Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

4. Institutstagung und Abschlusstagung des Projektes MUTIG

Bärbel Brüning (Lebenshilfe NRW e.V.)
(v.l.n.r.) Petra Björne (Kommune Malmö; Universität Lund – Schweden), Prof. Dr. Sabine Schäper (KatHO), Prof. Dr. Friedrich Dieckmann (KatHO), Lene Kristiansen und Frode Larsen (Nationales Kompetenzzentrum Alter und Gesundheit – Norwegen)
Jürgen Kockmann (LWL-Inklusionsamt Soziale Teilhabe)
Lebenshilfe-Rat NRW

Menschen mit Behinderung bis ins Alter bedarfsgerecht unterstützen – Abschlusstagung zum BMBF-Projekt MUTIG mit innovativen Ideen

Am 04. und 05. März 2020 diskutierten etwa 200 Teilnehmende aus vielen Regionen Deutschlands anlässlich der Abschlusstagung des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Förderprogramms SILQUA-FH geförderten Projektes MUTIG an der Katholischen Hochschule NRW in Münster innovative Modelle für die Unterstützung der Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter. Die Tagung wurde veranstaltet vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Kooperation mit dem Institut für Teilhabeforschung der Katholischen Hochschule NRW sowie der Lebenshilfe Nordrhein-Westfalen e.V. Sie gewann ihre Aktualität auch durch das Inkrafttreten wesentlicher Teile des Bundesteilhabegesetzes zum 1.1.2020. Die Leistungserbringer der Eingliederungshilfe und die Einrichtungen und Dienste für Menschen mit Behinderungen sind dadurch gefordert, die Fachleistungen personenzentrierter zu planen und umzusetzen – auch für ältere Menschen mit Behinderungen.

Prof. Dr. Friedrich Dieckmann und Frau Prof. Dr. Sabine Schäper eröffneten als Projektleitungen gemeinsam mit den Projektpartnern, vertreten durch Herrn Kockmann, dem stellvertretenden Leiter des Inklusionsamtes Soziale Teilhabe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, sowie Bärbel Brüning, der Geschäftsführerin des Landesverbandes Lebenshilfe NRW, die ausgebuchte Tagung. Prof. Schäper und Prof. Dieckmann stellten die richtungsweisenden Kernergebnisse des MUTIG-Forschungsprojektes vor. Dazu gehören viele interessante Bausteine, die in beispielhaften Wohndiensten für Menschen mit Behinderungen in NRW und Bayern ausfindig gemacht, analysiert und systematisiert wurden.

Vertreter*innen des Lebenshilferats NRW, die im Projektverlauf wichtige Impulse aus der Sicht der Nutzer*innen von Wohnangeboten beigesteuert haben, und Prof. Dr. Gerd Ascheid als Landesvorsitzender des Landesverbandes Lebenshilfe NRW e.V. als Angehörigenvertreter stellten ihre Wünsche und Anforderungen an gelingende Teilhabe bis ins Alter dar. Frau Marita John, Geschäftsführerin der Diakonie Ruhr Wohnen gGmbH gab Antworten auf diese Fragen aus Sicht eines Anbieters von Wohndiensten und wies auf Schlüsselprobleme für die Unterstützung in der eigenen Wohnung hin. Annette Schmidt, Sachbereichsleiterin „Entwicklung der Eingliederungshilfe“ des LWL und Geschäftsführerin der SeWO („Selbständiges Wohnen gGmbH“) beleuchtete aus Sicht des Leistungsträgers die zukünftige Gestaltung von Teilhabeleistungen.

Anschließend wurden in thematischen Workshops, die von Wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen des Instituts für Teilhabeforschung und ehemaligen Projektmitarbeiter*innen vorbereitet wurden, Detailfragen mit den teilnehmenden Expert*innen diskutiert: Für Menschen mit Behinderungen im Alter sind soziale Beziehungen besonders wichtig (Monika Laumann), die unterstützte Teilhabe muss geplant und gemanagt werden (Antonia Thimm), Wohnsettings müssen innovativ weiterentwickelt werden (Prof. Friedrich Dieckmann). Dazu ist kompetentes Personal unabdingbar notwendig, dieses gilt es zu gewinnen, zu qualifizieren und zu binden (Prof. Sabine Schäper). Im Alter sind zudem Angebote der Gesundheitsförderung besonders wichtig, und die pflegerische Versorgung muss sichergestellt werden (Barbara Schroer). Neu ist für viele Anbieter der Eingliederungshilfe, stärker im und mit dem Sozialraum zu arbeiten (Bianca Rodekohr, SeWo gGmbH). Und schließlich brauchen Menschen im Alter Unterstützung darin, die freie Zeit im Ruhestand aktiv zu gestalten (Martin Kemmerling). Die 200 Teilnehmenden konnten sich an Hand von Impulsvorträgen einen Überblick über die Gestaltungaufgaben und Lösungswege in diesen Themenfeldern verschaffen, die Vorschläge kritisch diskutieren und eigene Impulse geben.

Ein Highlight der Tagung bildeten die Beiträge der ausländischen Gäste aus Norwegen und Schweden. Frode Larsen & Lene Kristiansen vom Nationalen Kompetenzzentrum Alter und Gesundheit (Norwegen) und Dr. Petra Björne, Koordinatorin für Belange behinderter Menschen der Stadt Malmö und Forscherin an der Universität Lund (Schweden) boten Einblick in die sozialpolitische Fundierung und Praxis der viel stärker individualisierten Unterstützung der Teilhabe für Menschen mit Behinderungen in Skandinavien, machten aber auch auf durchaus problematische Entwicklungen in den skandinavischen Ländern aufmerksam, die die Errungenschaften in der Gestaltung inklusiver Lebenswelten durchaus gefährden. Dennoch berichteten die skandinavischen Kolleg*innen von sehr kreativen und individuellen Modellen der Lebensgestaltung von Menschen mit Behinderungen im Alter.

Den zweiten Tag leitete Jonas Kabsch mit seinem Vortrag über die Machbarkeit und Ausgestaltung personenzentrierter Hilfemixkonstellationen in Deutschland gerade auch bei erhöhtem Pflegebedarf im Alter ein.

Innovative Ansätze ihrer Arbeit präsentierten die Praxispartner*innen des Forschungsprojektes aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Skandinavien den Teilnehmenden während eines „Gallery Walk“ (Ausstellungsrundgang). Hier auf nationaler Ebene vertreten: Lebenshilfe Wohnverbund NRW gGmbH mit dem Lebenshilfe Center Siegen und der Wohnstätte Wenden, die Diakonische Stiftung Wittekindshof, das Anneliese-Schweinberger-Haus Moosburg der Lebenshilfe Freising e.V. sowie die Ambulant Unterstützen Wohnformen und die Seniorenbetreuung der Lebenshilfe Schweinfurt e.V., Gemeinsam Leben Lernen e.V., München und die Diakonie Ruhr Bochum,. Themen waren u.a. das ehrenamtliche Engagement von Menschen mit Behinderung, Sozialraumorientierung als pädagogisches Konzept der Wohneinrichtungen, Technikunterstützung, Mitarbeiterführung und Qualifikation und die professionelle Begleitung am Lebensende.

Rudi Sack, Geschäftsführer des Vereins Gemeinsam Leben Lernen e.V. aus München, gab in seinem Vortrag einen aktivierenden Ausblick in die Zukunft gemeinsamer Wohnverhältnisse für Menschen mit und ohne Behinderung. Er betonte die Chance, Lebenswelten gemeinsam nachhaltig zu verändern, wenn wir die persönliche Begegnung auf Augenhöhe über die Lebenspanne hinweg als Faszinosum und Kern der pädagogischen Arbeit begreifen, nicht-professionelle Unterstützer anerkennen und in der Lage sind, uns gegen immer gut gemeinte Überregulierungen zu wehren, die das Versprechen vermeintlicher Sicherheit auf Kosten der Lebensqualität im Alltag geben.

Text: Jule Wevering

Fotos: Joana Deister

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2020