Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

 

Erstes Hebammensymposium für berufserfahrene Hebammen am Fachbereich Gesundheitswesen an der KatHO Köln (27.11.2014, Köln)

Prof. Dr. Guido Heuel (Dekan)

Prof'in Dr. Sabine Dörpinghaus

Prof. Dr. Michael Großheim

Prof'in Dr. Marianne Gronemeyer

Dr. Silja Samerski

Frau Petra Schönberner

Plenum

Die Hinterfragung der Totalisierung des Zählbaren und Gegenständlichen

Am 20. November fand an der KatHO in Köln im Fachbereich Gesundheitswesen das erste Hebammensymposium für berufserfahrene Hebammen statt. Über 150 Hebammen waren der Einladung der Studiengangsleitung, Frau Prof‘in Dr. Sabine Dörpinghaus gefolgt, um mit ausgewiesenen  Dozent/-innen die zeitgenössischen Umbrüche in der Gesellschaft und damit auch im Bereich der Geburtskultur zu hinterfragen.

Die Veranstaltung wurde vom Dekan des Fachbereichs Gesundheitswesens, Prof. Dr. Guido Heuel eröffnet. Prof‘in Dr. Sabine Dörpinghaus, die durch den Tag führte, hob zur Begrüßung hervor, dass dieses Symposium ein Novum darstelle. Die Durchführung indessen sei für die Reflexion hebammenkundlichen Handelns zwingend erforderlich. Angesichts gegenwärtiger hebammenwissenschaftlicher Entwicklungen in der modernen Gesellschaft richtete das Symposium unter dem Titel: „Geburtshilfe im Umbruch – Anpassung oder Umkehr?“ einen kritischen Blick auf die derzeit vorherrschenden gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Strömungen. Grundlage hier ist der Glaube an Messbarkeit, Normierung und Standardisierung aller grundlegenden Prozesse des Lebens und mithin auch des Geburtsvorgangs

In vier Fachvorträgen wurden über die Hebammenkunde  hinaus diese Strömungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen kritisiert und wieder auf unsere derzeitige Geburtskultur rückübertragen.

Das Programm eröffnete Prof. Dr. Michael Großheim. Der Philosoph aus Rostock stellte gleich zu Beginn fest, dass die Gegenwart von einer „eigenwilligen Liebe zur Regelung von alltäglichen Vorgängen geprägt“ sei. Ausgehend von der These, dass die Meister der Konstellation die Meister der Situation ablösen veranschaulichte Prof. Dr. Großheim die  Gegenüberstellung von implizitem Erfahrungswissen (Situation) und technischem Wissen (Konstellation) anhand der Krimifiguren des Kommissars Maigret und Sherlock Holmes. Praktisches Wissen bilde sich nicht in Regeln und Anweisungen ab. Zudem seien eben nicht alle Prozesse zu steuern. Kulturkritisch erläuterte Prof. Dr. Großheim, dass heute tendenziell das praktische Wissen nicht mehr anerkannt werde, sondern nur noch das technische Wissen. Was zu einer Entwertung des Erfahrungswissens durch das technische Wissen führe- allerdings „fehle dem damit einhergehenden Konstellationismus bedauerlicherweise jegliche Genialität“. Der Konstellationismus habe längst auch in soziale Beziehungen Einzug gehalten, beispielsweise über den Ehevertrag. Die Hebammen nahmen im Rahmen seiner philosophischen Erläuterung beruhigt zur Kenntnis, dass die Erfordernis des leiblichen Kontaktes mit einer Situation nicht zu umgehen sei. Nach einer leidenschaftlichen Diskussion mit dem Plenum, wie dieser Krise im Bereich der Geburtshilfe begegnet werden könnte, widmete sich im Anschluss Frau Prof‘in Dr. Marianne Gronemeyer in ihrem Vortrag der Begrenztheit der Verfahrensförmigkeit allen zwischenmenschlichen Umgangs. Mit ihrem Eingangssatz: „Was möglich ist, will wirklich werden“ arbeitete sie pointiert die Grenze zwischen Lebenskunst und Lebenstechnik heraus. Der moderne Mensch könne das Werden nicht mehr sich selbst überlassen, sondern müsse dieses machen und steuern. In der Schule werde beispielsweise der junge Mensch schon "optimiert". Eine Person stelle aber kein „Menschenmaterial“ dar, welches es zu „veredeln“ gelte. Frau Prof’in Dr. Gronemeyer führte aus, dass in einer so artifiziellen, gemachten Welt der „Mensch selbst auf dem Spiel stehe“, da er sich der Macht des Faktischen unreflektiert unterwerfe. Nach ihr leben wir in einer Pseudowirklichkeit, in der ein berührendes Leben nicht mehr zugunsten von Ökonomisierung, Effizienzdenken und monokultureller Verwüstung (Welteinheitskultur) aufzuscheinen vermag. Es sei ein neues gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis der Sachzwänge entstanden. Im Austausch mit dem Auditorium stellte Prof’in Dr. Gronemeyer nochmals ihre Position heraus, dass es darüber nachzudenken gelte System-Deserteur zu werden.

Dr. Silja Samerski aus Oldenburg verdeutlichte in ihrem Beitrag die Begrenztheit einer informierten Entscheidung in Abgrenzung zu einem kundigen Urteil anhand der Pränataldiagnostik. Sie analysierte, dass wir heutzutage in einer Entscheidungsgesellschaft leben und arbeitete heraus, dass das informed decision für die Schwangere einen Entscheidungszwang ohne Freiheit darstelle, der die Schwangere ohnmächtig in einer Entscheidungsfalle zurücklasse. Die informierte Entscheidung sei ein Paradox zwischen ohnmächtigem Entscheidungszwang  und entscheidender Selbstbestimmung.

In dem vierten und letzten Beitrag ging Petra Schönberner aus Berlin auf die herausfordernden Situationen für Hebammen bei der Einschätzung der Eltern-Kind-Interaktion bei psychischen Erkrankungen ein. Sie demonstrierte anhand von Praxisbeispielen die Bedeutung der „Interaktionsdiagnostik“. Frau Schönberner hob die Begrenztheit von Fakten hervor und gab den Hebammen anhand der Beispiele mit auf den Weg: „Achten Sie darauf, was in Ihnen ausgelöst wird!I

Allen Vorträgen schloss sich eine lebhafte Diskussion mit den Teilnehmerinnen des Symposiums an. Diese waren aus allen Landesteilen angereist. Die Teilnehmerinnen freuten sich über die Gelegenheit zum Diskurs mit den Referent/-innen und äußerten sich sehr zufrieden über die gelungene Veranstaltung, welche zur unermüdlichen kritischen Reflexion des Hebammenhandelns einlud.

 

 

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2014