Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

MUTIG: Modelle der Unterstützung der Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter innovativ gestalten

 

Das offizielle Programm und Workshopbeschreibung der Abschlusstagung des Projektes MUTIG sind jetzt online verfügbar. Die Abschlusstagung ist bereits ausgebucht.

Projektförderung:

Das Projekt MUTIG wurde von Prof. Dr. Friedrich Dieckmann und Prof. Dr. Sabine Schäper vom Institut für Teilhabeforschung der Katholischen Hochschule NRW in Münster geleitet. Projektpartner waren das LWL-Inklusionsamt Soziale Teilhabe und der Landesverband Lebenshilfe NRW e.V. mit dem Lebenshilferat NRW. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützte das Forschungsprojekt im Rahmen der Förderlinie SILQUA-FH des Programms Forschung an Fachhochschulen vom 01.10.2015 bis zum 31.10.2018.

Aufgabenstellung und Ziele

Menschen mit sog. geistiger Behinderung möchten auch im Alter möglichst lange und selbstbestimmt in ihrer eigenen Wohnung leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Die Zahl älterer Menschen mit geistiger Behinderung nimmt weiter zu. Gleichzeitig diversifizieren sich in Deutschland die Wohnsettings, in denen sie leben. Mit dem Bundesteilhabegesetz sollen die Wohndienste stärker personenzentriert mit dem Ziel der gleichberechtigten und selbstbestimmten Teilhabe  arbeiten - und zwar unabhängig vom Lebensalter und unabhängig davon, in welchem Wohnsetting jemand lebt.

Ziel des Projektes MUTIG war es aufzuzeigen, wie sich die professionellen Dienste in drei gemeindebasierten Wohnsettings (Wohnheime, Haus- und Wohngemeinschaften, unterstütztes Wohnen alleine oder zu zweit) auf ihre Klient*innen im Lebensabschnitt Alter einstellen können und sollen, um individuelle Teilhabemöglichkeiten zu sichern oder neue zu eröffnen. Die entwickelten Lösungsvorschläge sollen nicht nur teilhabeförderlich, sondern für Anbieter und informell Unterstützende (z. B. Angehörige) organisierbar und wirtschaftlich tragfähig sein. Der Fokus lag dabei auf dem Lebensbereich Wohnen, weil für Menschen im Alter die Wohnung der zentrale Ort und Ausgangspunkt für die selbstbestimmte Gestaltung des Alltags und die Erschließung des Sozialraums ist. Der Lebensbereich Wohnen ist zugleich der Dreh- und Angelpunkt für die Organisation von Hilfen.

Methodisches Vorgehen und Ergebnisse

Arbeitspaket 1: Bestandsaufnahme zur aktuellen Wohnsituation und zu Umzügen im Alter:

In einem ersten Schritt wurde die aktuelle Wohnsituation älterer Menschen in Westfalen-Lippe anhand von Eingliederungshilfedaten der Jahre 2014 und 2015 untersucht. Es zeigte sich, dass in Westfalen-Lippe die häufigste Wohnform von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter das gemeindebasierte Wohnheim ist, auch wenn das unterstützte Leben in der eigenen Wohnung zahlenmäßig zunimmt. Die Bedeutung von Komplexeinrichtungen sinkt deutlich, während ein überraschend hoher Anteil bereits ab dem 60. Lebensjahr in einer Pflegeeinrichtung lebt. Etwa 6 % der über 50-Jährigen zog im Untersuchungszeitraum innerhalb eines Jahres um, wobei Umzüge sowohl in stärker institutionalisierte wie in eigenständigere Wohnformen erfolgten. Als stark eingeschränkt stellte sich die Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung bei Umzügen in Pflegeheimen dar, die häufig aufgrund von organisationsinternen Gründen und unzureichender Konzeptentwicklung in Diensten der Eingliederungshilfe erfolgen.

Arbeitspaket 2: Fortlaufende Analyse sich verändernder sozialrechtlicher und struktureller Rahmenbedingungen:

In einem Workshop mit Sozialrechtsexpert*innen wurden die sozialrechtlichen Rahmenbedingungen und Veränderungen eingehend diskutiert. Die Chancen und Potentiale des Bundesteilhabegesetzes wurden dabei ebenso sichtbar wie offene Fragen im Blick auf die künftige Gestaltung von Wohnsettings unter veränderten Bedingungen. Interviews mit Anbietern und mit Angehörigen gaben Aufschluss über Vorstellungen und zentrale Herausforderungen in der Weiterentwicklung von Lebenswelten für ältere Menschen mit lebensbegleitender Behinderung.

Arbeitspaket 3: Dokumentation ausgewählter unterstützter Wohnsettings sowie Identifikation und Evaluation innovativer Elemente:

Für jede der drei genannten Arten von Wohnsettings wurden Beispiele ausfindig gemacht, die innovative Bausteine im Blick auf die Begleitung von älter werdenden Menschen mit geistiger Behinderung bereits realisieren. Differenziert untersucht wurden Wohnprojekte in NRW und Bayern. Darüber hinaus wurden die Wohnunterstützung im Alter in drei europäischen Ländern (Niederlande, Norwegen, Dänemark) und innovative Praxen dortiger Praxispartner beschrieben.

Arbeitspaket 4: Entwicklung von Gestaltungsempfehlungen:

Auf der Basis der empirisch gefundenen innovativen Gestaltungselemente, der Analyse von Fachliteratur und zusätzlicher Praxishinweise wurde im Forschungsteam eine Systematik von Gestaltungsbereichen entwickelt. Neben Leitkonzepten für Anbieterorganisationen und Fragen des Personalmanagements wurden zu den folgenden Bereichen Empfehlungen erarbeitet:

 

o   Unterstützung organisieren

o   individuelle Lebensgestaltung im Alter

o   Sozialraum und soziale Beziehungen

o   Unterstützung der Tagesgestaltung

o   Mobilität

o   Pflege und Gesundheit

o   Unterstützung in der Nacht

o   Begleitung am Ende des Lebens

Für diese

Gestaltungsbereiche wurden jeweils die Anforderungen und Aufgaben formuliert und Lösungsvarianten mit ihren Vor- und Nachteilen diskutiert. Die Gestaltungselemente stellen exemplarisch dar, wie Lösungsvarianten implementiert werden können.

Ein methodischer Grundzug im Projekt insgesamt war die Einbeziehung von Menschen mit geistiger Behinderung. Sie wurden im Rahmen der empirischen Erhebungen zu ihren individuellen Wünschen für die Gestaltung der Lebensphase Alter befragt. Zudem wurden in Kooperation mit dem Lebenshilferat NRW in zwei Workshops mit Nutzer*innen mögliche zentrale Herausforderungen und mögliche Gestaltungsoptionen für das Leben im Alter diskutiert. Die Einschätzungen und Wünsche der Nutzer*innen sind in die Beschreibung der Lösungsvarianten eingeflossen.

 

(Zwischen-)Ergebnisse

Der erste Zwischenbericht (AP 1) ist Anfang 2018 erschienen:

Thimm, A., Rodekohr, B., Dieckmann, F., Haßler, T. (2018): Wohnsituation Erwachsener mit geistiger Behinderung in Westfalen-Lippe und Umzüge im Alter: Erster Zwischenbericht zum Forschungsprojekt „Modelle für die Unterstützung der Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter innovativ gestalten“ (MUTIG). Münster.

Den ersten Zwischenbericht können Sie hier herunterladen: Download

 

Die Ergebnisse aus dem AP 1 sind auch in der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie veröffentlicht:

Dieckmann, F.; Rodekohr, B.; Mätze, C. (2019): Umzugsentscheidungen in Pflegeeinrichtungen bei älteren Menschen mit geistiger Behinderung. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 52 (3), 241–248.

Haßler, T.; Thimm, A.; Dieckmann, F. (2019): Umzüge von älteren Menschen mit geistiger Behinderung. Eine quantitative Analyse. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 52 (3), 235–240.

Thimm, A.; Dieckmann, F.; Haßler, T. (2019): In welchen Wohnsettings leben ältere Menschen mit geistiger Behinderung? Ein quantitativer Vergleich von Altersgruppen für Westfalen-Lippe. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 52 (3), 220–227.

 

Eine Buchpublikation, welche sämtliche Ergebnisse gestaltungsbezogen aufbereitet, wird 2021 unter dem Titel „Innovative Gestaltung des unterstützten Wohnens von Menschen mit Behinderung im Alter“ im IRB-Verlag (in Kooperation mit dem Lebenshilfe-Verlag) erscheinen.

 

Ergebnisse werden außerdem auf nationalen und internationalen Fachtagungen vorgetragen und in entsprechenden Fachzeitschriften publiziert.

 

Unter diesem Link finden Sie das englischsprachige Poster des Projekts vom IASSIDD Kongress 2018 in Athen.

 

Projektleitung: Prof. Dr. Friedrich Dieckmann und Prof. Dr. Sabine Schäper

 

Wissenschaftliche Mitarbeit:

Theresia Haßler, Heilpädagogin (M.A.)

Monika Laumann, Heilpädagogin (M.A.)

Michael Katzer, Diplom-Heilpädagoge

 

Wissenschaftliche Hilfskraft: Martin Kemmerling, Heilpädagoge (B.A.)

 

 

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2020