Crystal Meth und Familie

Zur Analyse der Lebenssituation und des Hilfebedarfs betroffener Kinder (2014-2015)

 

Das von Bundesministerium für Gesundheit geförderte Forschungsprojekt „Crystal Meth und Familie“ hat sich – erstmals in Deutschland – mit der Lebenssituation und dem Hilfebedarf der Kinder methamphetaminabhängiger Eltern beschäftigt. Dafür sind in vier kooperierenden sächsischen Suchthilfeeinrichtungen (an den Standorten Chemnitz, Leipzig, Vogtland und Zwickau) Fälle von behandelten Crystal-Meth-Klienten/innen der letzten zwei Jahre systematisch analysiert worden. Aus den aktuell behandelten Klienten/innen sind Eltern mit Kindern ausgewählt und mittels eines qualitativen und quantitativen Diagnostiksystems untersucht worden.

Hintergrund

Auf der Basis der in den letzten Jahren zu verzeichnenden steigenden Fallzahlen von Crystal-Meth-Abhängigen in Deutschland (besonders in den Regionen Sachsen, Thüringen und Oberpfalz) und der gleichzeitig immer noch defizitären Datenlage, insbesondere zu den mitbetroffenen Kindern, ist eine umfassende Dokumentation und Diagnostik in Schwerpunktberatungsstellen in Sachsen durchgeführt worden. Ziel dieser Studie war zum einen die systematische Erfassung der Erfahrungen in Schwerpunktberatungsstellen im Umgang mit dieser speziellen Zielgruppe. Zum anderen wurde ein spezifischer Akzent auf die auf die familiale Situation (Herkunftsfamilie, aktuelle Partnerschaft und Familie) der Metamphetaminabhängigen gelegt. Ein besonderer Fokus der weiterführenden qualitativen und quantitativen Diagnostik lag auf der psychosozialen Situation der von elterlicher Abhängigkeit mitbetroffenen Kinder.

Von den vergleichsweise wenigen vorliegenden internationalen Studien zeigte vor allem die Illinois-Studie (Haight et al., 2009), dass diese Kinder ein sehr hohes Ausmaß an Verhaltensauffälligkeiten, Traumatisierungen und Jugendhilfebedarf aufwiesen.

Hauptziel dieses Projektes war entsprechend die Analyse der gegenwärtigen Situation der betroffenen Familien und Kinder in Deutschland, um Konsequenzen für Jugendhilfemaßnahmen, kinder-und jugendpsychiatrische Hilfen sowie suchttherapeutische Maßnahmen abzuleiten.

Studienmethodik

Ausgehend von den vorhandenen Daten der kooperierenden Beratungsstellen wurde ein Basisdokumentations- und Diagnostiksystem entwickelt, um ausführliche Informationen zur Situation der abhängigen Elternteile und ihrer Kinder gewinnen zu können. Zentrale Aspekte waren dabei Konsum der Eltern, deren psychischen Situation, das Elternverhalten sowie die psychische und soziale Lage der betroffenen Kinder und Jugendlichen (im Sinne von Verhaltensauffälligkeiten, emotionaler Belastung, Depression, psychischer Resilienzen und allgemeiner Lebensqualität). Das Projekt zeichnete sich somit durch eine große Methodenvielfalt aus, was den explorativen Charakter des Forschungsvorhabens unterstreicht.

Methodische Bestandteile waren:

(1) Dokumentenanalyse der Fälle Crystal-Meth-abhängiger Eltern der letzten 24 Monate innerhalb der kooperierenden Beratungsstellen

(2) Qualitative Befragungen:

  • Problemzentrierte Interviews mit (ehemals) Crystal-Meth-abhängigen Eltern
  • Fokusgruppen mit Fachkräften der Suchtberatungsstellen und Jugendhilfe

 

(3) Quantitative Fragebogendiagnostik mit betroffenen Eltern und Kindern

Ergebnisse

Familien, in denen eine elterliche Abhängigkeit von Crystal-Meth besteht, zeigten sich als relevante Gruppe im Hilfesystem, wobei sie eine große Herausforderung an die Kooperation verschiedener Hilfsinstitutionen, vor allem Suchthilfe und Jugendhilfe darstellen.

Auf Seiten der konsumierenden Eltern lag zumeist ein niedriger sozioökonomischer Status vor, geprägt von Arbeitslosigkeit, Schulden und Justizproblemen. Auf biografischer Ebene wurde häufig eine Suchterkrankung in der eigenen Kernfamilie deutlich, ebenso wie Traumatisierungen in Kindheit und Jugend der Eltern. Bei einem Drittel der Klienten/innen war eine psychische Komorbidität bekannt. Partnerschaften gestalteten sich als wechselhaft und instabil. Oftmals bestand bei Partner/innen, die in den meisten Fällen nicht leiblicher Elternteil der Kinder waren, ebenfalls eine Methamphetamin-Abhängigkeit.

Die mitbetroffenen Kinder waren häufig nicht beim konsumierenden Elternteil untergebracht, sondern in Einrichtungen der Jugendhilfe, bei Pflege- oder Adoptiveltern oder beim anderen leiblichen Elternteil. Die Eltern-Kind-Beziehung zeigte sich entsprechend geprägt von Diskontinuität. Die direkte Interaktion von Eltern und Kindern gestaltete sich seitens der konsumierenden Eltern oftmals unterkühlt, emotional distanziert, unvorhersehbar ebenso wie teilweise gereizt oder aggressiv. Viele Kinder zeigten Anzeichen einer emotionalen Belastung, wobei die individuellen Belastungsgrade und entsprechenden Coping-Strategien stark variierten. Emotionale, internalisierende Probleme waren dabei ebenso von Relevanz wie externalisierendes Verhalten.

Es wird somit ein psychologischer Hilfebedarf auf Seiten der Kinder deutlich, wobei sich die weiterführende Exploration spezifischer Schutz- und Risikofaktoren für die kindliche Entwicklung in diesem Kontext notwendig zeigt. Ein Unterstützungsbedarf der Eltern, im Sinne der Stärkung elterlicher Kompetenzen zeigt sich ebenfalls bedeutsam, damit Kontinuität in der Eltern-Kind-Beziehung erhalten bleiben bzw. wiederhergestellt werden kann.

Publikationen

Klein, M. & Dyba, J. (2016). Crystal-Meth Konsum der Eltern lässt deren Kinder leiden. Neue Caritas, 10, S. 9-13.

Klein, M., Dyba, J., Moesgen, D. & Urban, A. (2016). Crystal Meth und Familie: Zur Analyse der Lebenssituation und des Hilfebedarfs betroffener  Kinder. Abschlussbericht. Berlin: Bundesministerium für Gesundheit. [-> download]

Kongressbeiträge

Dyba, J., Klein, M. & Moesgen, D.: Die Situation methamphetaminabhängiger Eltern und ihrer Kinder - Ergebnisse qualitativer Elternbefragungen. Vortrag auf dem Deutschen Suchtkongress 2016 (Berlin, 06.09.2016)

Klein, M.: Crystal Meth und Familie – Analyse der Lebenssituation und des Hilfebedarfs. Vortrag auf der Jahrestagung der Drogenbeauftragten (Berlin, 06.11.2015)

Dyba, J., Klein, M. & Moesgen, D.: Crystal Meth und Familie: Zur Analyse der Lebenssituation und des Hilfebedarfs betroffener  Kinder: Ergebnisse der Dokumentenanalysen und Fokusgruppen. Vortrag auf der Projekt-Abschlusstagung Crystal Meth und Familie (Leipzig, 09.10.2015) [-> download]

Moesgen, D., Klein, M. & Dyba, J.: Crystal Meth und Familie: Zur Analyse der Lebenssituation und des Hilfebedarfs betroffener  Kinder: Ergebnisse der Interviews und Fragebogenverfahren. Vortrag auf der Projekt-Abschlusstagung Crystal Meth und Familie (Leipzig, 09.10.2015) [-> download]

Klein, M., Dyba, J. & Moesgen, D.: Crystal Meth and the Family - An Analyses of the Living Circumstances and Needs of Help of affected Children. Vortrag auf der Lisbon Addictions Conference (Lissabon, 23.09.2015)

Klein, M., Dyba, J. & Moesgen, D.: Die familiäre Situation Methamphetaminabhängiger und ihrer Kinder - Eine Bestandsaufnahme in sächsischen Suchtberatungsstellen. Vortrag auf dem Deutschen Suchtkongress (Hamburg, 17.09.2015)

Klein, M., Dyba, J. & Moesgen, D.: Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen methamphetaminabhängiger Eltern in Deutschland - Daten aus der Suchthilfe in Sachsen. Vortrag auf dem Deutschen Suchtkongress (Hamburg, 17.09.2015)

Klein, M.: Methamphetaminabhängigkeit und Familie – gibt es ein Problem? Vortrag auf dem Internationalen Kongress für Suchtmedizin (München, 04.07.2015)

Klein, M.: Elterliche Suchtstörungen und Kindesentwicklung (postnatal). Vortrag auf der 7. Wissenschaftlichen Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Kinderschutz in der Medizin (Dresden, 08.05.2015)

Förderung

Bundesministerium für Gesundheit

Förderzeitraum: 01.10.2014 - 31.10.2015

Förderkennzeichen: ZMVI5-2514DSM-215

Projektleitung

Prof. Dr. Michael Klein

E-Mail: mikle(at)katho-nrw.de  |  Tel. +49 (0)221-7757-156

wissenschaftliche Mitarbeiterinnen

Dipl.-Psych. Janina Dyba

E-Mail: j.dyba(at)katho-nrw.de  |  Tel.:  +49 (0)221-7757-178

und

Dr. Diana Moesgen

E-Mail: d.moesgen(at)katho-nrw.de  |  Tel.:  +49 (0)221-7757-173


Verwendete Literatur:

Haight, W., Ostler, T., Black, J. & Kingery, L. (2009). Children of Methamphetamine-involved Families. The Case of Rural Illinois. New York: Oxford University Press.

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