Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Der lange Schatten der Kindheit (13.04.2018, Aachen)

Prof. Dr. Johannes Jungbauer

KatHO-WissenschaftlerInnen legen neues Buch über erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern vor.

Auf der Leipziger Buchmesse wurde vor kurzem der neue Band „Unsichtbare Narben – erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern berichten“ vorgestellt. Herausgeber sind der Psychologieprofessor Johannes Jungbauer und die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Katharina Heitmann. Das Buch ist aus einer Studie hervorgegangen, die an der Katholischen Hochschule NRW in Aachen durchgeführt wurde. Prof. Dr. Jungbauer berichtet im folgenden Interview, wie das Buch entstanden ist.

KatHO: Wie ist die Idee zu Ihrem neuen Buch entstanden?

Jungbauer: Die Idee dazu gab es eigentlich schon lange. Als Wissenschaftler beschäftige ich mich mittlerweile seit fast 20 Jahren mit den Auswirkungen von psychischen Erkrankungen auf Familie und Partnerschaft. Speziell für die Kinder ist eine elterliche psychische Erkrankung meist sehr belastend. Aus zahlreichen Studien wissen wir, dass ihr Risiko für Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten stark erhöht ist. Aus diesem Grund sind in den letzten Jahren auch viele Hilfeangebote für Kinder psychisch erkrankter Eltern entstanden, z.B. AKisiA in Aachen.

KatHO: In Ihrem neuen Buch geht es aber um erwachsene Kinder.

Jungbauer: Das ist richtig. Obwohl es inzwischen viele Studien und Fachbücher zur Lebenssituation minderjähriger Kinder von psychisch erkrankten Eltern gibt, wurde bislang eigentlich kaum untersucht, wie sich die belastenden Kindheitserfahrungen langfristig bis ins Erwachsenenalter hinein auswirken. Deswegen habe ich mit meiner damaligen wiss. Mitarbeiterin Katharina Heitmann am Institut für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie (igsp) auch die EKipeE-Studie (Erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern) durchgeführt.

KatHO: Was wurde in dieser Studie untersucht?

Jungbauer: Wir interessierten uns dafür, wie sich diese besonderen Kindheitserfahrungen langfristig auf den Lebensweg, die Persönlichkeit und die Sozialbeziehungen der Kinder auswirken. Es ist uns gelungen, bundesweit über 600 erwachsene Kinder zwischen 18 und 79 Jahren zu diesem Thema zu befragen. Damit handelt es sich um die bislang größte Studie zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum.

KatHO: Was waren die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Studie?

Jungbauer: Die Belastungen von Kindern psychisch erkrankter Eltern enden nicht mit der Volljährigkeit. Viele erleben auch als Erwachsene Probleme, die sie als direkte oder indirekte Folgen ihrer Kindheitserfahrungen wahrnehmen. Oft haben sie das Gefühl, in ihrer Identität und ihrem Verhalten negativ geprägt zu sein. Zugleich erleben sie es oft als schwierig, über dieses Thema zu sprechen. Scham- und Schuldgefühle, Stigmatisierungsbefürchtungen oder die Angst, von schmerzhaften Gefühlen überflutet zu werden, können den Weg aus einer Sprachlosigkeit und Isolation erschweren.

KatHO: Und darum geht es auch in „Unsichtbare Narben“, Ihrem neuen Buch?

Jungbauer: Ja, wobei es sich nicht um ein wissenschaftliches Fachbuch handelt, sondern um ein Erfahrungs- und Ermutigungsbuch. Katharina Heitmann und mir war es wichtig, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. In diesem Buch stellen sich erwachsene Kinder ihren oft traumatischen Erinnerungen. Mit teilweise bewundernswerter Offenheit erzählen sie über Belastungen damals und heute, komplizierte Gefühle und schwierige Lebenswege, aber auch über Kraftquellen und Möglichkeiten einer positiven Bewältigung. Damit machen sie anderen betroffenen Angehörigen Mut, sich mit der eigenen Geschichte zu versöhnen.

KatHO: Kommende Woche, am 19. und 20. April, findet in Aachen ein großer Fachkongress zum Thema „Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder“ statt. Werden Sie Ihr Buch dort vorstellen?

Jungbauer: Natürlich werde ich auch dabei sein, denn der Fachkongress wird anlässlich des 10-jährigen Bestehens von AKisiA ausgerichtet, und ich war ja damals nicht unmaßgeblich bei der Gründung dieses Modellprojekts beteiligt. Das Thema der erwachsenen Kinder wird auf der Tagung allerdings eher am Rande behandelt, im Mittelpunkt stehen dort Hilfen für Kinder und Jugendliche. Trotzdem finde ich es wichtig, dass in Zukunft auch die Situation und der Hilfebedarf der erwachsenen Kinder stärker gesehen werden. Dafür möchte ich mich einsetzen.

Weitere Informationen zum Fachkongress

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