Klausurwoche "Evidenzbasierung in der Suchtprävention - Möglichkeiten und Grenzen"

 

Ziel des vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekts war die Erarbeitung disziplinübergreifender Empfehlungen zu forschungsmethodischen und praxisbezogenen Aspekten der Evidenzbasierung in der Suchtprävention im Rahmen einer Klausurwoche. Wissenschaftler/-innen und Praktiker/-innen unterschiedlicher Disziplinen sollte während einer fünftägigen Klausurwoche im Februar 2014 ein Rahmen gegeben werden, sich fachübergreifend und intensiv mit relevanten Fragestellungen und Problemen der Forschung im Bereich der Suchtprävention zu beschäftigen.

Hintergrund

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Forderung nach evidenzbasiertem Vorgehen in der kurativen Medizin wie auch der Prävention und Gesundheitsförderung steht auch die Suchtprävention vor der Herausforderung, ihre Methoden und Konzepte im Hinblick auf ihre Evidenzfundierung zu überprüfen und ggf. daraufhin zu orientieren. Wichtige Fragestellungen sind hier u.a. Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit von Methoden der evidenzbasierten Medizin auf die Suchtprävention, langfristige Effekte von Präventionsmaßnahmen und ihre Messbarkeit sowie die Anwendbarkeit von Empfehlungen zum evidenzbasierten Vorgehen in der Praxis.

Das Memorandum zur Präventionsforschung, das die Erfahrungen des Förderschwerpunkts Präventionsforschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von 2004 bis 2012 zusammenfasst, nennt eine Reihe spezifischer Herausforderungen der Präventionsforschung, u.a. das Fehlen methodischer Standards zum Umgang mit kleinen Stichprobengrößen, die Notwendigkeit langfristig angelegter Studien- und Evaluationszeiträume, um Effekte im späteren Lebenslauf zu erfassen, die ethischen oder praktischen Durchführungsschwierigkeiten von randomisiert-kontrollierten Studien (RCT) wie auch die Problematik, differenzierte Outcomemaße zu operationalisieren und zu messen. Auch die Suchtprävention sieht sich mit diesen methodischen Herausforderungen konfrontiert.

Die Forderung nach Evidenzbasierung in der Suchtprävention wird kontrovers diskutiert (z.B. Hanewinkel & Morgenstern, 2013; Uhl, 2013). Befürworter/-innen der Evidenzbasierung argumentieren, dass auch die Suchtprävention wie die kurative Medizin auf einer bestmöglichen verfügbaren Evidenz basieren muss und Nutzen wie auch potentielle Schädlichkeit einer präventiven Maßnahme jeweils systematisch empirisch zu überprüfen sind. Methodisch sei es insbesondere bei verhaltenspräventiven Maßnahmen der Suchtprävention durchaus möglich, „sehr hochwertige Studienansätze[n], der Evidenzklasse I (randomisiert-kontrolliert) und II (kontrolliert)“ durchzuführen (Hanewinkel & Morgenstern, 2013). Kritiker/-innen argumentieren hingegen, dass randomisiert-kontrollierte Studien in den Human- und Sozialwissenschaften eher die Ausnahmen darstellen und vielfach „quasi-experimentelle Zugänge gewählt oder Surrogatvariablen, die mit dem tatsächlichen Zielkriterium bloß korrelieren, als relevante Erfolgskriterien herangezogen werden, ohne die damit verbundenen erheblichen Einschränkungen bei der Interpretation zu erwähnen“ (Uhl, 2013). Evidenzbasiertes Vorgehen in der Suchtprävention in Analogie zur evidenzbasierten Medizin würde somit Präzision vortäuschen und eine Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Situationen und Lebenswelten sei letzten Endes nicht möglich.

Ein weiteres Problemfeld stellt das Zusammenspiel von verhaltens- und verhältnispräventiven Maßnahmen („Policy Mix“) in ihren Auswirkungen auf Wissen, Einstellungen und Verhalten dar. Die Evaluation von Maßnahmen und die Interpretation der Wirkung einzelner verhaltens- und verhältnispräventiver Ansätze sowie deren komplexes Ineinandergreifen – insbesondere auf Bevölkerungsebene – ist ausgesprochen schwierig trennscharf durchzuführen (z.B. Mühlhauser et al., 2012). Hier sind ebenfalls Mängel in der Elaboration und Durchführung angemessener Forschung auszumachen.

Methodik

Wissenschaftler/-innen und Expert/-innen aus der Praxis trafen sich während einer fünftägigen Klausurwoche im Februar 2014 an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Köln, um sich fachübergreifend intensiv mit relevanten Fragestellungen und Problemen der Forschung im Bereich der Suchtprävention zu beschäftigen. Die Klausurwoche enthielt dabei unter Anleitung einer Moderation Arbeitsphasen sowohl in Kleingruppen als auch im Plenum enthalten, bei denen großer Wert auf den Dialog der Teilnehmer/-innen, den transdisziplinären Austausch und die Gewinnung gemeinsam getragener Ergebnisse gelegt wurde.

Ergebnisse

Die Ergebnisse der Klausurwoche wurden der Öffentlichkeit in Form eines Memorandums zu verfügung gestellt (vgl. Publikationen). Für die Fachöffentlichkeit wurden zwei Fachsymposien im Rahmen der Tübinger Suchttherapietagen (April 2014) und des Deutschen Suchkongresses (September 2014) durchgeführt.

Publikationen

  • Hoff, T. & Klein, M. (Hrsg.) (2015). Evidenzbasierung in der Suchtprävention - Möglichkeiten und Grenzen in Forschung und Praxis. Heidelberg: Springer.
  • Expertinnen- und Expertengruppen "Kölner Klausurwoche" (2014). Memorandum Evidenzbasierung in der Suchtprävention - Möglichkeiten und Grenzen. Köln: Online-Veröffentlichung [download]

Kongressbeiträge

  • Hoff, T.: Das Kölner Memorandum zur Evidenzbasierung in der Suchtprävention - Möglichkeiten und Grenzen. Vortrag auf dem Deutschen Suchtkongress 2015 (Hamburg, 16.09.2015)
  • Schlömer, H. & Hoff, T.: Ausrichtung und Vorsitz des Symposiums „Das Kölner Memorandum zur Evidenzbasierung in der Suchtprävention - ein Diskurs zur Fortentwicklung für die Qualitätsentwicklung der Suchtprävention“ auf dem Deutschen Suchtkongress 2015 (Hamburg, 16.09.2015) mit weiteren Beiträgen von H.J. Hallmann, I. Holterhoff-Schulte, A. Bühler und U. John et al.
  • Kalke, J. & Klein, M.: Ausrichtung des Symposiums "Evidenzbasierung in der Suchtprävention" auf dem Deutschen Suchtkongress 2015 (Berlin, 30.09.2014)
  • Wolstein, J. & Klein, M.: "Memorandum zur Evidenzbasierung in der Suchtprävention". Vortrag auf dem Deutschen Suchtkongress 2015 (Berlin, 30.09.2014)
  • Klein, M. & Kalke, J.: "Wie evidenzbasiert muss Suchtprävention sein? – Grundlagen, Kontroversen, Lösungen". Vortrag auf den 19. Tübinger Suchttherapietagen (Tübingen, 04.04.2014)

Förderung

Bundesministerium für Gesundheit

Förderzeitraum 01.12.2013 bis 31.10.2014

Förderkennzeichen: IIA5-2513DSM221

Projektleitungen

Prof. Dr. Tanja Hoff

E-Mail: t.hoff(at)katho-nrw.de

Tel. +49 (0)221-7757-137

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Prof. Dr. Michael Klein

E-Mail: mikle(at)katho-nrw.de

Tel. +49 (0)221-7757-156

Wissenschaftliche Mitarbeiter/-innen

Dr. Ulrike Kuhn

u.kuhn(at)katho-nrw.de

Tel. +49 (0)221-7757-168

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Laura R. Koenen, Psychologie M.Sc.

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Holger Vinke, Soziale Arbeit B.A.

 

Zitierte Literatur

Hanewinkel, R. & Morgenstern, M. (2013). Evidenzbasierung in der Suchtprävention - Pro. Suchttherapie 13 (3), 110-11.

Mühlhauser, I., Lenz, M. & Meyer, G. (2012). Entwicklung, Bewertung und Synthese von komplexen Interventionen – eine methodische Herausforderung. In: Evaluation komplexer Evaluationsprogramme in der Prävention. Lernende Systeme, lehrreiche Systeme? RKI 2012, 43-55.

Uhl, A. (2013). Evidenzbasierung in der Suchtprävention - Kontra. Suchttherapie 13, (3), 112-13.

Walter, U., Nöcker, G., Plaumann, M. et al. (2012) Memorandum zur Präventionsforschung – Themenfelder und Methoden. Gesundheitswesen, 74 e99-e113.

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2021