Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Ausbildung

Eine Befragung an 12 Ausbildungsinstituten in Nordrhein-Westfalen

Forschungsteam: Dipl.-Soz.Päd. Mathias Berg (M.A.); Soz.Arb. / Soz.Päd. Julia Düvel (M.A.); Soz.Arb. / Soz.Päd. Yvonne Kahl (M.A.)

Projektleitung: Prof. Dr. Johannes Jungbauer

 

Hintergrund
Die aktuelle politische Debatte um die Reform der Psychotherapieausbildung hat eine Diskussion um die Zulassungskriterien und die Gestaltung der KJP-Ausbildung ausgelöst.
In dem vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in Auftrag gegebenen Forschungsgutachten wurden zahlreiche relevante und gewinnbringende Erkenntnisse zusammengetragen. Für eine wissenschaftlich fundierte Debatte werden jedoch dringend weitere empirische Daten, speziell im Bereich der KJP-Ausbildung, benötigt, die die Situation der Ausbildungskandidaten in den Blick nehmen.

Zielsetzungen und Fragestellungen der Studie
Die Studie wurde als studienintegriertes Forschungsprojekt im Masterstudiengang „Klinisch-therapeutische Soziale Arbeit“ der Kath. Hochschule Nordrhein-Westfalen (Aachen) durchgeführt. Dabei wurden folgende Fragestellungen untersucht:

  • Motive der Ausbildungskandidaten, eine KJP-Ausbildung zu beginnen
  • Zielperspektiven nach Abschluss der Ausbildung
  • Beurteilung des im Studium erlangten Vorwissens
  • Bewertung der Zugangsvoraussetzungen
  • Zahlenangaben zum Anteil der verschiedenen Professionen in der Ausbildung
  • Vergleich der zur KJP-Ausbildung zugelassenen Professionen

Forschungsmethode
Zielgruppe waren alle Personen, die zum Befragungszeitpunkt eine KJP-Ausbildung nach dem Psychotherapeutengesetz an einem Ausbildungsinstitut in Nordrhein-Westfalen absolvierten. Mithilfe standardisierter Fragebögen wurden neben soziodemographischen Daten Motive, Zielperspektiven, Beurteilung des Vorwissens und die Bewertung
der Zugangsvoraussetzungen erhoben. Die ärztlichen Berufsgruppen werden nicht in die Studie einbezogen, da die Ausbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie eine andere Struktur aufweist als die Ausbildung für die psychosozialen Berufsgruppen.

Ausgewählte Ergebnisse

Stichprobe: Zehn der zwölf kooperierenden Institute beteiligten sich an der Studie. Von den insgesamt 607 Ausbildungskandidaten dieser Institute füllten 272 den Fragebogen aus (Rücklaufquote: 44,8%). Der Frauenanteil in der Stichprobe betrug 85,7%. Die Angaben der Befragten entsprechen weitgehend den o.g. Daten der Institutsstatistiken, was die Annahme stützt, dass die vorliegenden Daten repräsentativ  sind. Über 80% der Befragten hattenvor der KJP-Ausbildung ein pädagogisches Studium absolviert . Die Sozialarbeiter/-pädagogen stellten dabei den größten Anteil, hingegen waren nur 15,5% Psychologen. Das Durchschnittsalter betrug 33,2 Jahre bei einer Alterspanne zwischen 22 und 61 Jahren. 85,7% der Befragten waren Frauen. Fast zwei Drittel (64,7%) absolvierten ihre Ausbildung in Teilzeitform und hatten diese zum Befragungszeitpunkt etwa zur Hälfte abgeschlossen. Bei der gewählten Vertiefungsrichtung zeigte sich, dass 62% eine VT- Ausbildung machten (Institutsangaben:). Die Tendenz, dass Psychologen eher VT wählen als die pädagogischen Berufsgruppen, erwies sich nicht als statistisch signifikant.

Berufliche Zielperspektiven: Im Hinblick auf die gewünschte bzw. vorstellbare Berufstätigkeit nach der Approbation wurde das Ziel einer selbstständigen Tätigkeit deutlich häufiger als benannt als eine angestellte Tätigkeit (78,7% vs. 53,7%). Dabei strebten die pädagogischen Berufsgruppen signifikant häufiger die Selbständigkeit an als Psychologen (?²=6,66 / df=2, p< .05). Diejenigen, die als Ziel die Selbstständigkeit angaben, wünschten sich zumeist eine Tätigkeit als KJP in eigener Praxis, wobei wiederum dieser Anteil bei den Psychologen geringer war als bei den Sozialpädagogen. Im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe konnten sich 39,2% der Sozialpädagogen eine angestellte Tätigkeit vorstellen, während dieser Anteil bei den anderen Berufsgruppen unter 20% lag.

Motive für eine KJP-Ausbildung: Die Befragten sollten die Motive, die zu ihrer Entscheidung für eine KJP-Ausbildung geführt hatten, auf einer Skala von 1 (= nicht zutreffend) bis 4 (= genau zutreffend) ankreuzen. Beim Vergleich der Skalenmittelwerte wird deutlich, dass für vor allem die Möglichkeit zu intensiver, tiefgehender Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, der Wunsch nach psychotherapeutischer Spezialisierung sowie Neugier und Interesse ausschlaggebend bei der Entscheidung für eine KJP-Ausbildung waren. Die Aussicht auf eine berufliche Statuserhöhung wurde signifikant häufiger von Sozialpädagogen als von Psychologen als relevantes Motiv angegeben. Auch hinsichtlich des finanziellen Anreizes zeigte sich ein signifikanter Unterschied: Mehr als die Hälfte der Sozialpädagogen und der Erziehungswissenschaftler versprechen sich eine finanzielle Besserstellung durch die KJP-Ausbildung, während dies nur von einem knappen Drittel der Psychologen als relevantes Motiv angegeben wurde. Signifikant häufiger als die Psychologen gaben die pädagogischen Berufsgruppen das Gefühl einer besonderen Eignung für die KJP-Ausbildung an.

Beurteilung des im Studium erworbenen Vorwissens: Die eigenen Vorkenntnisse im Umgang mit diagnostischen Testverfahren wurden von allen pädagogischen Berufsgruppen als schlecht bis sehr schlecht beurteilt, während über drei Viertel der Psychologen ihr diesbezügliches Vorwissen als gut oder sehr gut einschätzten. Die meisten Sozialarbeiter/-pädagogen beurteilten ihre Vorkenntnisse in der Kinder- Jugend und Familienhilfe sowie im Sozial- und Gesundheitsrecht als gut bis sehr gut - just in diesen Bereichen fühlten sich in die Psychologieabsolventen schlecht vorbereitet, während sie ihre besonderen Stärken in den Bereichen der Allgemeinen und der Klinischen Psychologie sahen. Bezogen auf Forschungs- und Evaluationsmethoden schätzen rund drei Viertel der Psychologen gegenüber einem knappen Drittel der Sozialpädagogen ihr Vorwissen als gut oder sehr gut ein. Umgekehrt ist es bei der eigenen Praxis- und Selbstreflexionskompetenz, die von über 70% der Sozialpädagogen, aber nur von 30% der Psychologen als gut bewertet wird. Ihre Beratungskompetenz schätzen unter allen Professionen die Sozialpädagogen am besten ein.

Diskussion: Die Ergebnisse belegen die wichtige Rolle der pädagogischen Berufsgruppen im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. So sind in NRW fast 40% der KJP in Ausbildung Sozialarbeiter/-pädagogen, ein knappes Drittel Erziehungswissenschaftler, aber nur 17,6% Psychologen. Die Bedeutsamkeit der pädagogischen Berufsgruppen in der KJP drückt sich damit nicht nur in Methodik und Historie aus, sondern auch in ihrer Prädominanz in der KJP-Ausbildung. Ferner belegen unsere Ergebnisse, dass Psychologen und (Sozial-)Pädagogen ihre KJP-Ausbildung mit einem sehr heterogenen Wissensstand antreten. Es ist davon auszugehen, dass die einzelnen Berufsgruppen deutlich unterschiedliche Kenntnisse und Kompetenzen, aber auch spezifische Wissensdefizite in ihre KJP-Ausbildung mitbringen. Wünschenswert wäre es deswegen, dass die zur KJP-Ausbildung berechtigenden Studiengänge ihre Studierenden besser und interdisziplinär auf diese vorbereiten.

Fazit: Insgesamt sprechen viele Argumente dafür, die historisch gewachsene interdisziplinäre Tradition der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Deutschland beizubehalten und weiterzuentwickeln. Die Bologna-Reform bietet hierfür durchaus gute Chancen. Als Zugangsqualifikation für die KJP-Ausbildung sind neben dem Masterabschluss hinreichende klinisch-psychologische sowie (sozial-)pädagogische Kenntnisse zu fordern. Hierzu liegen mittlerweile differenzierte Empfehlungen bezüglich der „Mindest-Kompetenzen“ vor, welche Absolventen unterschiedlicher Studiengänge bei Beginn einer KJP-Ausbildung erworben haben sollten.

Literatur

Jungbauer, J., Berg, M., Düvel, J. & Kahl, Y. (2013). Wer wird Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut? Kindheit und Entwicklung,22, 48-55.

Berg, M., Düvel, J., Kahl, Y. & Jungbauer, J. (2011). Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen in Ausbildung: Ergebnisse einer repräsentativen Befragung an zwölf Ausbildungsinstituten in Nordrhein-Westfalen. Psychotherapeutenjournal, 10 (3), 260-267. [download]

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2021