Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

FASD-Prävention in Schwangerschaftsberatung und Frühen Hilfen

Im Fokus des vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Kooperationsprojektes des Deutschen Instituts für Sucht- und Präventionsforschung der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Köln und dem Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Köln standen zunächst (I) die Entwicklung, Implementierung und Evaluation des Kölner Präventionsansatzes zur Vermeidung und Reduktion von Suchtmittelkonsum in Schwangerschaft und Stillzeit sowie (II) dessen Verbreitung in fünf andere bundesweite Modellregionen.

Nach erfolgreichem Abschluss der Pilotphase (2011-2012) wurde dieses Praxis-Forschungs-Projekt als eines von bundesweit drei Projekten zur weiteren Erprobung vom 01.07.2012 bis 30.06.2014 gefördert.

Hintergrund

Trotz Aufklärungskampagnen ist das Wissen über die Folgen von Alkohol- und Tabakkonsum in der Schwangerschaft in vielen gesellschaftlichen Gruppen noch wenig ausgeprägt. Der KIGGS-Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zufolge tranken 14% der befragten Mütter während der Schwangerschaft Alkohol (Bergmann et al., 2007). Experten gehen von einer höheren Prävalenz aus, da viele Frauen ihren Alkoholkonsum während der Schwangerschaft durch Schuldgefühle verschweigen. Alkoholkonsum in der Schwangerschaft birgt für das ungeborene Kind ein erhebliches Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko. So werden jährlich in Deutschland ca. 3.000 bis 4.000 Kinder mit alkoholbedingten Schädigungen geboren (Spohr & Steinhausen, 2008), wobei das Fetale Alkoholsyndrom (FAS) mit Symptomen, wie z.B. prä- und postnatale Wachstumsverzögerungen, Mikrozephalie, ZNS-Dysfunktionen zur schwersten Form zählt. Häufig bleiben alkoholbedingte Schäden jedoch unerkannt, insbesondere wenn es sich nicht um das FAS-Vollbild, sondern um schwächere Ausprägungen handelt (Löser, 1991). 13% der Frauen rauchen zu Beginn der Schwangerschaft, wobei der Raucheranteil unter Frauen mit niedrigem sozialen Status größer ist (Schneider et al., 2008). Gesundheitliche Konsequenzen durch Tabakkonsum in der Schwangerschaft wurden ebenfalls bestätigt, z.B. Frühgeburten, vorzeitige Plazentaablösung, plötzlicher Kindstod sowie akute und chronische Atemwegssymptome in späteren Kindheitsphasen (Mackay et al., 2006).

Ziele und Interventionsmethoden des Projekts

Übergeordnete Projektziele waren eine Reduktion von Alkohol- und/ oder Tabakkonsum in Schwangerschaft und Stillzeit und dadurch eine Verringerung prä- und postnataler Schädigungen des Kindes sowie eine bessere Versorgung schwangerer alkohol- oder tabakkonsumierender Frauen.

Die im Verbreitungsmodell angewandten Interventionsmethoden lehnten sich eng an das Interventionsmodell des Pilotprojektes an. Durch eine vernetzte Tandemstruktur von Schwangerschaftsberatung/ Frühen Hilfen und der Suchthilfe ermöglichte das Konzept eine verbesserte, integrative Vorgehensweise der häufig nicht kooperierenden Systeme, um niedrigschwellige Zugangs- u. Behandlungswege für schwangere und stillende Frauen mit riskantem Substanzkonsum zu schaffen. Schwangere Frauen sollten gemäß einem Stepped-Care-Ansatz so viel Hilfe wie nötig, so früh und wenig wie möglich erhalten. Im Pilotprojekt hatte sich diese Vernetzung (mit Modifikationen) bewährt und die Berater/-innen in der Schwangerschaftsberatung erlebten einen Kompetenzgewinn durch die Methodenerweiterung sowie eine Sensibilisierung hinsichtlich des Suchtmittelkonsums ihrer Klientinnen.

Durch Nutzung bewährter Methoden wie Screeningverfahren, psychoedukative Materialien, motivierende Kurzberatung (MKI) sowie dem SKOLL-Selbstkontrolltraining wurden bestehende Strukturen optimiert. Die Umsetzung eines Konsum- und Suchtscreenings konnte durch die Eingliederung in die verbandlichen Strukturen des SkF Köln e.V. in der Schwangerschaftsberatung als standardisiertes Vorgehen implementiert werden. Nach den Piloterfahrungen gelingt mit diesem Interventionsmodell ein zeitökonomischer und settingspezifischer Einsatz von Screenings zur Konsumerfassung sowie Kurzinterventionen zur Motivations-/ Konsumveränderung in der Schwangerschaftsberatung.

Außerdem wurde das zielgruppenspezifische Erziehungskompetenztraining „Mehr MUT!“ für (ehemals oder aktuell) konsumierende Mütter von FASD-Risikokindern eingesetzt. Diese nachgeburtliche Unterstützung zielte konzeptionell auf die Auseinandersetzung mit den eigenen mütterlichen Fähigkeiten sowie der Entwicklung des Kindes - unter den besonderen Bedingungen einer vorgeburtlich verursachten alkoholbedingten Schädigung. Die Förderung der Erziehungskompetenzen und Sensibilisierung für Substanzkonsumfolgen aus der Schwangerschaft ist nicht zuletzt auf dem Hintergrund, dass häufig mehrere FAS-Kinder in einer Familie geboren werden, auch unter präventiver Perspektive bedeutsam.

Modifikationen in der zweiten Förderphase

Im Mittelpunkt der zweiten Förderphase (2012-2014) stand  neben der methodischen Ausdehnung auf Akteure der Frühen Hilfen und Familienhilfe die bundesweite Ausdehnung des entwickelten Konzeptes durch die Gewinnung weiterer Kooperationspartner in Städten und Regionen mit unterschiedlichen Bevölkerungs- und Angebotsstrukturen. Das Interventionsmodell konnte am 01.01.2013 an den Standorten Trier, Erfurt, Paderborn und im Erftkreis gestartet werden.

Das Kurzscreening wurde zudem hinsichtlich seiner Sensitivität erhöht, um Schwangere mit bedenklichem Alkohol- und/ oder Tabakkonsum noch genauer zu identifizieren. Zudem sollte das SKOLL-Training hinsichtlich seiner Praktikabiliät im Rahmen der Schwangerenbetreuung weiter erprobt werden. Das „Mehr MUT!“ wurde um eine Sitzung mit den Modulen Tabak- und polyvalenten Konsum erweitert.

Die Überleitung zur Suchtberatung von Schwangeren mit weitergehend behandlungsbedürftigem Alkohol-/Tabakkonsum gelang im Pilotprojekt durch eine fehlende Inanspruchnahme durch die Klientinnen nur defizitär. Daher wurde nun ergänzend zu den Vernetzungsstrukturen der Bedarf an niedrigschwelligen Präventionsberatungsangeboten zukünftig durch stärkere Fokussierung auf „Inhouse“-Angebote innerhalb der Schwangerschaftsberatung vorgenommen.

Ein neuer Baustein im Projekt zur Ansprache der Klientinnen stellte die Schaffung neuer Zugangswege durch themenspezifische Informationen in lebensweltorientierten Bezügen durch neue Medien dar (vgl. www.lotsin.de).

Publikationen

  • Hoff, T., Farke, W., Rossenbach, A. & Münzel, B. (2011). Neuer Präventionsansatz zur Vermeidung und Reduzierung von Suchtmittelkonsum in Schwangerschaft und Stillzeit. Suchttherapie, 12, 115-118.

  • Hoff, T., Rossenbach, A., Laux, B., Farke, W. Görgen, W. (2012). Sachbericht zur Förderlinie „Neue Präventionsansätze zur Vermeidung von Suchtmittelkonsum in Schwangerschaft und Stillzeit“ des Bundesministeriums für Gesundheit Kölner Kooperationsprojekt: FASD-Prävention in Schwangerschaftsberatung und Frühen Hilfen. [Abschlussbericht zur 1. Förderphase, download von der Webseite des BMG]

  • Hoff, T., Laux, B., Münzel, B., Farke, W. & Kollmann, M. (2013). Screening des Alkohol- und/oder Tabakkonsums im Rahmen der Schwangerschaftsberatung – Erfahrungen aus dem Kölner Präventionsansatz. Suchttherapie, 14, 172-182. [download]

Kongressbeiträge

  • Hoff, T.: "Intervention danach ist Prävention davor – Erziehungskompetenz-förderung für Mütter mit riskantem Substanzkonsum in der Schwangerschaft am Beispiel 'Mehr MUT!' ". Workshop auf der Jahrestagung "NEIN zu Tabak und Alkohol in der Schwangerschaft" der Bundesdrogenbeauftragten (Erlangen, 12.12.2014)
  • Hoff, T.: "Suchtmittelkonsum in der Schwangerschaft: Netze spannen für Mütter und Kinder während und nach der Schwangerschaft". Workshop auf dem Fachkongress "Alle in einem Boot: Wirksamer Kinderschutz durch Vernetzung von Gesundheitswesen und Jugendhilfe" des Thüringer Ministeriums für Soziales, Familie und Gesundheit (Erfurt, 19.11.2014)
  • Vinke, H., Hoff, T., Münzel, B., Laux, B. & Vespermann, K.: "FAS(D)- und Tabakprävention in Schwangerschaftsberatung und Frühen Hilfen". Posterpräsentation auf dem 16. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin (Bonn, 16.05.2014)
  • Hoff, T., Laux, B., & Münzel, B.: "Interventionspotenziale in der Schwangerschaftsberatung und Erziehungskompetenzförderung zur Prävention des Alkohol- und Tabakkonsums". Vortrag auf dem 28. DVGT-Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung (Berlin, 29.03.2014)
  • Hoff, T.: "Prävention des Alkohol- und Tabakkonsums in der Schwangerschaft: Nationale und Internationale Perspektiven". Vortrag auf der Fachtagung „30. Kölner Kolloquium zu Suchtfragen: Gesunde Schwangerschaft und kindliche Entwicklung – Situation, Anforderungen und Konsequenzen für Suchthilfe“ (Köln, 18.10.2013)
  • Hoff, T.: "Mütter mit FASD-Kindern unterstützen: Das zielgruppenspezifische Erziehungskompetenztraining 'Mehr MUT!' ". Vortrag auf dem 6. Deutschen Suchtkongress (Bonn, 20.09.2013)
  • Hoff, T.: Ausrichtung des Kongress-Symposiums „Neue Entwicklungen in Prävention, Diagnostik und Therapie der fetalen Alkoholspektrumsstörungen und des Tabakkonsums in der Schwangerschaft und Stillzeit“ auf dem 6. Deutschen Suchtkongress (Bonn, 20.09.2013) mit weiteren Beiträgen von M. Landgraf, S. Ulbricht, H. Hoff-Emden
  • Kollmann, M. & Hoff, T.: "Prävention von Suchtmittelkonsum in Schwangerschaft und Stillzeit – das Erziehungskompetenztraining „Mehr MUT!“ für Mütter von FASD-Kindern". Vortrag auf dem Dies academicus „Sucht?! -Herausforderungen und Perspektiven für die Soziale Arbeit“ an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Köln (Köln, 05.06.2013)
  • Laux, B. & Rossenbach, A.: "Verbreiterung bewährter Präventionsansätze zur Vermeidung und Reduzierung von Suchtmittelkonsum in Schwangerschaft und Stillzeit – Vorstellung der Ergebnisse der ersten Modellprojektphase, Sicherung der Ergebnisse und Übertragung auf andere Modellstandorte“. Vortrag auf dem 18. Kongress Armut und Gesundheit (Berlin, 06.03.2013)
  • Hoff, T.: "Kölner Modellprojekt zur Vermeidung und Reduzierung von Alkohol- und Tabakkonsum in Schwangerschaft und Stillzeit". Workshop auf den 16. Hamburger Suchttherapietagen (Hamburg, 29.05.2012)
  • Hoff, T., Kollmann, M. & Laux, B.: "FAS(D)- und Tabakprävention in Schwangerschaftsberatung und Frühen Hilfen". Posterpräsentation auf der 14. FASD-Fachtagung (Erfurt, 28.-29.09.2012)
  • Kollmann, M. & Hoff, T.: "Kenntnisse und Kompetenzen von SozialarbeiterInnen im Adoptions- und Pflegekinderdienst zum fetalen Alkoholsyndrom". Posterpräsentation auf der 14. FASD-Fachtagung (Erfurt, 28.-29.09.2012)
  • Hoff, T., Kollmann, M. & Laux, B.: "FAS(D)- und Tabakprävention in Schwangerschaftsberatung und Frühen Hilfen". Posterpräsentation auf dem 11. Deutschen Kongress für Versorgungsforschung und 4. Nationaler Präventionskongress (Dresden, 27.-29.09.2012)
  • Farke, W., Hoff, T., Laux, B., Münzel, B. & Winkler-Jansen, E.: "Ressourcenorientierte Netzwerkarbeit bei Tabak- und Alkoholkonsum in Schwangerschaft und Stillzeit – Ein Kölner Modellprojekt zur Risikominimierung alkoholbedingter Schäden bei Kindern". Posterpräsentation auf dem 5. Deutschen Suchtkongress (Frankfurt/Main, 28.09.-01.10.2011)

Förderung

Bundesministerium für Gesundheit

Förderzeitraum: (I) 01.03.2011 bis 28.02.2012, (II) 01.07.2012 bis 30.06.2014

Förderkennzeichen: IIA5-2512DSM216 / Sozialdienst Katholischer Frauen e.V., Köln

Projektleitung

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Tanja Hoff

E-Mail: t.hoff(at)katho-nrw.de

Tel.: +49 (0)221-7757-137

Wissenschaftliche Mitarbeiter/-in

Walter Farke

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Marina Kollmann, Soziale Arbeit M.A.

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Holger Vinke, Soziale Arbeit B.A.

 

Zitierte Literatur

Bergmann, K.E., Bergmann R.L., Ellert U. & Dudenhausen J.W. (2007). Perinatale Einflussfaktoren auf die spätere Gesundheit. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KIGGS). Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 50 (5-6): 670-676.

Löser, H. (1991). Alkoholeffekte und Schwachformen der Alkoholembryopathie. Deutsches Ärzteblatt, 88, 1921-1929.

Mackay, J., Eriksen, M. & Shafey, O. (2006). The tobacco atlas. American Cancer Society.

Spohr, H. L. & Steinhausen, H. C. (2008): Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen: Persistierende Folgen im Erwachsenenalter. Deutsches Ärzteblatt, 11: 529-534.

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