Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien (17.02.2018, KatHO NRW)

Mit rund 120 Veranstaltungen und Aktionen in 69 deutschen Städten hat die neunte bundesweite Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien (11. - 17.2.2018) die Forderung nach einem flächendeckenden, regelfinanzierten Hilfesystem unterstrichen. Hilfeeinrichtungen, Initiativen, Projekte und die Verbände der Sucht-Selbsthilfe haben mit der Aktion gemeinsam ihre Stimme für die Kinder erhoben.

Für Prof. Dr. Michael Klein, Leiter des Deutschen Instituts für Sucht- und
Präventionsforschung (DISuP) ist die Hilfe für Kinder suchtkranker Eltern eine Zukunftsfrage „Diese Kinder sind eine unversorgte oder bestenfalls unterversorgte Gruppe der Gesundheits- und Sozialpolitik. Wenn Deutschland die schätzungsweise drei Millionen betroffenen Kinder ohne Hilfen belässt, verspielt es als führende Industrienation seine Zukunft“, sagte Klein auf der Auftakt-Pressekonferenz zur Aktionswoche in Berlin. Denn diese Gruppe mache immerhin jedes sechste Kind in Deutschland aus. Die internationale Forschung zeige, dass Kinder suchtkranker Eltern die größte Risikogruppe zur Entwicklung von Suchtstörungen bei Alkohol, Drogen und Verhaltenssüchten sind. Auch entwickelten sie sich häufiger zu Schul- und Bildungsversagern. In Hinblick auf das Abschneiden Deutschlands bei den PISA-Studien kann die hohe Zahl der Kinder aus Suchtfamilien kaum als zu vernachlässigende Größe betrachtet werden. „Alle Kinder sollten ihre Potentiale entwickeln und verwirklichen können“, sagt Michael Klein. „Dies ist aber einer suchtbelasteten Familie nicht möglich.“

Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD die Beseitigung von Schnittstellenproblemen vorgenommen. Diese verhindern bislang oft die Kooperation verschiedener Hilfesysteme wie Suchthilfe, Jugendhilfe und Gesundheitssystem zugunsten der Kinder.

„Auf solche klaren Positionen mussten alle, die sich in Forschung und Praxis mit der desolaten Situation von benachteiligten Kindern beschäftigen, lange warten“, sagte Prof. Klaus Hurrelmann bei der Pressekonferenz. Seiner Einschätzung nach können hilfswillige Menschen in Jugendhilfe, Suchthilfe, Gesundheitswesen, Schule und Kita oft auch beim besten Willen für viele betroffene Kinder kein passendes Angebot realisieren, weil unterschiedliche rechtliche Grundlagen und finanzielle Vorgaben dem im Wege stehen.
„Wenn es der neuen Koalition gelingt, Alternativen aufzubauen und Vernetzungen der Hilfeeinrichtungen zu ermöglichen, wäre das ein Meilenstein“, so Hurrelmann.

Um die Hemmnisse für Hilfen abzubauen, wird im Frühjahr eine vom Bundestag eingesetzte Arbeitsgruppe erstmals zusammenkommen. Sie soll der Bundesregierung konkrete Vorschläge machen, wie Hemmnisse für den Aufbau regionaler Hilfenetze auf Länder- und kommunaler Ebene abgebaut und der Aufbau solcher Netze gefördert werden kann. Wenn drei Millionen Kinder ihre Potentiale nicht ausschöpfen können, ist das eine Zukunftsfrage für Deutschland.

Von unschätzbarem Wert sind daher nach Einschätzung von Klaus Hurrelmann
pädagogische und Betreuungsangebote, die den Kindern außerhalb der Familie gemacht werden. Er ist hoffnungsvoll, dass sich die Versorgung von Kindern aus suchtbelasteten Familien mit solchen Angeboten durch die Aufnahme des Themas in das Regierungsprogramm verbessern wird. In Kombination mit dem Maßnahmenpaket zur Bekämpfung der Kinderarmut, der leichteren Inanspruchnahme von Leistungen für Bildung und Teilhabe und durch den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter ist Hurrelmann sicher, dass die Kinder von suchtkranken und psychisch kranken Eltern von allen diesen Maßnahmen profitieren werden – ebenso wie von der Aufnahme der Kinderrechte in das Grundgesetz, die Union und SPD ebenfalls beschlossen haben.

Hurrelmann stellte sich ausdrücklich hinter die von der Interessenvertretung NACOA erhobene Forderung, ein flächendeckendes, regelfinanziertes Hilfesystem für Kinder aus suchtbelasteten Familien zu schaffen. Hiervon ist Deutschland nach Einschätzung von NACOA-Sprecher Henning Mielke noch weit entfernt. Er schätzt, dass in Deutschland auf rund 15.000 Kinder ein spezialisiertes Hilfeangebot kommt. „Dieses Hilfenetz hat sehr weite
Maschen“, sagt Mielke. Umso wichtiger sei es, die vorhandenen Ansätze als Ressource für den flächendeckenden Ausbau des Hilfenetzes zu nutzen. Hierfür ist vor allem die Schaffung von Finanzierungsmöglichkeiten ausschlaggebend. „Daran muss sich die große Koalition
messen lassen, wenn sie die Situation von Kindern aus Suchtfamilien nachhaltig verbessern will“, so Mielke.

Die Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien ist eine Gemeinschaftsinitiative von Kunst gegen Sucht e. V., NACOA Deutschland e. V.  und Such(t)- und Wendepunkt e. V.

Quelle: Presseerklärung zum Auftakt der neunten bundesweiten Aktionswoche www.coa-aktionswoche.de

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