Psychotherapeutische Versorgung von Kindern mit Migrationshintergrund

Ergebnisse einer Expertenbefragung in NRW

Projektleitung: Prof. Dr. Johannes Jungbauer

Wiss. Mitarbeit: Simon Lorenz, M.A.; Sabine Wild, M.A

 

Hintergrund

Die KiGGS-Studie (2007) beziffert die Prävalenz psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen (0-17 Jahre) mit 21,9%; Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund leiden offenbar häufiger an psychischen Problemen. In Deutschland leben nach den Daten des letzten Mikrozensus (2012) 4,6 Millionen Personen mit Migrations­hintergrund im Alter von 0-20 Jahren. Obwohl damit von einem erheblichen Psychotherapiebedarf für diese Gruppe auszugehen ist, existieren bisher kaum wissenschaftliche Untersuchungen und Fachpublikationen zu diesem Thema.

Ziel und Methodik

Die psycho­therapeutische Versorgungsituation von psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sollte im Rahmen einer explorativen Studie analysiert werden. Diese wurde in Kooperation mit dem Masterstudiengang "Klinisch-therapeutische Soziale Arbeit" an der KatHO NRW AAchen durchgeführt. Ziel war es, versorgungsbezogene Probleme zu identifizieren, Handlungsbedarfe festzustellen sowie darauf bezogene Verbesserungsmöglichkeiten abzuleiten. Hierzu wurden im Zeitraum Herbst 2013 bis Frühjahr 2014 n=13 leitfadengestützte Interviews mit Experten in Nordrhein-Westfalen durchgeführt, die in unterschiedlichen Settings in der psychotherapeutischen Versorgung der interessierenden Gruppe tätig sind (Fachärzte für  Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Psychologische Psycho­therapeuten Sozialarbeiter, Pädagogen). Die Auswahl der befragten Experten erfolgte im Sinne des Theoretischen Samplings sowie durch Snowball-Sampling. Die Interviewdaten wurden transkribiert und inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse

Die psycho­therapeutische Versorgung von psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist aus Sicht der befragten Experten eindeutig als defizitär einzustufen. Schwierigkeiten existieren dabei auf unterschiedlichen Ebenen. So wurden z.B. die strukturellen Rahmenbedingungen, die zu geringe Anzahl geeigneter Therapeuten sowie zu lange Wartezeiten bemängelt. Die Ergebnisse der Befragung geben zudem interessante Einblicke in weitere Aspekte der Thematik, wie z.B. Einfluss der Familie auf den Therapieprozess und Unterschiede zur deutschen Bevölkerung;  kulturbedingte Missverständnisse in der Psychotherapie und unterschiedliche Vorstellungen und Deutungen hiervon; sprachliche Barrieren; Vor- und Nachteile beim Einsatz von Dolmetschern; Verbesserungsmöglichkeiten in der psychotherapeutischen Versorgung der Gruppe sowie Empfehlungen für die Aus- und Fortbildung von Psychotherapeuten.

Die Ergebnisse der Studie wurden im Psychotherapeutenjournal, Heft 3/2014 veröffentlicht. [download]

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