Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen Catholic University of Applied Sciences

Morgen, Kinder, wird's nichts geben! (22.12.2019, Aachen)

Die KatHO in Aachen wünscht frohe Weihnachten und ein solidarisches neues Jahr 2020!

 

Morgen, Kinder, wird‘s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man‘s bedenkt.
Einmal kommt auch Eure Zeit.
Morgen ist‘s noch nicht so weit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden,
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden,

Puppen sind nicht mehr modern.

Morgen kommt der Weihnachtsmann.

Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt‘s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt‘s an Holz!
Stille Nacht und heilge Nacht –
Weint, wenn‘s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird‘s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit . . .
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

 

Erich Kästner, Weihnachtslied, chemisch gereinigt

© Atrium Verlag AG, Zürich 1928 und Thomas Kästner

 

Als Erich Kästner 1927 für die Weihnachtsausgabe der Zeitschrift Das Tage-Buch sein Weihnachtslied, chemisch gereinigt schrieb, ging ein Jahr zu Ende,
in dem die Zahl der in Deutschland Studierenden erstmals auf 100 000 Personen gestiegen war. An der Berliner Börse war am ‚Schwarzen Freitag‘ der Aktienkurs um fast 32% eingebrochen, in Fürth das Versandhaus Quelle gegründet worden. Und Adolf Hitler hatte sich mit Managern der deutschen Schwerindustrie getroffen, um Geld für seine Bewegung zu sammeln. 1927 war auch das Jahr, ab dem die Arbeitslosigkeit kontinuierlich anstieg, um 1932 den  Höchststand von 5,5 Millionen Menschen zu erreichen.

Wer auf der Seite derer stand, die am Rande der Gesellschaft leben müssen, der konnte nicht in die Weihnachtsromantik von Lichterglanz, Glockenklang und Geschenkidylle einstimmen. Und so unterzieht Erich Kästner das vertraute Kinderlied Morgen, Kinder, wird’s was geben einer ‚chemischen Reinigung‘. Wer am Rand lebt – und die Ränder sind breit in der Weimarer Zeit –, der hat  keine Geschenke zu erwarten, der muss sich damit begnügen, den Reichtum anderer zu bestaunen.

Wenn die Chemie den Zuckerguss-Firnis der Weihnachtsromantik weggeätzt hat, zeigt sich das unbarmherzige Gesetz einer auf Nutzenmaximierung basierenden Ordnung: „Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.“ Freilich ist diese  Ordnung, auch wo sie mit größter Selbstverständlichkeit daherkommt, nicht vom Himmel gefallen, sondern von Menschen gemacht: „Gott ist nicht allein dran schuld“ – es sind die Menschen, die sogar die Religion missbrauchen, um ihren eigenen Besitzstand zu verteidigen.

Das Jahr 2019 geht zu Ende. Ein Jahr, indem die Ränder der Gesellschaft immer noch breit sind, und zugleich immer mehr ausfransen. Ein Jahr, in dem Tausende für das Klima auf die Straße gingen, und andere gegen Weltoffenheit und Humanität protestierten. Ein Jahr, in dem die Deutsche Börse, SAP und Vonovia ein Allzeithoch einfuhren, und 650 000 Menschen in Deutschland keine Wohnung haben.

„Einmal kommt auch Eure Zeit“ – wenn wir solidarisch denken, leben und handeln ist das keine sarkastische Vertröstung, sondern der Anfang eines guten Jahres 2020.

 

Das Dekanat der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen

 

 

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