Berufswahlorientierung in der Sekundarstufe IIBWO Sek. II (2008 - 2010)

Hintergrund

Die Katholische Hochschule NRW führte von April 2008 – Oktober 2010 im Forschungsschwerpunkt Gender und Transkulturalität der KatHO ein durch die RheinEnergieStiftung gefördertes Forschungsprojekt zum Thema „Berufswahlorientierung in der Sekundarstufe II“ durch. In den letzten Jahren ließen sich einschneidende Veränderungen bezüglich der Übergänge von der Schule in Ausbildung oder Beruf erkennen, wie beispielsweise die zunehmende Unübersichtlichkeit der Bildungs- und Ausbildungswege oder schwindende strukturelle Vorgaben. Angesichts vieler neuer Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten, bei gleichzeitig hoch individualisierten Lebensmustern sind heute auch Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II ganz anders gefordert. Während früher ein Abitur fast selbstverständlich eine Studienaufnahme bedeutete und eine gute berufliche und gesellschaftliche Position garantierte, müssen Abiturienten und Abiturientinnen sich heute ihren Lebenslauf aus einer Vielzahl an Optionen und Alternativen „zusammenbasteln“. Sie müssen die verschiedensten Bewältigungsstrategien entwickeln und die Bereitschaft zu einer enormen Flexibilität mitbringen. Somit gestaltet sich die Phase der Berufsorientierung bzw. des Übergangs von der Schule in den Beruf für die jungen Frauen und Männer immer schwieriger. Die empirische Datenlage zur Erfassung der Ausgangssituation ist an dieser Stelle bislangjedoch als unzureichend zu bezeichnen.

Methoden

Das Projekt der Katholischen Hochschule NRW ist als Längsschnittstudie angelegt, so dass zu drei Zeitpunkten (Sommer 2008, Sommer 2009, Frühjahr 2010) die vollständigen Jahrgänge der Stufe 11 aus zehn Kölner Gymnasien und Gesamtschulen in unterschiedlichen linksund rechtsrheinischen Kölner Stadtteilen anonym zu ihrem Informationsstand, ihrem Informationsbedarf und bestehenden Schwierigkeiten bei der Studien- bzw. Berufswahlorientierung befragt wurden. Um einige Aspekte der Berufswahlorientierung qualitativ zu vertiefen, wurden zusätzlich 10 Gruppendiskussionen und 30 Einzelinterviews geführt.

Im Mittelpunkt der Studie stehen mögliche Verhaltensdifferenzen nach Geschlechtszugehörigkeit, ethnischer und sozialer Herkunft. Daher wurden zur Teilnahme an der Befragung insbesondere Schulen aus Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung ausgewählt.

Ergebnisse

Insgesamt liefern die erzielten Forschungsergebnisse wichtige quantitative und qualitative Daten zur Erfassung bzw. Analyse der Übergangssituation Schule-Studium/Beruf In Köln. Bemerkenswert ist beispielsweise, dass in den befragten Schulen der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund ca.50% beträgt. Insgesamt wird der Prozess der Berufswahlorientierung von den Jugendlichen als äußerst anspruchsvoll und komplex wahrgenommen, wie zum Beispiel folgendes Zitat deutlich macht: „Die Entscheidung ist so wichtig. Manchmal denke ich auch, könnte mir das nicht jemand abnehmen und für mich entscheiden, was das Richtige ist.“. Etwa 50% der Befragten hat bereits begonnen aktiv Informationen über Studien- und Berufswahlmöglichkeiten einzuholen. Alle Schülerinnen und Schüler haben einen äußerst hohen Beratungsbedarf, Mädchen einen noch höheren als Jungen. Übereinstimmend wünschen alle insbesondere einen generell besseren Überblick über Studien- und Ausbildungsmöglichkeiten. Jenseits dieses geäußerten Informationsbedarfs benannten die Schüler/innen als größte Schwierigkeit die Unklarheit über ihre eigenen Interessen und die nur schwer absehbare Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Letzteres wiegt umso schwerer, als die Befragten für ihre Berufswahlentscheidung die eigenen Interessen und den Wunsch nach einem sicheren Arbeitsplatz als wichtigste Ziele benennen (oder so ähnlich). Der Widerspruch zwischen den eigenen Bedürfnissen, Ressourcen und Kompetenzen auf der einen Seite und den erhöhten Wahlmöglichkeiten und Anforderungen auf der anderen Seite führt offensichtlich häufig zu Orientierungslosigkeit der Jugendlichen und damit zu einem erhöhten Bedarf an individueller Beratung: vor allem gezielte Angebote zur Zukunftsplanung und individuelle (Einzel-) Beratung werden gewünscht.

Die Längsschnittstudie möchte einerseits Beitrag zur Weiterentwicklung von geeigneten Indikatoren für eine regelmäßige Bildungsberichterstattung in Köln leisten. Andererseits tragen die Ergebnisse auf der praktischen Ebene dazu bei, existierende Angebote der verschiedenen (Aus-) Bildungsteilsysteme zur Berufswahlorientierung weiter zu optimieren und noch besser aufeinander abzustimmen, auch auf Stadtteilebene. Erste Resultate und vorläufige Handlungsempfehlungen konnten den teilnehmenden Schulen und städtischen Gremien bereits vorgestellt werden und stießen auf großes Interesse und eine positive Resonanz. Unter anderem zeichnet sich ab, dass eine gezielte geschlechterdifferenzierende und kultursensible Begleitung durch Lehrer/-innen und Sozialpädagog/-innen den Schüler/-innen eine große Unterstützung in ihrem Berufswahlorientierungspozess bieten kann. Eine besondere Bedeutung kommt auch der Einbindung der Eltern zu, da diese von der Mehrheit der Befragten als zentrale Vertrauenspersonen bezeichnet werden. Neben diesen Ansatzmöglichkeiten erscheinen uns auch neue Ansätze der außerschulischen Jugendarbeit sinnvoll. So zeichnet sich ein potentielles neues Arbeitsfeld für Sozialpädagog/-innen und Sozialarbeiter/-innen ab: insbesondere eine außerschulische – aber an Schule angekoppelte - Form der pädagogischen Begleitung bei der Lebensplanung könnte in Zukunft relevant für die Verbesserung von Berufswahlorientierung sein. Diese Begleitung könnte in Abstimmung mit den Schüler/-innen, Eltern und Lehrer/-innen langfristige, gezielte und individuelle Unterstützung in der Auseinandersetzung und Reflexion mit eigener Identität und beruflichen Wünschen und realen Anforderungen bieten. Darüber sind regelmäßige wissenschaftliche Erhebungen im Sinne eines Bildungsmonitorings empfehlenswert, um Angebote im Berufswahlorientierungsprozess fundiert weiterzuentwickeln und Bedarfe aller Beteiligten ermitteln zu können.

Projektleitung

Frau Prof*in Angelika, Schmidt- Koddenberg

Veröffentlichung

Angelika Schmidt- Koddenberg, Simone Zorn (2011)

Zukunft gesucht! Berufs- und Studienorientierung in der SekII

Kontakt

Frau Prof*in Angelika, Schmidt- Koddenberg

E-Mail: a.schmidt-koddenberg(at)katho-nrw.de

 

 

 

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