NEUROENHANCEMENT - Einfluss psychischer Belastungen am Arbeitsplatz auf das Neuroenhancement

 

Als Neuroenhancement (NE) bezeichnet man den Versuch gesunder Menschen, die Leistungsfähigkeit des Gehirns und die eigene Befindlichkeit durch die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten zu verbessern (z.B. Psychostimulanzien, Antidepressiva und Antidementiva sowie illegale Aufputschmittel). In dem Konsortialprojekt mit infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH wurden in einem mehrstufigen Verfahren Arbeitnehmer aus den Berufsgruppen Medizin, Software-Entwicklung, Werbung und Journalismus zu ihren Arbeitsplatzbedingungen und dem Konsum von Neuroenhancern befragt.

Hintergrund

Dem Begriff des „Neuroenhancement“ ist in den letzten Jahren eine verstärkte mediale Aufmerksamkeit zuteil geworden („Hirndoping“). Als Neuroenhancement bezeichnet man den Versuch gesunder Menschen, die Leistungsfähigkeit des Gehirns und die eigene Befindlichkeit durch die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten zu verbessern (z.B. Psychostimulanzien, Antidepressiva und Antidementiva sowie illegale Aufputschmittel). Die Epidemiologie des Konsums ist in US-amerikanischen Studien gut erfasst und ergibt teils hohe Prävalenzen, vor allem bei bestimmten Gruppen von College-Studenten. Im europäischen Raum hat sich die Forschungslandschaft dem Phänomen des NE erst in jüngster Zeit gewidmet und dabei vor allem das Konsumverhalten der Allgemeinbevölkerung und von Studierenden beleuchtet. Es fehlen aber noch fundierte Daten über bestimmte Risikogruppen, wie z.B. Erwerbstätige in kognitiv hoch anspruchsvollen Berufen. Relativ unerforscht ist ebenso der ursächliche Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und Neuroenhancement. Das Projekt beabsichtigte bei den o.g. Zielgruppen zu untersuchen, welche Arbeitsplatzbedingungen Neuroenhancement fördern bzw. begünstigen.

Methodik

Das Projekt war ein Konsortialprojekt mit infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH, dass von der Bundesanstalt und Arbeitsschutz (BAuA) initiiert und mit dieser inhaltlich abgestimmt wurde. In einem mehrstufigen Verfahren wurden Arbeitnehmer aus den Berufsgruppen Medizin, Software-Entwicklung, Werbung und Journalismus zu ihren Arbeitsplatzbedingungen und dem Konsum von Neuroenhancern befragt. Die mehrstufige Untersuchung sah drei Phasen vor:

  • Befragung in einem persönlichen Interview (CAPI) zu Arbeitsdispositionen und Neuroenhancement (N=4.166) (Federführung: infas GmbH)
  • Bildung einer Subgruppe zur systematischen Analyse zu Auslösern von Stress und Neuroenhancement mittels Tagebuchmethode (N=710) (Federführung: infas GmbH)
  • Von diesen befragten Personen wurden jene mit hochfrequentem Neuroenhancement-Verhalten in einem qualitativen Interview zu ihren Motiven befragt (N=33) (Federführung: DISuP)

Ergebnisse

Es werden hier die Ergebnisse der Tiefeninterviews dargestellt, welche vom DISuP durchgeführt und inhaltsanalytisch ausgewertet wurden. Die Gruppe der 33 Befragten erwies sich hinsichtlich ihres Konsumverhaltens als sehr heterogen. So gab es z.B. die Gruppe der manifesten Enhancer, die hauptsächlich verschreibungspflichtige Psychostimulanzien im Arbeitskontext einnimmt; eine andere Gruppe konsumiert in erster Linie Schlaf- und Beruhigungsmittel, um für den nächsten Arbeitstag fit zu sein (indirektes Neuroenhancement). Beide Gruppen erleben zum Teil massive Belastungen am Arbeitsplatz, die allerdings nicht als alleinige Ursache für das Konsumverhalten herangezogen werden dürfen. Oft scheint die Ursache auch in der Person der Befragten zu liegen. Dabei ist nicht von einer „Karrierefixierung“ oder „Geltungsdrang“ auszugehen, sondern es liegt dem Verhalten eher ein defizitäres Selbstkonzept zugrunde und der Konsum erfolgt, um den wahrgenommenen Anforderungen der Arbeitswelt standhalten zu können. Belastungen am Arbeitsplatz spielen insofern eine hochrelevante Rolle, als dass sie häufig den Auslöser für den Substanzkonsum darstellen. Zur Erklärung von Neuroenhancement muss also ein multikausales Erklärungsmodell herangezogen werden.

Die Ergebnisse zeigen damit auch, dass an mehreren Faktoren angesetzt werden muss, wenn man Neuroenhancement präventiv begegnen möchte. Dies betrifft sowohl Faktoren auf der Arbeitnehmer- als auch Arbeitgeberseite sowie gesellschaftliche Aspekte.

Der vollständige Ergebnisbericht ist verfügbar unter: http://www.baua.de/de/Publikationen/Fachbeitraege/F2283.html

Publikationen

  • Moesgen, D. & Klein, M. (2015). Neuroenhancement. Buchreihe Sucht: Risiken – Formen – Interventionen. Interdisziplinäre Ansätze von der Prävention zur Therapie. Stuttgart: Kohlhammer.

  • Schröder, H., Köhler, T., Knerr, P., Kühne, S., Moesgen, D. & Klein, M. (2015). Einfluss psychischer Belastungen am Arbeitsplatz auf das Neuroenhancement – Empirische Untersuchungen an Erwerbstätigen. Berlin: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Verfügbar unter: www.baua.de/de/Publikationen/Fachbeitraege/F2283.html

  • Moesgen, D., Klein, M., Schröder, H., Köhler, T. Knerr, P., Freude, G. & Rose, U. (2014). Motive und Ursachen für pharmakologisches Neuroenhancement – Ergebnisse einer qualitativen Studie. Sucht, 60 (1), 126.

  • Moesgen, D., Klein, M., Köhler, T., Knerr, P. & Schröder, H. (2013). Pharmakologisches Neuroenhancement – Epidemiologie und Ursachenforschung. Suchttherapie, 14 (1), 8-15.

Kongressbeiträge

  • Moesgen, D., Klein, M., Schröder, H., Köhler, T. Knerr, P., Freude, G. & Rose, U. (2014, Oktober). Motive und Ursachen für pharmakologisches Neuroenhancement – Ergebnisse einer qualitativen Studie. Vortrag auf dem Deutschen Suchtkongress, Berlin.

  • Köhler, T., Kühne, S., Schröder, H., Klein, M., Moesgen, D., Rose, U. & Freude, G. (2013). Einfluss psychischer Belastungen am Arbeitsplatz auf das Neuroenhancement – empirische Untersuchungen an Erwerbstätigen (work in progress). Vortrag auf dem Deutschen Suchtkongress, Bonn.

  • Moesgen, D., Klein, M., Schröder, H., Köhler, T. Knerr, P., Freude, G. & Rose, U. (2013, September). Pharmakologisches Neuroenhancement – Status Quo. Vortrag auf dem Deutschen Suchtkongress, Bonn.

Förderung

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Förderzeitraum: Juli 2011 bis April 2014

Forschungsvorhaben F2283

Projektleitung

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Michael Klein

E-Mail: mikle(at)katho-nrw.de

Tel.: +49 (0)221-7757-156

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Dr. Diana Moesgen

E-Mail: d.moesgen(at)katho-nrw.de

Tel.: +49 (0)221-7757-173

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2021