Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Zusammenarbeit von Altenhilfe und religiöse Migrantengemeinden als Chance für die pflegerische Versorgung älterer Menschen mit Migrationserfahrung

Unter der Leitung von Prof. Dr. Marc Breuer startete am 01. Oktober 2018 das auf zwei Jahre angelegte Forschungsprojekt „Religiöse Migrantengemeinden als Kooperationspartner von Altenhilfe und Seniorenarbeit in Nordrhein-Westfalen“, kurz ReMigAS NRW. Unter Mitwirkung von Jannah Herrlein und Christoph Frohn als Wissenschaftlichen Mitarbeitenden sowie zweier Wissenschaftlicher Hilfskräfte, Johanna Salewski und Maike Scheiber, sollen Ansatzpunkte zur Verbesserung der Zugangswege älterer Menschen mit Migrationserfahrung zu Pflegediensten und -einrichtungen sowie die Rolle von religiösen Migrantengemeinden in diesem Prozess identifiziert werden. Verortet ist das Projekt am Institut für Teilhabeforschung der Katholischen Hochschule NRW in Paderborn. Es wird vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales Nordrhein-Westfalen finanziert und durch Eigenmittel der Hochschule unterstützt.

Aber wieso besteht überhaupt Bedarf daran, die Zugangswege von Menschen mit Migrationserfahrung zu Pflegeeinrichtungen zu verbessern? Wo liegen Barrieren und wie wurde die Pflege der Betroffenen bislang gehandhabt? Fragen der Versorgung älterer Einwanderer werden zunehmend relevanter, da sich die Bevölkerungsgruppe in einem stetigen Wachstum befindet: so steigt ihre Anzahl bis 2032 auf 3,6 Mio. Menschen an. Zum Vergleich dazu umfasste jene Bevölkerungsgruppe im Jahr 2017 ca. 2,1 Mio. Menschen. Diese Dynamik resultiert vor allem aus der Zuwanderung der Arbeitsmigrant_innen und ihren Angehörigen seit den 1960er Jahren sowie russlanddeutscher (Spät-)Aussiedler_innen in den zurückliegenden Jahrzehnten. Mitglieder dieser Personengruppen haben inzwischen ein Alter erreicht, in dem die Wahrscheinlichkeit eines Unterstützungs- und Pflegebedarfs deutlich steigt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass Menschen mit Migrationserfahrung gegenüber der einheimischen Bevölkerung durchschnittlich früher von alterstypischen chronischen bzw. geriatrischen Erkrankungen betroffen sind. Dies würde eigentlich für eine stärkere Nutzung pflegerischer Angebote sprechen. Entgegen dieser Erwartung werden professionelle und dabei vor allem stationäre Pflegeeinrichtungen von Einwanderern jedoch deutlich seltener in Anspruch genommen. Gründe hierfür sind u.a. sprachliche und kulturelle Barrieren. Der überwiegende Anteil wird bislang von Angehörigen im häuslichen Umfeld (teilweise mit der Unterstützung ambulanter Dienste) betreut. Wie in der einheimischen Bevölkerung kommen diese Pflegearrangements aber zunehmend an ihre Grenzen. Dies kann bspw. aus einer zunehmenden Wohndistanz der unterschiedlichen Generationen oder auch aus der steigenden Tendenz zur Erwerbstätigkeit der jüngeren Generation resultieren. Aus diesem Grund müssen neue Strategien entwickelt werden, um ältere Menschen mit Migrationserfahrung im Bedarfsfall angemessen versorgen zu können.

Ein möglicher Ansatzpunkt, um dieser Zielgruppe den Zugang zu Pflegeeinrichtungen zu erleichtern, kann die Beteiligung religiöser Migrantengemeinden sein. In der Vergangenheit hat sich eine Vielzahl derartiger herkunftsgruppenspezifischer Migrantenselbstorganisationen etabliert. Diese können als „Brücke“ zwischen Zuwandernden und der Mehrheitsbevölkerung fungieren und aufgrund vielfältiger Unterstützungsangebote zur Integration ihrer Mitglieder beitragen. Zunehmend werden dort auch ältere Menschen und ihre spezifischen Bedarfe in den Blick genommen, die in vielen Religionsgemeinschaften einen besonderen Respekt erfahren. Eine frühere Studie von Prof. Dr. Breuer konnte zeigen, dass die Leitbilder hinsichtlich der Pflege in muslimischen Gemeinden differieren. Manche Gemeinden nehmen Pflege nicht als ihre Aufgabe wahr, weil sie diese ausschließlich in den Familien verorten. Andere sehen sich selbst in der Verantwortung, entsprechende (Wohn-)Angebote zu entwickeln. Wieder andere hingegen nehmen die bereits bestehenden Angebote der Altenhilfe in den Fokus: Diese müssten sensibler für die individuellen und kulturellen Bedürfnisse für Menschen mit Migrationserfahrungen werden. Der Gemeinde wird in diesem Prozess eine beratende und unterstützende Rolle zugesprochen (Breuer 2017). Diese Erkenntnisse sind ein wichtiger Ausgangspunkt für die geplanten Untersuchungen im Rahmen von ReMigAS NRW.

Zur Identifikation von Strategien zur Verbesserung der Zugangswege von Älteren mit Migrationserfahrung werden unterschiedliche Methoden angewandt: Im Zentrum stehen Interviews mit Vertreter_innen religiöser Migrantengemeinden (z. B. Moscheegemeinden, Freikirchen, katholische und orthodoxe Gemeinden). Diese Ergebnisse werden gemeinsam mit Akteur_innen aus Kommunen und Wohlfahrtsverbänden reflektiert und vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Literatur analysiert. Die Ergebnisse sollen in der letzten Projektphase in Form einer Fachtagung präsentiert und mit Vertreter_innen aus Wissenschaft und Praxis diskutiert werden. Darüber hinaus finden mit dem Ziel der Vernetzung und der Entwicklung von Anschlussprojekten in den jeweiligen Untersuchungsregionen sogenannte Zukunftswerkstätten mit Akteur_innen aus Migrantenselbstorganisationen und der Altenhilfe statt. Erste Ergebnisse werden bereits beim diesjährigen Kongress der European Sociological Association (ESA) im August 2019 Manchester präsentiert. Ein weiterer Vortrag ist für eine Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) im September 2019 in Berlin vorgesehen.

Für weitere Informationen:

Prof. Dr. Marc Breuer (Themenschwerpunktleiter)

Christoph Frohn (wissenschaftlicher Mitarbeiter)

Jannah Herrlein (wissenschaftliche Mitarbeiterin)

 

 

Quellen:

 

Breuer, M. (2017). Leitbilder der Pflege in religiösen Migrantengemeinden. Eine Untersuchung am Beispiel von Moscheevereinen. In: L. Schirra-Weirich; H. Wiegelmann (Hrsg.): Alter(n) und Teilhabe. Herausforderungen für Individuum und Gesellschaft. Opladen: Barbara Budrich Verlag. S. 61-73.

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