Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Chancen digitaler Selbsthilfe – Evaluation einer App für pflegende Angehörige

Das Modellprojekt OSHI-PA - Online Selbsthilfe Initiative für pflegende Angehörige - ist von der bundesweiten Interessensvertretung und Selbsthilfe für pflegende Angehörigen, dem Verein „wir pflegen e.V.“, ins Leben gerufen worden, um eine online Selbsthilfe Plattform für pA zu errichten. Ziel ist es, dass sich pA zu jeder Zeit, an jedem Ort und zu jeder Frage austauschen, vernetzen und Informationen erhalten können. Das Modellprojekt wird von 2017 bis 2020 durch das Bundesministerium für Gesundheit und die Techniker Krankenkasse in NRW gefördert.

Die wissenschaftliche Begleitung hat Frau Prof‘in Liane Schirra-Weirich von der Katholische Hochschule NRW übernommen. Verena von der Lühe und Lisa Verhaert sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen in diesem Projekt. Ziel der Evaluation ist es, anhand eines partizipativen Forschungsansatzes, die Perspektiven der pA hinsichtlich ihrer Wünsche und Bedürfnisse nach einer online-gestützten Selbsthilfe zu eruieren. Als Plattform wird eine App entwickelt mit dem Namen „in.kontakt“.

Pflegende Angehörige sind schon rein zahlenmäßig, erst recht aber von ihrer Bedeutung für Pflegebedürftige wichtiger Pfeiler der Versorgungslandschaft in Deutschland. Sie sind auf Grund der vielfältigen Herausforderungen im Alltag enormen Belastungen ausgesetzt. Um die pflegenden Angehörigen zu stärken und die häuslichen Versorgungsarrangements zu stabilisieren, ist es notwendig, Bewältigungsangebote zu schaffen (vgl. Gräßel, Behrndt 2016[1]). Eine Möglichkeit bieten Angebote der Selbsthilfe. Hierbei kann die im Modellprojekt OSHI-PA evaluierte App als Ergänzung und Erweiterung vorhandener Angebote gesehen werden. Durch die Entwicklung online-gestützter, virtueller Selbsthilfe entstehen neue Möglichkeiten des Austausches und der Informationsgewinnung.

Die soziale Unterstützung als spezifische Unterstützungsform von pA steht im Zentrum verschiedener Studien zur Pflegebelastung und Unterstützung pflegender Angehöriger. Soziale Unterstützung kann Einfluss von Stressoren abmildern und den Umgang mit Belastungen und Krisen erleichtern. Preiß (2010) definiert Selbsthilfe über das Internet als virtuelle soziale Selbsthilfe, die sich „dabei als wechselseitige Unterstützung auf Basis gleicher Betroffenheit“ versteht und „sich vorwiegend unter den Bedingungen computervermittelter Kommunikation in einem Netzforum ereignet.“[2]

Grundliegendes Ziel der Evaluation ist es, die Implementierung einer online-gestützten Selbsthilfe-Plattform hinsichtlich der Beteiligungsqualität, Usability, Qualitätssicherung und ihrem Nutzen zu untersuchen. Hierfür wird ein Forschungsdesign gewählt, das auf einem Methodenmix aus standardisierten quantitativen und offenen quantifizierenden Verfahren aufbaut. In der ersten Phase der Evaluation werden mithilfe von Fokusgruppeninterviews die Situation von pA beleuchtet, die Herausforderungen durch die Pflege erfragt und die Erwartungen an eine Online-Plattform in Form einer App herausgestellt. Die Ergebnisse spiegeln die Erfahrungswelt pA wider, benennen Herausforderungen, die durch die Pflegesituation entstehen und geben mögliche Ansätze, wie eine App als Selbsthilfeinstrument die Situation pflegender Angehörige unterstützen kann. Pflegende Angehörige geben in den Fokusgruppen an, dass sie von einem zeit- und ortsunabhängigen und Kommunikations- und Informationsausaustausch, z.B. zu rechtlichen, finanziellen oder pflegerischen Themen, profitieren – gerade im Vergleich zu einer realen Selbsthilfegruppe. Eine App kann darüber hinaus als „Tor zur Welt“ für Personen ohne Zugang zu realen Selbsthilfegruppen dienen. Die App soll als eine Erleichterung des Pflegealltags fungieren, indem sie relevante Informationen, leicht zugänglich macht und es ermöglicht, durch orts- und zeitunabhängige Nutzung in Kontakt mit anderen pflegenden Angehörigen treten zu können.

Aufbauend auf den Erkenntnissen der ersten Phase im April 2018 folgt in einer zweiten Phase eine standardisierte Online-Befragung. Diese zielt darauf, die Ergebnisse der Fokusgruppen quantitativ zu überprüfen sowie Wünsche und Anforderungen an eine App differenzierter betrachten zu können. Neben den Wünschen an eine App wird die Relevanz möglicher Themen zu Austausch, Informationsgewinnung und Kommunikationswegen erhoben. Die Ergebnisse der ersten Projektschritte sollen im Rahmen eines partizipativen Prozesses in die Entwicklung der App „in.kontakt“ (https://in-kontakt.online) einfließen.

Als Teilergebnis der Evaluation, ist die App ein Vernetzungstool, die den Austausch unter pflegenden Angehörigen erleichtern soll. Austausch und Vernetzung der Nutzer_innen in der App geschieht über unterschiedliche Kommunikationswege: über Gruppenchats (geschlossen oder offene Gruppen) sowie über die Möglichkeit der Einzelchats (1 zu 1). Die App ist anhand verschiedener Themenwelten (u.a. zu rechtlichen, finanziellen, regionalen oder privaten Themen) organisiert, sodass die Nutzer_innen Ihre Anliegen in den zutreffenden Gruppen teilen können. Zudem besteht ein Zugang über die Homepage des Vereins „wir pflegen“, der pflegenden Angehörigen über „öffentliche Gruppen“ die Nutzung der App ermöglicht. Weiterhin bietet die App die Funktion Informationen zu einem spezifischen Thema aufzurufen. Über den Wissensbereich der App gelangt der pflegende Angehörige zu einer Sammlung an Fachliteratur und Internetlinks zu den gewünschten Informationen. Der Wissensbereich wird stetig zusammen mit den Nutzer_innen der App aktualisiert und partizipativ gestaltet.

In weiteren Prozessschritten der Evaluation wird der Fokus auf den technischen Stand der App „in.kontakt“, die Nutzerfreundlichkeit, die Kommunikations- sowie Informationsmöglichkeiten via App gelegt. Ebenso wird das ursprüngliche Anforderungsprofil mit der aktuellen Gestaltung der App verglichen. Die Ergebnisse tragen dazu bei, die App passgenau an die Bedürfnisse pflegender Angehöriger anzupassen.

Darüber hinaus wird in einer Online-Gruppendiskussion mit den Nutzer_innen gemeinsam entwickelt, welche Vorteile die Nutzung der App für die Einzelnen hat. Welche Hilfe bietet die App pflegenden Angehörigen in ihren ganz konkreten und sehr unterschiedlichen Lebenssituationen? Welche Chancen liegen in einem online-gestützten Selbsthilfeinstrument im Vergleich zu realen, nicht virtuellen Selbsthilfeangeboten? Worin liegt der Mehrwehrt eines zeit- und ortsunabhängigen Kommunikationsaustauschs im Gegensatz zu einem persönlichen face-to-face Gespräch?

Im Rahmen einer schriftlichen Befragung der Mitglieder einer Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige werden schlussendlich Zugangsbarrieren zur App eruiert. Daraufhin soll das Angebot noch stärker auf die individuellen Bedürfnisse pA angepasst werden.

 

Für weitere Informationen über den Projektverlauf können Sie sich gerne wenden an:

Prof. Dr. Schirra-Weirich (Evaluationsleitung)

Verena von der Lühe (wissenschaftliche Mitarbeiterin)

Lisa Verhaert (wissenschaftliche Mitarbeiterin)


[1] Gräßel, E.; Behrndt, E-M. (2016): Belastungen und Entlastungsangebote für pflegende Angehörige. In: Jacobs, K.; Kuhlmey, A.; Greß, S.; Klauber, J.; Schwinger, A. (Hrsg.): Pflege-Report 2016. Die Pflegenden im Fokus. Stuttgart, S. 169 – 184.

[2] Preiß, Holger (2010): Gesundheitsbezogene virtuelle Selbsthilfe – Soziale Selbsthilfe über das Internet. Einflussfaktoren auf die Nutzung durch kranke Menschen und ihre Angehörigen und auf deren wahrgenommene virtuelle soziale Unterstützung.

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2020