexuelle Bars Orte sind, an denen sie eher die Kontrolle verlieren können, sich eher gehen lassen können, weil sie denken, dass es okay ist, dort Drogen zu nehmen.

In Deutschland aber ist die Szene anders strukturiert und mein Ansatz hätte hier nicht funktioniert. Daher habe ich meine Forschungsfrage in eine etwas andere Richtung verlagert: Ich gucke mir an, welche bewusstseinsverändernden Drogen psychisch kranke Menschen zur Behandlung ihrer Krankheit nehmen, dabei interessiert mich vor allem der Substanzkonsum unter LSBTI.

Ist jemand zum Beispiel depressiv oder leidet an einer Angststörung, bekommt er bzw. sie ein Antidepressivum verschrieben. Aber manchmal wirken die Medikamente nicht oder die Patienten sind mit der Behandlung unzufrieden. Manche wollen sich dann selbst behandeln und glauben, dass Drogen ihnen helfen könnten.“

„Was ist das Ziel deiner Forschungsarbeit?“


„Mein Ziel ist, zunächst einmal die Forschung im Bereich der bewusstseinsverändernden Drogen auszuweiten und wissenschaftliche Nachweise dafür zu erbringen, dass bestimmte Umständen eine Krankheitsbehandlung mittels Drogen notwendig machen. In einem zweiten Schritt wollen wir die Politik dafür sensibilisieren, entsprechende Gesetze anzupassen. Wenn man Drogen, zum Beispiel Cannabis, bei einem Unternehmen anstatt auf der Straße erwirbt, ist gewiss, aus welchen Bestandteilen diese Droge besteht, und die Einnahme sehr viel sicherer.“

„Warum beschäftigst du dich mit dem Thema Drogenabhängigkeit?“


„Ich denke, dass die meisten Menschen mal mit Drogen in Berührung gekommen sind. Auch Alkohol ist eine Droge und Alkohol gibt es überall. Du findest kaum Menschen, die noch nie Alkohol getrunken haben, um ein Glücksgefühl zu erleben.

Drogenkonsum ist in den meisten Ländern illegal und oft gibt es einen Zusammenhang zwischen Drogen und Kriminalität. Menschen, die Drogen konsumieren, werden durch deren Illegalität stigmatisiert. Das macht es auch schwierig, Drogen zur Behandlung von kranken Menschen einzusetzen. Wenn wir die Stigmatisierung Drogenabhängiger reduzieren und Drogenkonsum entkriminalisieren und auf diese Weise Substanzkonsum neu betrachten, werden bessere Behandlungen und Heilungschancen möglich. Da muss aber die Politik mitziehen. Das motiviert mich, darüber zu forschen.“


Toby Lea arbeitet voraussichtlich noch bis Mai 2019 am DISuP. „Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Als Wissenschaftler muss man immer überlegen, was als nächstes ansteht. Ich würde gerne in Deutschland bleiben, aber dafür müsste mein Deutsch noch besser werden“, lacht er. „Mir ist in letzter Zeit klargeworden, dass ich nicht in Sydney bleiben muss. Ich bin offen und kann überall leben. Die Welt ist groß, sie will entdeckt werden.“ Auch wenn der Australier vor allem den Strand von Sydney vermisst. Trotz der großen Distanz zwischen Deutschland und Australien hätten die beiden Länder viele Gemeinsamkeiten: „Es sind beides westliche Länder und sie haben ähnliche Werte“, sagt Lea. „Es fiel mir leicht hier her- und anzukommen. Dies wäre anders, wenn ich in ein Land mit komplett anderer Kultur gekommen wäre. Deutsche und Australier können sich, glaube ich, ganz gut verstehen.“

Weitere Informationen: Toby Lea, t.lea(at)katho-nrw.de
Redaktion: Julia Uehren, presse(at)katho-nrw.de

 

 

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