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Ganztägiger Workshop „Demenzielle Erkrankungen bei Menschen mit geistgier Behinderung“ an der KatHO Münster (17.08.2015, Münster)

Teilnehmende des Workshops "Demenzielle Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung"

Prof. Dr. Friedrich Dieckmann (KatHO Münster) und Prof. Dr. Sandra Verena Müller (Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel)

Prof. Dr. Dieckmann überreicht den Referentinnen Prof. Dr. Bettina Lindmeier, Prof. Dr. Sandra Verena Müller und Dr. Heike Lubitz Präsente als Dankeschön

In den letzten Jahren hat das Thema „Demenzielle Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung“ in der Wissenschaft und Praxis der Behindertenhilfe vermehrt an Aufmerksamkeit gewonnen. Mit der demografischen Alterung steigt auch die Anzahl der Menschen mit geistigen Behinderungen, die mit einer demenziellen Erkrankung leben.

Am 13.07.2015 veranstaltete der Forschungsschwerpunkt Teilhabeforschung der Katholischen Hochschule in Münster einen ganztägigen Workshop zu diesem Thema. Ziel der Veranstaltung war es, einem interessierten Fachpublikum aktuellste Forschungsergebnisse bezüglich demenzieller Erkrankungen bei Menschen mit geistigen Behinderungen vorzustellen und gemeinsam zu diskutieren.

Erfreulicherweise konnte bei der Suche nach versierten Referierenden auf die Expertise des Forschungsschwerpunkt-eigenen Kolloquiums Teilhabeforschung zurückgegriffen werden, welches regelmäßig an der Abteilung Münster stattfindet.

Die eingeladenen Expert_innen legten in ihren Beiträgen den Fokus vor allem auf teilhaberelevante Aspekte. Zentrale Fragen waren, welche Auswirkungen eine demenzielle Erkrankung auf die Person und ihr soziales Umfeld hat und wie diese im Umgang mit der Erkrankung unterstützt werden können.

Im ersten thematischen Block „Diagnostik und Prävalenz“ stellte Prof. Dr. Sandra Verena Müller von der Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel neuste Forschungsergebnisse aus dem Projekt „Leben mit geistiger Behinderung und Demenz“ vor. Im Rahmen des Forschungsprojektes wurde ein neues Diagnoseverfahren speziell für Menschen mit geistiger Behinderung entwickelt und erprobt. Eine frühzeitige und verlässliche Diagnosestellung, so wurde deutlich, ist in dieser Personsgruppe oft noch schwierig, ermöglicht jedoch gleichzeitig erst eine angemessene Unterstützung.Wie das jeweilige Wohnsetting auf die Bedürfnisse von demenziell erkrankten Menschen mit geistigen Behinderungen abgestimmt werden kann, war dann Thema des Vortrages von Dr. Claudia Gärtner von der Theodor-Fliedner Stiftung. Aus dem aktuellen Kooperationsprojekt der Stiftung mit der Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel und der Diakonie Michaelshoven, Demenzarbeit bei geistiger Behinderung  (DAGBE), berichtete Frau Dr. Gärtner von zentralen Maßnahmen zur Begleitung und Versorgung von Menschen mit Demenz in Einrichtungen der Behindertenhilfe, insbesondere im Hinblick auf die Gestaltung der physischen Umwelt.

Nach der Kaffeepause berichtete Dr. Heike Lubitz (Leibniz Universität Hannover) von den Möglichkeiten, Personen aus dem unmittelbaren Umfeld  durch psychoedukative Angebote Kompetenzen und Wissen für den Umgang mit demenziell erkrankten Personen zu vermitteln. Im Fokus standen hierbei vor allem die professionellen Mitarbeitenden aber auch die Mitbewohner_innen betroffener Personen in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Für ihre Dissertation, in dessen Rahmen sie ein Bildungskonzept für professionelle Fachkräfte und Menschen mit geistiger Behinderung entwickelte, hatte sie 2014 den Förderpreis der Stiftung „Leben pur“ erhalten.

Prof. Dr. Bettina Lindmeier von der Leibniz Universität Hannover rundete den Tag schließlich mit einem Vortrag über ein Thema ab, welches den ganzen Tag über immer wieder angesprochen wurde: die ethische Dimension der Begleitung demenziell erkrankter Menschen mit geistiger Behinderung. Ausgehend vom Konzept der Care Ethik betonte sie die Bedeutung von Achtsamkeit – sowohl mit Blick auf den Umgang mit der erkrankten Person selbst als auch mit dessen Begleiter_innen.

Menschen mit Behinderungen und Demenz tragen ein großes Risiko, von der Gesellschaft aus einem doppelt-defizitären Blick wahrgenommen zu werden und so das Recht auf Teilhabe abgesprochen zu bekommen. Der Workshop und die einzelnen Beiträge machten deutlich, dass die Entwicklung angemessener Unterstützungssettings und Angebote in den letzten Jahren stark vorangetrieben wurde. Es wurden aber auch die grundsätzlichen Herausforderungen und offenen Fragen thematisiert, die es noch zu klären gilt.

Auf jeden Beitrag folgte eine angeregte Diskussion unter den Teilnehmenden, unter denen sich viele Expert_innen aus Wissenschaft und Praxis der Alten- und Behindertenhilfe fanden, etwa Vertreter_innen des Deutschen Kuratoriums für Alzheimer, der Demenz Support Stuttgart, dem Demenz Netzwerk NRW, den Alexianern und der Lebenshilfe. Ihnen bot die Veranstaltung auch die Möglichkeit der Vernetzung sowie des inhaltlichen Austauschs.  

Text: Jana Offergeld
Fotos: Lena Beckmann, Julia Winter

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2021