Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Wohin gehört die Pastoral? (26.06.2017, Paderborn)

3. Fachkolloquium des Instituts für pastorale Praxisforschung und bibelorientierte Praxisbegleitung (IbiP)

Christlicher Glaube und kirchliches Handeln suchen aktuell ganz neu ihre Orte. Dabei werden Fragen und Ambivalenzen pastoraler Präsenz schnell spürbar: Eröffne ich eigene Räume der Begegnung? Mische ich mich in und unter die pluralen Lebenswelten? Wie bleibe ich erkennbar, ohne dabei zum Kontrast zu werden? 

Dass diese Fragen nach dem „Wohin“ der Pastoral viele kirchliche Akteure interessiert, zeigte schon die hohe Teilnehmerzahl des Fachkolloquiums. Rund 75 Frauen und Männern waren der Einladung des Instituts für pastorale Praxisforschung und bibelorientierte Praxisbegleitung (IbiP) gefolgt und diskutierten am 13.6.2017 in Paderborn die unterschiedlichen Möglichkeiten einer Verortung christlich-kirchlichen Handelns.

Prof. Dr. Hans Hobelsberger verdeutlichte in seinem Impulsreferat, dass der in den Kulturwissenschaften insgesamt virulente „spatial turn“ auch die Pastoraltheologie erfasst habe. Die „Verörtlichung“ der Pastoral rückt die konkreten sozialen Räume und Kontexte der Menschen heute in den Fokus und prüft kritisch, ob dies eher Ermöglichungs- oder Verhinderungsräume sind. Mit Papst Franziskus ginge es darum, dass „Kirche heute hinausgeht, um allen an allen Orten und bei allen Gelegenheiten ohne Zögern, ohne Widerstreben und ohne Angst das Evangelium zu verkünden.“ (Evangelii gaudium 23).

Wie eine solche Kirche bzw. Pastoral „dazwischen“ aussehen kann, verdeutlichte Hobelsberger mit Hilfe eines anschaulichen Berichts aus der Forschungswerkstatt des IbiP: Im Auftrag von Adveniat wurden im vergangenen Advent zahlreiche Besucherinnen und Besucher von Weihnachtsmärkten befragt, wie sie Kirche auf dem Weihnachtsmarkt empfinden und was sie von ihr dort erwarten. Die Antworten spiegeln ganz unterschiedliche Motive wider: Für die einen gehören Kirche und Weihnachten so eng zusammen, so dass Kirche auf dem Weihnachtsmarkt am richtigen Platz ist. Andere sehen das ähnlich, möchten aber nicht von Kirche bei der Weihnachtsmarktidylle gestört werden. Wieder andere haben große Bedenken, wenn Kirche dort Präsenz zeigt, schließlich sei das ja eine durch und durch kommerzielle Veranstaltung. Das wiederum sehen viele Befragte anders: Warum nicht „christlich Glühwein“ ausschenken, schließlich heilige der gute Zweck die Mittel. Eine fünfte Gruppe begrüßt es, wenn nahegelegene Kirchengebäude als Zentrum der Weihnachtsdorfidylle und als Rückzugsort dienen, denn: „Eine Kirche gehört irgendwie dazu.“ Die Frage „Kirche auf dem Weihnachtsmarkt?“ wurde von einer letzten Gruppe eindeutig bejaht, schließlich müsse Kirche da sein, wo Menschen sind und dort müsse Kirche Flagge zeigen. 

Die Vielfalt der Antworten zeigt die Bandbreite an Reaktionsmustern, wenn Kirche sich in „fremden“ Kulturwelten einbringt und zeigt. Kirche sei gut beraten, so Hobelsberger, in diesen Situationen (für die der Weihnachtsmarkt ja nur ein Beispiel ist) eine ausgewogene Balance zwischen unaufdringlichem Einlassen auf die Logiken vor Ort und erkennbarer Präsenz christlicher Botschaft zu finden und zu halten.

Dass diese Suche nach dem „Wohin“ das Volk Gottes nicht erst in unseren Tagen beschäftigt, sondern eine lange Tradition und tiefe geschichtliche Wurzeln hat, verdeutlichte der zweite Teil des Forschungskolloquiums. In einer intensiven Bibelarbeit, inspiriert und angeleitet von Prof. Dr. Christiane Koch, setzten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Buch Josua auseinander. In einer spannenden und facettenreichen Geschichte zweier von Josua in die Stadt Jericho ausgesandter Kundschafter wird berichtet, wie die Dirne Rahab diese Männer erst in ihrem an der Stadtmauer gelegenen Haus versteckt und sie dann mit Hilfe eines Seiles zur Flucht verhalf – nicht ohne diese Kundschafter vorab auf die Botschaft von der Gegenwart und Macht Gottes zu verpflichten.

Die in der Geschichte vorkommenden Orte wie das im Ostjordanland gelegene Schittim, die Stadt Jericho, das Haus der Rahab und dort insbesondere das Flachsdach und das Fenster in der Stadtmauer sowie das Gebirge, in das die zwei Männer zurückkehrten, diese Orte reizten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu der Frage, ob wir ähnliche Orte in der Gegenwartspastoral kennen. In dieser Diskussion wurde deutlich, dass schon die Frage nach einem „pastoralen“ Ort nicht eindeutig beantwortbar ist, sondern offen für Ambivalenzen und Überraschungen zu sein hat. Keiner der in der biblischen Geschichte geschilderten Orte war ohne Risiko und ohne Dynamik, immer ging es – und geht es wohl auch heute – um ein Gehen, Kommen und Bleiben, gepaart mit dem „roten Faden der Verheißung“ (vgl. Jos 2,21): Gott ist immer schon da! Wer eine „Pastoral dazwischen“ sucht, wird seine persönlichen wie institutionellen Komfortzonen verlassen und den Ortswechsel wagen – wissend, dass die dort sich ereignenden Begegnungen anders als geplant verlaufen werden.

Redaktion: Prof. Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld

Weitere Informationen: www.ibip-institut.de

 

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